Stolze Witwe Steffi mit der Urne im Arm

Steffi ist einverstanden, dass ich über Joschis Trauerfeier schreibe. „Ich wollte das steife übliche Rituell nicht. Ich wollte es anders. Und ja wir müssen drüber sprechen, damit es anders wird“, antwortete sie mir. Ich freue mich über eine Trauerfeier schreiben zu können, die im September auf dem Münchner Waldfriedhof stattfand.

Steffi mit der Urne und die Kids

Allein wie Steffi mit der selbstbemalten Urne souverän und stolz am „Meeting-Point“ stand und auf ihre Gäste wartete, berührte mich sehr. Ich verstand es als ein Signal. Es geht anders: Die Urne von den Kindern und ihr selbst bemalt, sie im luftigen Sommerkleid und Highheels, die Urne mit Joschis Asche im Arm, die sie zum Grab trug.

Das war schön! Berührend! Anders!

„Please come colourful“, stand auf der Einladung. Eine bunte Gästeschar war angereist. Wir spazierten einen langen Weg über den Friedhof. Das Grab war wunderschön hergerichtet mit vielen bunten Blumen. Ein Mikrofon war installiert für die Trauerrednerin und die Musikerinnen. Es regnete nicht. Wir hatten wunderschönes Wetter. Wir weinten, wir lachten, wir hörten zu, wir lauschten den Geräuschen aus dem Wald.

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Blog-Aktion: Abschied nehmen – begleiten auf dem Weg ins Licht

Monika-Maria schenkt uns ein Gedicht und beschreibt das Brief-Ritual … „der Himmel ist nur einen Schritt entfernt“.

ZAUBEREI MIT BUCHSTABEN

Danke,
weil ich an dieser Blog-Aktion vom
Totenhemd-Blog mitschreiben darf.
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Das Thema von Totenhemd-Blog für diese Aktion lautet:
Abschied nehmen zu Corona – Zeiten.

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Heimkehr

Es ist die Zeit gekommen und deine
Seele ging heimwärts, zum Vater.
Es ist eine Zeit angebrochen
in der es für dich hier auf Erden,
nichts mehr zu tun gibt.

Die Zeit ist gekommen,
und das irdische Kleid abgelegt.
Jetzt ist dein Auftrag erfüllt.

Wenn die Zeit gekommen ist,
dein Herz nicht mehr schlägt und es
nur einen Menschen gibt, der dich liebte,
dann hast du nicht umsonst gelebt…

…wenn es nur einen Menschen gibt,
dem du Worte sagtest, die ihm Mut machten,
dann hatte dein Leben Sinn…

…wenn es nur einen Menschen gibt,
der sich durch dich verstanden fühlte,
dann hatte dein Leben Kraft…

…wenn es nur einen Menschen gibt,
auf dessen Gesicht du ein Lächeln zaubern konntest,
dann hatte dein …

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Das Bergsteiger-Grabkreuz, das auf den Berg umzog

In der Schweiz sitze ich bei meiner Freundin „oben auf’m Berg“ auf der Terrasse unterhalb vom Tanzboden – so heißt der Berg. Spüre die Sonne in meinem Gesicht. Höre in der Ferne das leise Bimmeln der Glöckchen, die an Schafhälsen hängen. Genieße „Kaffeestückscher“, die ich aus der Heimat mitbrachte und höre Renée zu. Ihr Hund zwischen uns. Er schaut frech.

„Wir haben das Grabkreuz unseres Vaters vom Friedhof nahe Hanau hierher umgezogen. Die Zeit des Grabes war abgelaufen und sollte aufgelöst werden. Mein Vater liebte das Bergsteigen. Er hat viele viele Viertausender bestiegen! Wenn er in der Schweiz war, gehörte es für ihn dazu, den Bergsteigerfriedhof in Zermatt zu besuchen. Wir wussten, er wünscht sich ein schmiedeeisernes Bergsteigerkreuz für sein Grab, so wie man es dort in Zermatt auf den Gräbern sieht. 

„Komm‘ ich zeig dir, wo es steht.“ Sprach’s und sprang auf und zeigte mir in der Höhe ganz oben auf dem Grundstück das Grabkreuz mit dem Eispickel ihres Vaters. Es wirkt wie ein Gipfelkreuz da oben. „Wie schön ist das denn“, sagte ich zu ihr. „Das muss in unseren Blog in die November-Blogaktion. So ein herrliches Ritual!!! Ihr habt das Grab nicht einfach wegräumen lassen sondern habt das Kreuz mitgenommen und hierher umgezogen in die Schweiz“. Und dann dieser phantastische Blick ins Tal hinunter auf den Zürichsee.

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Mein Trauermonat November

Etwas spät heut aber mit viel Freude und Dankbarkeit, dass uns Hiltrud darauf aufmerksam macht und einlädt: „Und doch möchte ich nur der Trauer, der Traurigkeit und den Tränen Raum geben“.

ilseluise

Beruflich (ich bin Pfarrerin) ist der November schon lange Trauermonat für mich. Mit dem Volkstrauertag und dem Totensonntag. Und dem Gedenken an die Reichsprogromnacht am 9. November.

Besonders die Ausgestaltung des Totengedenkens der Verstorbenen des vergangenen Kirchenjahres ist mir immer eine Herzenssache. Die Namen werden genannt, die Toten werden erinnert und Gott vorgehalten. Bei Gott sind sie unvergessen – und sie bleiben es. Die Trauernden entzünden Lichter. Texte, Gebete und Predigt wollen berühren und trösten.

In diesem Jahr bin ich am Totensonntag in meinem Krankenhaus mit einem Gottesdienst präsent. Heute, am 22.11.2020. Sehr wahrscheinlich sind auch Trauernde unter den Patienten und Patientinnen, die am Fernseher mit dabei sind. Anders geht es ja grad nicht. Auch wenn bis 10 Patient*innen in die Kapelle kommen dürfen, es kommen schon immer nur selten welche, da die meisten viel zu krank sind. Bis Mitte März kamen auch Menschen von „draußen“ in die Krankenhauskapelle zum…

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Sarah: Ich hab das große Glück …

… ich darf Rituale finden. Immer wieder neu. Mit den Familien. Den Angehörigen. Mit Kindern, die ihre Eltern vermissen. Die noch einmal mit ihnen auf eine letzte Flasche Cola anstoßen. Mit Söhnen, die lachen, weil sie sich an das letzte Grillfest erinnern und sagen: „Und dieses Jahr erst recht – auch wenn Papa nicht mehr dabei ist.“ Ich darf mit Enkeln Steine und Blumen rund um die Urne legen, darf um Omas beste Nusseckenrezepte feilschen und ihr dann auf den Sargdeckel bunte Bilder kleben. Ich darf Lieder singen, obwohl alle anderen nicht dürfen – und ich sing sie für sie. Mit manchen darf ich mitweinen, weil ihre Geschichte ein Stück weit meine geworden ist. Oder längst schon war. Ich darf mit ihnen reden, schreiben, an Gräbern stehen und hinterher gemeinsam Kuchen essen. Auch wenn ich immer die Käsebrote bekomme – das ist der Deal. Streuselkuchen mag ich nicht so gern – das wissen mittlerweile viele schon. „Ach, Sie essen ja kein Wurschtenbrot und Kuchen mögen Sie auch nicht. Sie machen ja Sport.“ 

Dieses Jahr aber, da durfte ich noch so viel mehr als all dies. Und auch wenn ich es für kein großes Glück halte – ich bin dennoch dankbar. Weil sie mich wachsen ließen. Mir Grenzen zeigten. Mich verändert haben. Mich neben all den Sprachlosigkeiten in diesem Jahr um Worte ringen ließen. Und mich im Nachhinein als gesegnet zurückgelassen haben.

Das eine: Ich durfte die erste Beisetzung auf einem Friedhof gestalten, der nun auch noch zu meinem Seelsorgegebiet gehört. Auf demselben Friedhof, direkt das Grab neben jener ersten Beisetzung, da steht eine Figur eines Motorrads. Das Model habe ich dort hingestellt – vor Jahren schon. Es ist eine Erinnerung an die gemeinsamen Ausflüge, die mein Papa und ich vor wenigen Jahren noch mit seinem echten „Mopped“ gemeinsam gemacht haben. Er ist gefahren – ich hinten drauf. Eigentlich ist sein Grab bisher für mich nie ein Ort des Trostes gewesen. Kein Ort, an dem ich ihn finden konnte. Aber seit diesem Jahr ist es anders. Seit diesem Moment schon. Und ich freue mich bereits, wenn auch ich ihm am 22.11. neben all den anderen, die an diesem Tag ein Kerzchen um uns herum auf das Grab ihrer Angehörigen stellen, ebenfalls eines bringen kann. Dann bin ich eine von ihnen. Eine, die erinnert, lacht, vermisst, weint und versöhnt(er) ist.

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Im Rahmen

Dass auch Trauern in Coronazeiten ein Kraft- und Drahtseilakt ist macht uns Karolin klar. Ich bin zutiefst berührt von ihrem Blogartikel. Und wie schön, dass sie dabei ist … wir kennen uns ja nun auch schon eeeewig :-). Virtuell eben.

reingelesen

Ich weiß noch wie still es plötzlich war und wie gut das tat. Und das da dieses Gefühl war, das die Welt da draußen jetzt viel besser passte, etwas nachgab, ein Luftholen möglich war, für den Moment. Irgendwie.
Das was vorher nur in mir war und in meiner kleinen Welt, fand plötzlich Resonanz da draußen. Und auch wenn da etwas Angst war und es alles etwas grusliges hatte und mir der Vorrat fehlte und einkaufen so verdammt anstrengend war und die Angst in mir das irgendwann auch die Läden schlossen und mir vielleicht das Essen ausginge und ob denn auch alles andere vorhielte und ich mir Sorgen machte wegen des Wassers, und der Badeofen immer noch kaputt war und ich nun seit 3 Monaten wieder zurück war in meiner Wohnung, wo alles über ein Jahr vor allem still lag, auch wenn das alles war, war es schön, dass meine Welt…

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Ein Hundehimmel voll Bananen

Doro erinnert sich an Anni … eine Neufundländerhündin … und erzählt uns vom Erinnerungsritual zum 1. Todestag zu Coronazeiten im grünen Wohnzimmer. Da schlagen Hundeliebhaberherzen höher ;-).

Jippie! Au Ja!

Dieser Text ist im Rahmen der November-Blogaktion 2020
vonTotenhemd-Blog entstanden.
***

Anni ist tot.
Anni, die Neufundländerhündin unserer guten Freunde.
Letztes Jahr im Oktober ist sie gestorben,
nachdem sie große Schmerzen hatte.
Hat ihren Kopf am Abend zum Abschied noch jeweils in den Schoß
ihres Herrchen und ihres Frauchen gelegt
und ist dann gehn Hundehimmel
auf und davon.
Am nächsten Tag waren wir alle noch mal da mit den Kindern.
Bei der toten Anni.
Haben Abschied genommen, Bilder gemalt, Fotos gebracht,
eine Kerze entzündet, geweint und gespielt,
selbstgemachtes Bananenbrot gegessen
und Bananen als Proviant für die letzte Reise hingelegt.
Denn Anni liebte Bananen über alles.
Dann wurde sie fortgebracht zum Krematorium
und ihre Asche verstreut auf einer Blumenwiese daneben.

Ein Jahr später.
Herbst 2020.
Wir suchen für uns und für unsere Kinder
nach einem Ort zum „Anni erinnern“.
Die Blumenwiese ist zu weit weg
und wegen Corona ist eh…

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Digitale Gedenkfeier für einen Kollegen

Mein Kollege M. starb unerwartet. Wir hatten uns alsbald auf einen Kaffee verabreden wollen, nachdem er lange und schwer krank gewesen war. Die Fäden wieder aufnehmen wollen von freundschaftlicher Unterstützung und kollegialem Austausch.

Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern eines Netzwerks, das ich sehr schätze. Ich wurde gebeten, im Rahmen eines digitalen Netzwerktreffens eine kleine Gedenkfeier zu halten. Zum Glück bin ich im Gestalten von Zoom-Veranstaltungen inzwischen sehr geübt und hatte in den Wochen zuvor viel Online-Zeit in meiner Impro-Community von InterPlay.org verbracht.

Ich eröffnete das Gedenken mit diesem Text von Konstantin Wecker, weil unser Kollege selbst gern Wecker hörte und spielte. Bewusst nur den Ton. Schließlich war dies keine K.Wecker Gedenkveranstaltung. Irgendwann teilte ich auch noch eine Collage mit einem Bild von M. und einem Himmelsfoto, das ich diesen Sommer eingefangen hatte.

Ich zündete eine Kerze an und hob das Tässchen Kaffee in die Kamera, das er ganz grundsätzlich, gern und überall trank. Lud die anderen ein, den nächsten Kaffe auf unseren Kollegen zu trinken. Dann hielt ich noch ein Buch hoch, das er als wichtiges inhaltliches Vermächtnis hinterlässt.

In einer Improvisation, die zwischen Bewegung und Erzählen wechselte, erinnerte ich mich an M., beklagte all das unvollendete, sprach ihn auch direkt an. Das hat mich selbst überrascht.
Ich lud die anderen ein, in kleinen Gruppen für etwa 10 Minuten immer nacheinander im Wecshel in folgender Weise aufzuzählen: „Ich könnte erzählen wie M. …“ und dann gab ich Beispiele, wie dieser Satz in einem Satz ergänzt werden könnte. Wenn Zeit war, wurde sicher die ein oder andere Erinnerung mit mehr Sätzen aufgefüllt. Aber so kamen in kurzer Zeit viele zum Zuge und selbst das kurze Benennen der Erinnerungen ließ kleine Welten aufblitzen.
Wieder zurück in der Gruppe lud ich ein, noch einen Satz der Würdigung unseres Kollegen in den Chat zu schreiben. Ich gab wieder selbst ein Beispiel, sagte, dass diese ohne Namen zusammengestellt und evtl. auf der Webseite des Netzwerks veröffentlicht werden. Während wir schrieben, ließ ich (wieder nur den Ton) von YouTube ein abschließendes Lied von Konstatin Wecker spielen.

Ich schloss mit einem Segen.

Viele Kolleg*innen haben mir hinterher geschrieben, dass sie sehr berührt waren und froh, dass sie auf diese Weise einen Ort des gemeinsamen Gedenkens hatten.
Mich hat besonders gefreut – und es hat mir gutgetan, dass wir über diese kleine Form der geteilten Erinnerungen so viel von M. einfangen und teilen konnten, was ihn ausgemacht hat und dass wir es in unseren eigenen Worten tun konnten.

Ein Beitrag zu unserer Blogaktion im November 2020 zu Ritualen des Abschieds in der Corona-Zeit.