Puhdys – Wenn ein Mensch lebt

Die Älteren erinnern sich vielleicht noch, vor allem die Menschen, die in der DDR groß geworden sind – vielleicht auch einige, mit tiefergehendem cineastischen Wissen und Interesse.
1973 kam in der DDR Heiner Carows Film Die Legende von Paul und Paula in die Kinos. Viel Diskussionen und Streit gab es darum. der Film sollte eigentlich gleich unter Verschluss genommen werden, aber Erich Honecker gab persönlich seinen Segen, dass der Film gezeigt werden konnte. Es wurde ein Riesenerfolg in der DDR, über 3 Millionen Zuschauer lockte er in die Kinos. Unzählige Male wurde er bis in die 80er auch im Fernsehen gezeigt, erst als die Hauptdarstellerin Angelica Domröse und der Hauptdarsteller Winfried Glatzeder in den Westen gingen, verschwand der Film von den Bildschirmen.
Für Regisseur Heiner Carow war er der große Durchbruch, der ohnehin schon populäre Drehbuchautor Ulrich Plenzdorf, der im Jahr zuvor Die neuen Leiden des jungen W. veröffentlicht hatte, zeigte erneut sein Talent, die Lebensumstände der jungen Nachkriegsgeneration in die Literatur zu überführen.
Und für noch jemanden war der Erfolg des Films der ganz große Durchbruch: Die junge Berliner Band Puhdys, die zwei Songs beisteuerten. Einer wurde erst in der DDR, dann auch in der Bundesrepublik ein großer Hit, der Eröffnungssong des Film Wenn ein Mensch lebt. Bis heute gehört der Song zu meinen absoluten Lieblingsliedern, ist in einigen meiner Spotify-Playlists, was dazu führt, dass ich ihn sehr oft höre und bisweilen lautstark im Auto mitgröle.
Natürlich nur, wenn ich allein bin.
Und noch vor einigen Jahren heimste ich diverse anerkennende Blicke ein von Menschen meines Semesters, die in der DDR groß geworden sind. Sie waren überrascht, dass es auch Westler (wie ich einer bin) gibt, die dieses Lied kennen, die überhaupt davon Kenntnis haben, was einst hinter der Mauer an Pop(ulärer)-Kultur entstand und das auch noch mögen.

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Leere, Trauer, Machtlosigkeit – kein Happy End

Vorbemerkung:
Seit Anfang Dezember 2021 wurde der 16jährige Joshua aus Berlin-Hellersdorf vermisst. Die Polizei suchte fieberhaft, die Medien im Berliner Raum veröffentlichten Suchaufrufe, der Vater wandte sich in seiner Verzweiflung selbst an die Öffentlichkeit. Twitter war eines der Medien seiner Wahl.

Seine eigene Reichweite und das tausendfache Teilen des Suchaufrufs machten den Fall weit über Berlins Grenzen bekannt. Es waren drei Wochen voller Hoffen und Bangen, dann am 1. Weihnachtsfeiertag kam die traurige Gewissheit: Der Junge war tot, ein Spaziergänger hatte die Leiche des 16jährigen gefunden. Rico Baganz, der Vater, machte seiner Verzweiflung auf Twitter Luft, ein Tweet, der alle, die das Geschehen verfolgten, wie ein Schlag in die Magengrube traf.
Selten taten wenige Worte und schwarze Herzen so weh.

Ich möchte an dieser Stelle die ersten Tweets des Vaters und einen von der Berliner Polizei teilen – es geht an die Nieren, denn es ist wohl das Schlimmste, was Eltern passieren kann: Das eigene Kind zu verlieren.
Niemand, der das nicht selbst erlebt hat, kann das nachvollziehen, allerhöchstens eine Ahnung davon haben, was das bedeutet, was diese Familie durchmacht. Rico Baganz hat mittlerweile angefangen, auf Twitter von seinem toten Jungen zu erzählen, seine Tweets sind eine Art Therapie, wie er selbst schreibt. Das ist aufwühlend und zutiefst bewegend. Die Anteilnahme Hunderter unter jedem einzelnen Tweet ist überwältigend und wiederum sehr an die Nieren gehend.

Bitte klickt auf Weiterlesen nur, wenn Ihr die Tweets eines völlig verzweifelten Vaters in all seiner Leere, Trauer und Machtlosigkeit lesen (und aushalten) könnt. Es ist – zumindest empfinde ich das als Vater so – sehr schmerzhaft. Aber es ist ein Teil unser aller Lebenswirklichkeit, vor dem wir uns nicht verschließen können. Wenn wir übers Sterben reden und den Tod, dann gehört auch das dazu.
Geliebte Menschen sterben, und wir müssen damit umgehen. Rico hat seine Art gewählt: Lautes, öffentliches Trauern.

Auch wenn Ihr keinen Twitter-Account habt, könnt Ihr über einen Klick den Original-Tweet auf der Plattform lesen.

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Ist jeder Morgen Neuanfang

Heute am 3. Januar mag ich euch schreiben, dass mir im Anderen Adventskalender das Gedicht „Nacht“ von Mona Harry besonders gut gefallen hat. Es erschien am 21. Dezember. Es hätte fast „mein“ Neujahrsgedicht abgelöst. Aber auch nur fast. Ich finde, es braucht wiederkehrende und verlässliche Rituale. Deshalb hatte ich mich dann doch wieder für den Neujahrsmorgen von Yoshida Kenko entschieden.

Aber sagt selbst, diese Zeilen haben doch Gewicht für einen gelungenen Jahresanfang:

… Wo träumend alles möglich ist
Wo Blumen niemals welken
Wo Mondkühe im Partnerlook
Auf Ozeanen zelten
… Wo Altes gestern werden kann
Nur weil gestern niemals heute ist
Ist jeder Morgen Neuanfang.

Ich find’s schön.

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Alle Jahr wieder: Neujahr

Zum achten Mal poste ich am 1. Januar dieses wunderbare Gedicht von Yoshida Kenko im Totenhemd-Blog:

Kurpark Bad Kreuznach an einem Dezembermorgen

NEUJAHR

– der erste Morgen –

Bricht der erste Morgen des neuen Jahres an, so erscheint der Himmel nicht anders als am Tage zuvor, aber doch ist einem seltsam frisch zumute, als habe sich vieles verändert.

(Yoshida Kenko)

Liebe Leser*innen, ich freue mich gemeinsam mit Lutz auf dieses neue noch taufrische Jahr 2022. Gemeinsam mit euch werden wir uns austauschen, schreiben und lesen. Ich freue mich darauf. Alles Liebe und Gute, viel Schönes und Neues, Gutes und Gewohntes sowie Gesundheit wünsche ich Euch.

Schöne Tage diese Tage

dieses Bild ist in Richterswil entstanden … wir feiern Weihnachten in Frankfurt

„Schöne Tage diese Tage“ … so schreibt ein mir lieber alter Freund jedes Jahr am Heiligabend. Wenn er es vergisst, denke ich, jetzt ist er gestorben. Dieses Jahr hat er wieder dran gedacht: er lebt noch :-).

Auch an Heiligabend wird gestorben. Ein liebe Freundin meiner Mutter ist hochbetagt eingeschlafen und wird nächste Woche beerdigt.

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45 Bilder – und die Stories dahinter

Am 19. August habe ich hier im Totenhemdblog eine kleine Bildmediation veröffentlicht. Es ging, wie sollte es anders sein, um das Thema Tod und Vergänglichkeit.
Passend zum Weltfototag 2021.
Es war eine sehr subjektive, sehr willkürliche Auswahl an Fotos, die ich für mein eigenes Blog für unterschiedlichste Beiträge angefertigt hatte, Bilder, von denen ich denke, dass sie aber auch in diesem Kontext hier gut passen. Aber längst nicht jeder meiner Beiträge beschäftigte sich mit dem Tod oder der Vergänglichkeit. Dennoch denke ich, dass diese Bilder bestens passen.

Ein kleiner Teil der Fotos waren zugleich eine Vorschau auf Beiträge, die ich hier veröffentlicht habe oder noch im kommenden halben Jahr veröffentlichen werde. Dazu gehören vor allem kleine Friedhöfe von Orten, die es längst nicht mehr gibt.
Falls Sie schon jetzt wissen wollen, was die einzelnen Bilder zeigen – hier eine „Auflösung“, zum Teil mit Verlinkung auf ihre Ursprung. Weiterlesen

Das Beste kommt noch

The Best is yet to come – ist einer der letzten Songs, den Frank Sinatra vor seinem Tod in der Öffentlichkeit gesungen hat. Der Spruch steht auch auf seinem Grabstein, lese ich in der Sonntagszeitung in einem Artikel von Martin Benninghoff.

Mich freut der Spruch, den der Star für seinen Grabstein ausgewählt hat. „Das Beste kommt noch“: In seinem Song geht es zwar um das Werben und Locken der Liebsten. „Warte bis du erst meine bist“.

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Wie gehen, wenn man gehen muss

der Reim zu versinken wäre ertrinken gewesen.
Aus: Günter Grass „Ein weites Feld“

„Das Thema ist ernst, ungewöhnlich ernst für mein Blog. Und es könnte schnell fehlgedeutet werden.“
So leitete ich im am 24. November 2019, dem Totensonntag, einen Blogtext ein. „Aber die Frage, wie man sterben möchte, wenn man sterben muss (was wir alle müssen), ist sicher jeder Leserin und jedem Leser bekannt. Und auch der Wunsch, sich das aussuchen zu können, was sich in den allermeisten Fällen aber so nicht realisieren lässt.“

Wie gehen, wenn man gehen muss - einfach losschwimmen?Auslöser für den damaligen Beitrag und im selbigen auch erwähnt war eine vorangegangene, digitale Diskussion mit der Berliner Bloggerin Stephanie Jaeckel, die ihrerseits über die ungarische Philosophin Agnes Heller einen Beitrag veröffentlicht hatte. Stephanie Jaeckel schrieb im Sommer 2019 einen Beitrag über den Tod der 90jährigen ungarischen Philosophin Agnes Heller, die Augenzeugenberichten einfach hinaus in den Plattensee geschwommen und nicht mehr zurückgekehrt ist. So zumindest berichtete im Juli 2019 die Neue Zürcher Zeitung. Weiterlesen

Sonntagsspaziergang, Lebenssplitter

Sonntagsspaziergang
ein kurzer Lebenssplitter
ich hörte die Gänse schimpfen
die Sonne glitzerte im See
sah die Blätter tanzen
spürte den Wind im Gesicht
roch die feuchte Erde
ein sportlicher Mann in Jogginghose
am Gartentisch im Frankfurter Ostpark
mit dampfendem Käffsche und Zigarettsche …

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Galgen- und Totenvögel

An einem düsteren, grauen Wintertag mache ich einen Abstecher zum Weiher. Der Wind peitscht, weht Graupel übers Wasser, es ist kalt, nass, eklig: Ein ungemütlicher Tag, ein Tag fürs Sofa oder Schwimmbad, aber keinesfalls für den Aufenthalt im Freien, wenn man nicht wirklich dafür ausgestattet ist. Und richtig hell scheint es auch nicht zu werden.

Mein Lieblingsbaum

Zwei Krähen ziehen bei meiner Stippvisite die Aufmerksamkeit auf sich. Ich hatte gehofft, auf welche zu treffen und fotografieren zu können, sie nicht nur in der Ferne oben in den Bäumen krächzen zu hören. Sie hocken am Ufer, beobachten mich aufmerksam, der nun seinerseits sie beobachtet und ins Visier der Kamera nimmt. Warum nicht auch mal „popelige Krähen“ knipsen? Ich gehöre zu den wenigen, die diesen Vögeln etwas abgewinnen können.

Zwei Krähen am Ufer

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