Wir sterben. Überrascht?

Ich war kürzlich bei einer Trauerfeier. Der Verstorbene war lange sehr krank gewesen, hatte sein Leben ausgekostet, war offen damit umgegangen, dass er nicht mehr lange zu leben hatte. Während der Traueransprache hätte ich fast laut „Was?!“ gerufen, als der Pfarrer sagte: „Er verstarb plötzlich und unerwartet.“
Ich vermute, dass das die Angehörigen so formuliert hatten.

Auch vor nicht allzu langer Zeit traf ich eine alte Frau. Mit Anfang 80 darf man auch mal „alt“ sagen, finde ich. Die war völlig überrascht, dass ihre ältere Schwester gestorben war.
Ich war verwirrt. Statistisch gesehen sterben die Leute spätestens Anfang/Mitte 80. Auch wenn die Zahl der Hundertjährigen gewaltig gestiegen ist. Vielleicht rechnet man sich dann Chancen aus. Dennoch. Wie sonderbar, dass eine mit 80 vom Tod überrascht wird.

Wer ab und zu in den Gottesdienst geht, kriegt immer nach den Abkündigungen, die benennen, wer verstorben ist, zu hören „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ (Psalm 90, 12) Ob der Satz tiefer sackt, wenn man ihn öfter hört? Anscheinend nicht. Als gäbe es so ein Rauschen, wie bei einem verstellten Radiosender, wenn man das Wort „Sterben“ hört.

Irgendwie regt mich das auf. Drum haben wir diesen Blog hier auch gestartet, das niemand mehr sagen kann (oder muss)  „Lalalala, da hab ich ja gar nichts
von gewusst, dass man sterben kann“.

Andererseits. Wenn man so nahe dran ist. Mit 80 und die Wahrscheinlichkeit zu sterben ganz gewaltig gestiegen ist. Vielleicht braucht man dann diesen Störsender. Um nicht jeden Tag denken zu müssen: „Wieder ein Tag weniger auf dieser wunderbaren Erde.“

Manche Dinge werde ich erst wissen, wenn sie geschehen…

4 Gedanken zu „Wir sterben. Überrascht?

  1. Liebe Annegret,
    ich habe manchmal den Eindruck, das Ausgrenzen des Todes aus dem Leben, die nicht vorhandene Bereitschaft bei vielen, sich mit dem eigenen Sterben und Tod zu beschäftigen führt tatsächlich zu diesem Gefühl der Verblüffung, diesem „Huch, wir müssen ja sterben“

    Ein weiteres Argument dafür, sich mit diesem Thema zu befassen.
    Zumindest so weit, das man sich der Endlichkeit einem nahe stehender Personen und letztlich der eigenen immer bewusst ist.

    In der Wochenendausgabe unserer Tageszeitung lese ich am Wochenende gerne die Todesanzeigen. Und tatsächlich sind es meist allgemeine Floskeln und Worthülsen die ich lesen muß. Oder sie sind übertrieben originell gehalten – wie gewollt und nicht gekonnt irgendwie :|.
    Denke mir beim Lesen dieser Nachrufe oft „Also so soll meine Anzeige später nicht aussehen und zu lesen sein“

    Natürlich ist es schwierig, problematisch schon zu Lebzeiten seine Todesanzeige zu verfassen und als Anleitung zu hinterlassen.
    Aber warum soll man sich nicht einmal Gedanken dazu machen, wie diese aussehen könnte, was einem gefallen würde, in Text und Grafik und auch hier darüber sprechen.
    Es gibt sicher Formulierungen, die man auf keinen Fall in dieser, der eigenen Anzeige haben möchte. Und das denke ich dürfen, diejenigen welche die Anzeige später aufgeben müssen ruhig wissen.
    Was mich betrifft wäre das auf jeden Fall dieses unseelige
    „…plötzlich und unerwartet, für uns alle unfassbar verstarb….“

    liebe Grüße
    Chantal

    Gefällt 1 Person

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