Zwischenruf: Selbstbestimmung übers Ziel hinausgeschossen?

In der kurzen Zeit, die wir hier im Blog (und in einem Blogbeitrag von Daniela Jaeggi , s.u. samt der vielfachen Diskussion dort) mit euch unterwegs sind, sind schon so viele Bilder zusammen gekommen! Ich bin beeindruckt und es arbeitet in mir. Besonders „hänge“ ich gerade an der Sache mit der Selbstbestimmung und Kontrolle bis über den Tod hinaus. Und wage hier mal einen Querschuss (wie es im Playing Arts Jargon heißt).

Wir feilen an der letzten Inszenierung. Und die soll perfekt sein. Wieso eigentlich? Trauerfeiern sind in der Regel traurig, weil es ein trauriger Anlass ist. Und wieso interessiert es uns, was die Hinterbliebenen dann machen? Das ist doch deren ganz eigene Sache, Angelegenheit, Aufgabe… was auch immer. Deren Traurigkeit oder Wut oder Erleichterung oder Freude an Erinnerungen… Ist es nicht deren ureigenstes Recht, die Trauerfeier so still oder laut zu gestalten, wie sie das brauchen? (Mal abgesehen davon, dass unterschiedliche Hinterbliebene ganz unterschiedliche Vorstellungen davon haben, was jetzt das „Richtige“ für den Anlass sei.)

Das gilt übrigens auch für so Dinge wie „was für ein Grab hätte ich gerne“. Ich erzähle mal ein lange zurückliegendes Erlebnis, das ich als Gemeindepfarrerin hatte. Ein Jugendlicher war bei einem Unfall gestorben. Merkwürdigerweise hatte er kurz zuvor gesagt, wenn er mal sterbe, würde er auf jeden Fall anonym begraben werden wollen. Die Mutter wollte diesen Willen unbedingt umsetzen. Das hatte zur Folge, dass ich mit der Urne alleine zum Grab ging. Die Angehörigen durften diesen letzten Gang nicht tun, der dabei hilft, Abschied zu nehmen. Und später war die kleine Schwester total unglücklich, weil sie kein Grab hatte, zu dem sie hingehen konnte. Die Familie pilgerte dann immer zum Unfallort.

Ich finde, da hört die Selbstbestimmung bis über den Tod hinaus auf. Hinterbliebene, macht was IHR wollt.

P.S. Liebe meine Angehörige, wenn ihr dies lest: ich fänd´s echt gut, wenn ihr mich nicht im Nachthemd in den Sarg legen würdet. Das wär mir sowas von peinlich. (Siehe auch: Hemd oder Anzug für die Details, danke Leute.)

Dies schrieb danielajaeggi: Meine Letzte Stätte so wie ich sie will

2 Gedanken zu „Zwischenruf: Selbstbestimmung übers Ziel hinausgeschossen?

  1. Hallo Annegret, wer sagt denn, dass es perfekt sein soll, wenn man sich Gedanken macht wie es sein könnte und Wünsche vielleicht sogar Anregungen für die Hinterbliebenen hinterlässt. Als Tote habe ich ja dann sowieso keinen Einfluss mehr und da wird sich vielleicht die eine oder andere denken, „kriegt sie jetzt eh nicht mehr mit“. Ohje 😉 ?!

    Wenn ich heute als Quicklebendige darüber nachdenke, wie es sein könnte und was ich mir wünsche, dann denke ich nicht an Perfektes … und klar wird meine Familie und werden meine Freundinnen traurig sein. Ich gebe Anregungen und was Ihr dann draus macht: I trust on you ;-). Bloß nichts Perfektes bitte!

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  2. ich halte deinen Gedanken, den Einwand, was das Reglementieren der Trauer für den richtigen Anstoß.
    Auch wenn es mir wichtig ist, allein deswegen beschäftige ich mich damit, meine eigene Beerdigung, das was nach meinem Tod passieren sollte, schon jetzt in der gegenwart zu gestalten auch zu planen, liegt es mir fern, meinen Angehörigen vorzuschreiben wie, in welcher Weise sie um mich trauern sollen. Es ist wie Du schreibst ihre Sache, ihre Angelegenheit.
    Deswegen halte ich, bei aller Selbstbestimmung selber nichts davon, diesen letzten Moment am Ende des Lebens „generalstabsmäßig“ akribisch durchzuplanen und damit den Hinterbliebenen den Platz für ihre Trauer zu nehmen, den es in ihren Augen, nach ihren Vorstellungen benötigt.
    Das wäre, gemäß Deiner Überschrift tatsächlich
    „Übers Ziel hinausgeschossen.“
    All das was ich bereits unter „Meine letzten Wünsche nach dem Tod“ niedergeschrieben habe und noch zu Papier bringen werde will ich daher nicht als „Gebetbuch“ verstehen, an das sich meine Angehörigen ohne wenn und aber zu halten haben, sondern als Leitfaden.
    Daran können sich die Hinterbliebenen „entlang hangeln“ und meinen Abschied so gestalten, wie sie meinen. Und von dem sie hinterher vielleicht guten Gewissens sagen können.
    „Sie hatte eine so schöne Beerdigung“

    p.s.
    deine Gedanken zum Nachthemd finde ich interessant. Aber nachvollziehbar 🙂
    doch sieht es mancher auch genau andersrum und wünscht ausdrücklich, in Nachtwäsche wie Nachthemd oder Pyjama bzw. Schlafanzug zur letzten Ruhe gebettet zu werden.
    Denn liegt man im Sarg nicht auch wie in einem Bett, schön mit Decke und Kissen ?

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