Auch das ist #Dortmund – Südwestfriedhof

Annette und ich begegnen uns immer wieder in unseren Blogs. Das ist schön. Sie war auf dem Südwestfriedhof in Dortmund unterwegs und hat nicht nur bemerkenswerte Zitate gefunden . Lest selbst. Ich freue mich drüber.

Ruhrköpfe

Auch das ist Dortmund: Der Südwestfriedhof

„Nichts ist schlimmer als ein Verlust, den du ohne Widerworte einfach hinnehmen musst!“ – Verfasser*in unbekannt

Gefunden habe ich dieses Zitat auf dem Südwestfriedhof, nachdem einige Bäume in unmittelbarer Umgebung des Schildes gefällt wurden:

Südwestfriedhof Dortmund, Foto: Annette Mertens

Der Südwestfriedhof wurde 1893 eröffnet und hat jede Menge alten Baumbestand, unter anderem die Platanenallee mit 60 Bäumen, die zum „Verzeichnis der Naturdenkmale in Dortmund“ zählt.


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Reinhard Mey: Wie ein Baum, den man fällt

Was bringt einen 32jährigen dazu, Lieder über das eigene Sterben zu schreiben und zu singen? Was, sich zu wünschen, wie es denn sein soll, wenn man gehen muss?
Ja, die Gedanken sind verständlich, auch der Wunsch, sich die Art und Weise des eigenen Todes aussuchen zu können und sich im Hier und Jetzt vielleicht ein wenig romantisch verklärt auszumalen, was dann passieren könnte und wie man das empfindet.
Wie gehen, wenn man gehen muss – das beschäftigt viele Menschen, mich eingenommen. Aber ich denke, als ich 32 war, stellte sich mir die Frage nicht.
Das Lied aber, um dass es hier geht, das kannte ich. So wie viele deutschsprachigen Lieder, die in den 70ern und frühen 80ern entstanden. Denn es war die ganz große Zeit der Liedermacher. Die Szene speiste sich aus Polit- und Protestsängern, aus Bänkel- und Blödelbarden, aus Poeten und Literaten, Kabarettisten, Deutschrockern und Chansonniers. Singer Songwriter würde man heute wohl zu den meisten sagen.
Schlagersänger versuchten sich mit Ernsthaftigkeit, mit echten Gefühlen weit jenseits der Herz-/Schmerz Romantik und Lyrik der ZDF Hitparade.

Ihre Namen: Georg Danzer, Wolf Biermann, Konstantin Wecker, Franz-Josef Degenhardt, Erika Pluhar, Dieter Süverküp, Hans Scheibner, Hannes Wader, Bettina Wegner, Ina Deter, Hermann van Veen, Klaus Hoffmann, Andre Heller, Stephan Sulke und eben Reinhard Mey.

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Buddhistisch bestattet

Jeder Friedhof, jedes Grab ist anders, aber: Friedhöfe und Gräber hierzulande sind auf ihre Art typisch. Christlich geprägt, abendländisch, mitteleuropäisch – wie auch immer man das nennen will. Wer viel auf Friedhöfen unterwegs ist kennt sicherlich auch orthodoxe Gräber oder muslimische. Auch jüdische Friedhöfe haben ihren eigenes wieder erkennbares Aussehen. Und buddhistische Grabstätten, woran erkennt man die? „Wahrscheinlich eher gar nicht“, sagt Chris Urban, Inhaber des Magdeburger Bestattungsunternehmens Samsara Bestattungen®. „In Deutschland gibt es zwar mittlerweile buddhistische Abteile auf Friedhöfen und sogar einige buddhistische Friedhöfe. Eigentlich unterscheiden sich diese aber nicht maßgeblich von unserer herkömmlichen Friedhofskultur. Man sieht natürlich ein paar mehr Buddha-Figuren und asiatische Dekoration. In den Ländern, in denen der Buddhismus die Hauptreligion ist, werden die Verstorbenen verbrannt und die Asche verstreut. Dort gibt es meist gar keine Friedhöfe, also auch keinen typischen Anblick.“

Chris Urban machte seine ersten Erfahrungen in der Bestattungsbranche mit 13 Jahren, in den Ferien mit kurzen Praktika. Anschließend hatte er dort einen Nebenjob und machte dann die Ausbildung zur Bestattungsfachkraft. Dort erlebte er eine buddhistische Bestattung und war von der Ausrichtung und der Ausstrahlung der Mönche sehr angezogen. Nach der Ausbildung sammelte er in verschiedenen Bestattungsinstituten Erfahrung, beschäftigte sich intensiver mit der Lehre des Buddha und verbrachte längere Zeiten in Klöstern in Deutschland und Thailand. Im Jahr 2021 dann hat Chris Urban im Alter von 25 Jahren sein eigenes Bestattungsunternehmen gegründet. Als praktizierender Buddhist und dadurch, dass diese asiatische Weisheitslehre in seinem Unternehmen verankert ist, möchte er unsere Bestattungskultur moderner, offener und menschenfreundlicheren gestalten.

Sigrid hat mit Chris über Buddhistisches Bestatten gesprochen.

Sigrid: Du bist Bestatter und zwar ein besonderer: du bestattest deine Toten buddhistisch. Wie kann ich mir das vorstellen, woran merke ich das?

Chris: Meine buddhistische Einstellung und Haltung hat in der Tat einen maßgeblichen Einfluss auf meine Arbeit, aber nicht in dem Sinne, dass es bestimmte Abläufe und Vorgaben gibt, die sich sofort wiedererkennen lassen würden. Im Gegenteil: Den Angehörigen wird der Buddhismus auf gar keinen Fall aufgedrängt. Er wird ihnen eventuell nicht einmal auffallen. Sondern was mir wichtig ist: Alle Menschen, ganz gleich welche Herkunft und Lebensanschauung sie haben, können bei mir Offenheit, Selbstlosigkeit und eine warmherzige Begleitung erwarten. Es geht mir immer darum, den Abschied so zu gestalten, dass er möglichst hundertprozentig den Wünschen der Hinterbliebenen entspricht.

Sigrid:  Wie sieht dein Arbeitsalltag aus? Was daran magst du am meisten? Und was am wenigsten … wenn du das verraten magst.

Chris: Wenn ich einen Bestattungsauftrag oder eine Anfrage zur Bestattungsvorsorge habe, fließt meine gesamte Energie in die Betreuung der Angehörigen. Wenn man einen lieben Menschen verliert, ist man verständlicherweise so aufgelöst, dass jegliche anfallende Arbeit einfach zu viel ist. Als Bestatter kann ich beinah alle anfallenden Tätigkeiten abnehmen und gleichzeitig auch einfach als Gesprächspartner oder nur als Zuhörer für die Trauernden da sein. So wie jeder Mensch anders ist, ist auch jede Bestattung anders. So gleicht kein Tag dem anderen, das gefällt mir sehr.  Und dann gibt es natürlich noch viele Tätigkeiten, die mit dem Bestatten an sich nichts zu tun haben, sondern generell damit, ein Unternehmen zu führen. Verwaltung, Abrechnung, Werbung. Letzteres vor allem ist für mich als junges Unternehmen wichtig, Bekanntwerden. Das sind die weniger geliebten Tätigkeiten. Aber: Wenn mich keiner kennt, kann auch keiner mein Angebot finden. Und ich könnte nicht das tun, was ich an meinem Beruf am meisten mag: Menschen helfen. Wenn nach einer Bestattung die Familie auf mich zukommt, sich bedankt und sagt, dass es so viel schöner war, als sie es sich jemals hätten erdenken können, dann ist das ein unbeschreiblich tolles Gefühl.

Sigrid: Ist deine Kundschaft buddhistisch oder muss sie es sein? Oder kann jeder und jede zu dir kommen?

Chris: Zu mir kann natürlich jeder kommen. Weder müssen Verstorbene und Angehörige buddhistisch sein noch müssen sie irgendwas davon wissen. Wir Buddhisten haben nicht die Absicht, jemanden von unserer Weltansicht zu überzeugen. Wir möchten einfach den Menschen dienen und Gutes tun. Denn: Wir Buddhisten glauben an die Wiedergeburt. Grob gesagt: Was stirbt, ist der Körper – wiedergeboren wird der Geist. Unsere Taten bestimmen Ort und Umstand der Wiedergeburt. Als Buddhas Nachfolger streben wir aber das Ende der Wiedergeburt an, das Ende von „Samsara“, dem Kreislauf des Lebens. Das gelingt, wenn man frei ist von jeglicher Negativität. Und so üben wir uns ein Leben lang darin, frei von Gier, Hass und Unwissenheit zu werden. Damit man irgendwann in das Nirvana gelangt – den ewigen Frieden.

Sigrid: Welche Unterschiede zu hierzulande üblichen Bestattungen erwartet einen dann überhaupt?

Chris: Das hängt komplett von den Wünschen der Angehörigen ab. Bei uns bekommen die Angehörigen eine sehr persönliche Bestattung. Das ist mir wichtig, nicht eine vorgefertigte Standardbestattung zu verkaufen. Sondern im Gegenteil die vielen Freiheiten, welche es heutzutage gibt, aufzuzeigen. Hierzulande ist zwar vieles stark geregelt, ja, aber es gibt auch sehr viele Möglichkeiten, die man landläufig vielleicht gar nicht kennt. Zum Beispiel bei der Wahl der Bestattungsform oder der Gestaltung der Trauer- oder Lebensfeier. Die muss nicht in der Kapelle eines Friedhofes stattfinden. Nichts spricht gegen eine Andacht im eigenen Garten, in der Lieblingsbar oder in einer lokalen Vereinshalle. Aber auch zu diesem „Neuen“ dränge ich meinen Kunden natürlich nicht. Sondern wir beraten gründlich über alle Varianten und lassen anschließend die Angehörigen entscheiden.

Sigrid: Du machst auch Bestattungsvorsorge, also dass man zu Lebzeiten mit dir bespricht und vereinbart, wie es dereinst ablaufen soll. Wie möchtest du selbst denn bestattet werden und verabschiedet und gefeiert werden?

Chris:  Meine einzige Vorgabe ist, dass mein verstorbener Körper erst nach drei Tagen berührt und überführt werden soll. Aus buddhistischer Sicht ist in dieser Zeit noch „etwas“ von uns da und mitten im Prozess der Loslösung. Wenn man in dieser Zeit ungestört bleibt, kann dies einen positiven Einfluss auf den weiteren Weg haben. Ansonsten: Sollten zum Zeitpunkt meines Todes noch Angehörige und Freunde leben, dürfen sie gerne so entscheiden, wie sie es für richtig halten. So dass es ihnen gut geht. Als Buddhist habe ich keine weiteren Wünsche.

One year ago – Ein Jahr wie eine Ewigkeit?

One year ago – Ein Jahr wie eine Ewigkeit?
Mitnichten.
Ja, ein Jahr ist um, aber kein Jahr wie eine Ewigkeit. Und wer in den Tiefen seiner Erinnerung kramt und im vorgerücktem Alter ist, wird zu der Überschrift vielleicht den markanten Sprechgesang von Falco heraushören, es sind die ersten beiden Zeilen aus Coming Home (veröffentlicht 1986). Hier aber geht es nicht um Falco, hier geht es um mein erstes Jahr als Autor in diesem und für diesen Blog.
Das erste Jahr, in dem ich hier mitarbeitete, ist um. 34 Beiträge sind es geworden, seit ich meinen ersten am 26.07. 2021 unter dem Titel Ich bin der Neue veröffentlicht habe.

Das Jahr ist wie im Flug vergangen, was jetzt nicht nur etwas mit der Mitarbeit in diesem Blog zu tun hat, aber darauf möchte ich mich an dieser Stelle begrenzen. 2021 dachte ich an ein bis zwei Beiträge pro Monat, es sind mehr geworden. Mittlerweile ist das Team, das hier schreibt, ein Vierergespann; da heißt es, Absprachen zu treffen, idealerweise feste Tage (ich hocke i.d.R. jetzt auf dem Freitag) und ein wenig Themenplanung, um die Mischung der Beiträge und damit die Abwechslung sicherzustellen. So langsam kristallisiert sich für mich ein fester Rhythmus heraus. Alle 14 Tage freitags morgens, könnt Ihr mit etwas Neuem von mir rechnen. Vielleicht wird es auch hin und wieder außer der Reihe weitere Beiträge geben, dann aber auch freitags morgens.
Wohin die Reise gehen wird, das konnte ich vor einem Jahr nur spekulieren. Ich schrieb: „Themen und Ideen gibt es reichlich, von vielen Friedhofsspaziergängen angefangen über so „neumodischen Kram“ vom Umgang mit dem Tod in digitalen, sozialen Netzwerken bis hin zu sehr individuellen Gedankenflüssen, die einfach so in die Tastatur fließen.“ Weiterlesen

Lesetipp: Vom Leben getragen

Ich freue mich, dass mich der Mabuse-Verlag auf dieses Buch aufmerksam gemacht hat. Im Vorwort „Mit unserer Liebe für die Toten“ steht: In kaum einem anderen Land Europas ist der Tod so ein Tabuthema, so angstbesetzt und so ins schwermütige Dunkel verdrängt wie hier. Das Glück, eine große Gemeinschaft um sich zu haben, die unterstützt und mitträgt, einander den Rücken freihält für das Wesentliche und tatkräftig mit begleitet, ist bis heute für die meisten Menschen, nicht nur in schweren Situationen, die Ausnahme.

Der Bestatterin ist der liebevolle Schutz für verstorbene Frauen und Kinder ein besonderes Herzensanliegen.

Das Buch wird hier auf der Seite des Verlags vorgestellt.

Die Autorin Ajana Holz ist Bestatterin mit Leib und Seele. Mit ihrem bundesweit mobilen Bestattungsunternehmen DIE BARKE begleitet sie seit über 20 Jahren die Toten in ihrem Übergang und die Lebenden beim Abschied und in ihrer Trauer. In diesem Buch widmet sie sich den vielen tabuisierten Themen rund um Tod und Bestattung.

Wie gehen wir als Gesellschaft mit unseren Toten um oder: Welchen Umgang lassen wir zu? Ist unser Körper „nur eine Hülle“? Und welche Folgen hat diese Annahme? Was ist alles bei einer Bestattung zu bedenken, was ist erlaubt und was nicht? Und was sollte sich daran ändern? Wie war unsere Bestattungskultur früher? Wie ist der professionelle Umgang heute?

Das Buch ist in folgende Kapitel aufgeteilt:

Mit unserer Liebe für die Toten …

Tod im Leben: Unser gesellschaftlicher Umgang
Wir lesen u.a. über „Nur die Hülle“? Folgen der Spaltung von Körper, Geist und Seele“ oder
„Zwischen Notwendigkeit und Körperverletzung“. So genau habe ich das bisher noch nicht gelesen oder überdacht, denn die Autorin erklärt in ihrem Buch „was so üblich sein kann bei einem Bestattungsunternehmen“. Ich gebe zu, es hat mich ein wenig erschreckt. Da wird ein Unterkiefer hoch gebunden oder Lippen mit Sekundenkleber verschlossen.
„Hebamme“ für die Toten
Sehr interessant und lesenswert, wie die Seelen-Hebammen arbeiten, welche anderen Bilder sie verwenden, es geht um Frauenweisheit und noch mehr: wie „DIE BARKE“ funktioniert und arbeitet
Für eine lebendige Bestattungs- und Trauerkultur!
Hier beginnt die Autorin mit den Trauerfeiern, die bunte Feiern des Lebens sein sollten … oder „40 Tage nach dem Tod: Eine erste Schwelle“
Von den sehr schweren Abschieden
Hier lesen wir über die plötzlichen Tode oder über den Tod von Kindern
Mit der Todin tanzen: Eine andere Kultur
Es geht u.a. um die bunten Feste Mexikos, Schamanin-Sein und dass die Toten mit uns sind
Wie will ich bestattet werden?
Hier lesen wir u.a. über Organspende, Vollmachten und Verfügungen. Die letzten Seiten im Buch helfen uns bei der Klärung unserer Wünsche für unsere eigene Bestattung: Ab Seite 196 geht’s los mit den „Wünschen für meine Bestattung“. Da steht beispielsweise: „Ich bestimme hiermit ausdrücklich, dass mein Körper weitestgehend in Ruhe gelassen, sanft, fürsorglich und natürlich behandelt werden soll. Will ich gewaschen werden? (Nur, falls nötig oder nach eigenem Ermessen; auf jeden Fall sanft und behutsam …)

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World Drowning Prevention Day – ein paar Gedanken

Am 25. Juli 2022 ist wieder der World Drowning Prevention Day, der Tag, an dem nicht nur der der vielen Ertrunkenen gedacht wird sondern an dem auch umfangreiche Maßnahmen gefordert werden, Menschen vor dem Tod durch Ertrinken zu bewahren. Wohlgemerkt: Es geht dabei nicht um die Tausende Toten, die bei ihrer Flucht in den Meeren der Welt umgekommen sind, auch nicht um die Toten in Folge von Flutkatastrophen. Es geht um Menschen, die bei Schwimm- und Badeunfällen ertrunken sind. Hier fordert die Weltgesundheitsorganisation WHO gezielte Maßnahmen, allem voran natürlich, dass es ein funktionierendes System des Angebots von Schwimmunterricht gibt, dazu die Absicherung von Gewässern.

Um das einzuordnen: 2021 sind lt. DLRG Statistik in Deutschland mindestens 299 Menschen bei Badeunfällen zu Tode gekommen, so wenig wie seit Jahren nicht, was allerdings dem eher schlechten Sommer geschuldet ist, 85 Prozent davon in Seen und Teichen, überwiegend Männer Ü50 – eine Mischung aus Selbstüberschätzung, nicht selten in Kombination mit Alkohol, aber eben auch in Folge von Herzinfarkten, Krämpfen etc.
Dieses Jahr dürfte die Statistik etwas anders ausfallen, allein, was ich in den vergangenen Wochen an Meldungen über Badeunfälle gelesen habe, ist enorm.

Warum erwähne ich das Thema hier?

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Besuch bei einer alten Dame

Sie parkte ihren Wagen in einer engen Parklücke. Es würde schwer werden aus dem Wagen zu kommen. Sie blieb sitzen, schaute auf die weiße Villa, die so gar nicht nach einem Sanatorium aussah, eher wie eine großzügige Party-Location: das letzte Zuhause ihrer Großmutter. Zuhause, was für ein seltsames Wort. Es sollte mehr sein als ein Haus. Dieses Haus war zu. Alle Türen abgeschlossen, der Garten hoch umzäunt. Selbst Wünsche, die vermutlich die wenigsten Bewohner noch hatten, konnten nicht herausfliegen. Die Fenster abgeschlossen und die eigenen Ideen durch den geregelten Tagesablauf gelenkt.

Sie hing ihren Gedanken nach. Die Präsentation musste fertig, Fenster geputzt und eingekauft werden. Und sie musste endlich aussteigen. Sie zwängte sich durch den schmalen Spalt der ihr dazu blieb und atmete noch einmal tief durch, ehe sie auf die Eingangstür an der Rückseite des Hauses ging. Auch hinein kam man nicht ohne weiteres. Klingeln, warten, lange warten und sich dann erklären. Sie wollte ihre Großmutter sehen. Ja, sie war die Enkelin von Frau Müller oder das was noch von ihr übrig war.

Alle Selbstsicherheit war dahin als sie auf die alte Frau im Rollstuhl zuging, der einfach mitten in dem großen Raum stand. Ihre Großmutter hatte ihr den Rücken zugewandt, war inzwischen nicht mehr zu erkennen. Jemand entschied für sie welche Bluse sie trug, wie ihre Haare geschnitten und dass sie nicht mehr gefärbt wurden. Sie sah anders aus, als die Frau die sie so liebte und brauchte. An guten Tagen erkannte ihre Großmutter sie. „Hallo mein Schätzchen“ war zumindest so zu interpretieren.

Sie schob den Rollstuhl mit Ihrer Großmutter näher zu einem Sofa und setzte sich.

„Wie geht es Dir?“, war alles was ihr einfiel. Wie sollte ein Mensch der nicht wusste, was er gerade gegessen hat, das beantworten?

„Alles gelb!“ Alles gelb? „Gefällt Dir der Vorhang?“
„Ja. Das Hotel ist ganz Tomate. Wann fahren wir nach Hause?“
„Nach dem Abendessen“, sagte sie. „Was habt ihr denn heute gemacht?“
Ihre Großmutter antwortete nicht sondern schaute zu einer Mitbewohnerin, starrte sie an und es brach aus ihr heraus: „Die hat ja einen Arsch wie ein Brauereigaul!“ Anarchie im Gedankenknast – gut beobachtet und treffend formuliert.

Dann fingen Bewohner, Patienten, Gedankengefangene an zu singen. Das ging immer, wenn Text und Melodie auch mindestens 70 Jahre alt waren. Dann nahm der Kapitän sie mit auf die Reise. Eine temporäre Flucht in eine tatsächlich auch nicht bessere Vergangenheit, alles andere als rosig. Doch die Wangen glühten, die Gesichter strahlten, ihre Augen glänzten und die Münder öffneten und schlossen sich, oft stumm und ohne Worte, doch mit großer Begeisterung.

(*Das ist der erste Text, den ich in einer Schreibwertstatt geschrieben habe und vermutlich der persönlichste)

Und weiter geht’s mit der Debatte. Gut sterben. FAS Artikel vom 5. Juni.

Kaum waren die drei Seiten in der Sonntags FAZ veröffentlicht, ich hatte den Artikel hier im Blog erwähnt, wurde die Debatte im Bundestag aufgegriffen.

im Trebah Garden Cornwall – fotografiert

Zwei Wochen später erscheint wieder in der Sonntags FAZ – diesmal prominent auf der dritten Seite der Artikel „Gut sterben“ – wurde aktualisiert mit der Überschrift: „Herr Wörner sucht den guten Tod“. Es wird Ottmar Wörner vorgestellt, der sterben will, bevor er zum Pflegefall wird oder vor Schmerzen umkommt. Da kennt er einige Beispiele und es gruselt ihn so zu enden wie z.B. sein bester Freund. Herr Wörner ist 87 Jahre alt und er weiß, was er will und lässt sich davon auch nicht abbringen. Für ihn steht fest, es muss ein selbstbestimmter Tod sein, den er sterben möchte.

Das Bundesverfassungsgericht entschied 2020, dass sich jeder töten darf, und das jederzeit, in jeder Lage. „Das Recht auf selbstbestimmtes Sterben ist nicht auf fremddefinierte Situationen wie schwere oder unheilbare Krankheitszustände oder bestimmte Lebens- und Krankheitsphasen beschränkt. Es besteht in jeder Phase menschlicher Existenz“, heißt es im Urteil. „Das Recht, sich selbst zu töten, umfasst auch die Freiheit, hierfür bei Dritten Hilfe zu suchen und Hilfe, soweit sie angeboten wird, in Anspruch zu nehmen“, urteilten die Richter.

Und nun ist der Gesetzgeber an der Reihe, die Sterbehilfe zu regulieren. Noch gibt es kein Gesetz, nur den Richterspruch vom Bundesverfassungsgericht. Viele Menschen wissen nicht, dass der assistierte Suizid inzwischen in Deutschland möglich ist. Es ist in keiner Weise ein „Graubereich“, stellt der Geschäftsführer der DGHS, Johannes Weinfurter, klar.

Die DGHS, die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben, hatte ich in meinem letzten Artikel bereits erwähnt. Wenn man telefonisch den Wunsch äußert, dass man sterben möchte, erhält man zwei DIN-A4-Seiten, die darüber informieren, was nötig ist. Sechs Monate Mitgliedschaft sind Voraussetzung, dann darf man ein sogenanntes Motivationsschreiben schicken mit seinem Sterbewunsch.

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Friedhofsspaziergänge im Süden Cornwalls

In Cornwall besuchte ich drei verschiedene Friedhöfe. Es waren alte historische Friedhöfe. Die Grabsteine verwittert und windschief, die Gräber eingefallen, manchmal mit zerbrochenen Grabplatten, einige wenige mit Blumenschmuck, die jüngeren Datums sind.

Wir besuchten die Grabstätten von Mullion, St. Mellanus und Zennor (gegenüber dem Friedhof aßen wir mittags im 700 Jahre alten Pub „The Tinners Arms“ zu Mittag). Nachfolgend ein paar der schönsten Eindrücke.

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Der alte Friedhof im einstigen Mallertshofen

Ist es Zufall?
Es scheint, als habe ich ein ganz besonderes Talent, einen Ort nach dem anderen anzusteuern, in denen Ortschaften verschwunden, die Kirche und der Friedhof drum herum aber erhalten geblieben sind.
St. Martin, die alte Kirche von Mallertshofen gehört ebenso dazu wie St. Clemens in Oberberghausen oder Heiligkreuz in Fröttmaning. Während die letztgenannten Orte jedoch wirtschaftlichen Interessen weichen mussten, ist Mallertshofen „einfach so“ von der Landkarte verschwunden – der verheerende Dreißigjährige Krieg war der Auslöser einer nicht endenden Abwanderung bis im 19. Jahrhundert die letzten Bauern ihre Höfe verließen. Zurück bliebt eine Wüstung. Und die Kirche.

Nun steht die Kirche da inmitten eines Naturschutzgebiets, dem Mallertshofer Holz und der Heiden, ganz in der Nähe des kleinen Mallertshofer Sees auf dem Gebiet der heutigen Gemeinde Oberschleißheim. Weiterlesen