Personenunfälle

Aus dem Lautsprecher ertönt die Stimme des Zugschaffners: „Wegen eines Personenunfalls und den damit verbundenen Unannehmlichkeiten für alle Beteiligten ist die Strecke zwischen … und … gesperrt. Züge werden umgeleitet bzw. werden Ersatzbusse eingesetzt. Wir bitten die Verspätungen zu entschuldigen“.

So oder so ähnlich haben Sie es sicher auch schon gehört, wenn Sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln und Zügen unterwegs waren. Ich war die letzten Tage verreist und habe innerhalb 48 Stunden zwei Mal den Personenunfall-Satz gehört. In Basel hörte ich das erste Mal diesen kleinen Nebensatz: „…. und den damit verbundenen Unannehmlichkeiten … „

Zwei Tage später an einem deutschen Bahnhof wieder eine Meldung über einen Personenunfall.

Wie schlecht muss es einem Menschen gehen, dass er sich vor einen Zug schmeißt? Denke ich jedes Mal. Was bleibt von einem Menschen übrig? Wenn ich es mir nur schon vorstelle, habe ich Angst vor der Brutalität und Wucht.
Eines ist sicher: Man ist wirklich tot, wenn man sich vor den Koloss Lokomotive wirft. Die Zugkraft nebst Gewicht und Geschwindigkeit lassen keinen Zweifel: Der Mensch ist tot! Man stirbt!

Im Krematorium habe ich während der Führung gehört, dass Bestatter natürlich nicht nur „schöne Leichen“ in den Sarg legen. Manchmal eben nur das was übrig bleibt. Wenn zum Abschiednehmen ein Bein oder ein Arm unversehrt geblieben sind, dann wird dieser Körperteil gepflegt und für den Abschied vorbereitet. Die Hinterbliebenen sehen dann eben nur den unversehrten Körperteil.

Wir haben auch diese Geschichte gehört: Es legte sich jemand auf die Gleise, so dass der Kopf sauber abgetrennt war. Nur das Ohrläppchen war leicht verletzt. Der Kopf wurde an den Körper genäht – das können übrigens die Experten im Krematorium: Körperteile annähen, Wunden zunähen, Herzschrittmacher herausnehmen -, ein Schal um den Hals gelegt und die Angehörigen konnten sich vom Antlitz des Toten verabschieden. Wenn der Körper nur noch Matsch ist, überfahren wurde, nicht mehr zu erkennen ist, das geht selbst den Mitarbeitern und Bestattern des Krematoriums an die Nieren. Sie werden selbstverständlich bei besonderen Vorkommnisssen psychologisch betreut und treffen sich regelmäßig zu Supervisionen, um das Gesehene zu verarbeiten.

Suizide, die hinter diesen Personenunfällen stecken, sind meistens Kurzschluss-handlungen wie wir in dem Film in meinem vorherigen Artikel gesehen haben. Die Bahn und die Städte tun gut daran, Netze an den Stellen zu spannen, an denen häufig Personenunfälle zu betrauern sind.

Hoffen wir, dass immer weniger Menschen, diese Art des Sterbens wählen. Es heißt, dass die Menschen, die sterben wollten, meistens sehr froh darüber sind, dass sie gerettet wurden und überlebt haben. Die Lokführer, denen Personenfälle passieren, denen also Menschen vor die Lok springen, gehen meist traumatisiert und mit einem Schock aus diesem Geschehen. Einige schaffen es nie mehr sich hinter das Steuer einer Lokomotive zu setzen. Andere überwinden das schreckliche Geschehen schrittweise.

Nicht zu vergessen die Fasslungslosigkeit und Trauer der Hinterbliebenen.

4 Gedanken zu „Personenunfälle

  1. Jedes Wort würde ich sofort unterschreiben, so treffend beschrieben! Ich bin an den Bahngeleisen aufgewachsen und habe einmal miterlebt (als Jugendliche), wie die Polizei und der Bestatter kamen, um die Reste eines Selbsttöters zusammenzusammeln. Ich dachte, ich müsste mich übergeben und mir taten diese Männer unendlich leid, weil die über ein Gebiet von 500 Metern alle Einzelteile zusammensuchen mussten. Am anderen Morgen sah ich die Krähen den Rest erledigen, und am Rand der Geleise lag ein Schuh. Ein Erlebnis, welches ich nie wieder vergessen habe. Und ich habe mich schon damals gefragt, wer wohl zu Hause vergeblich wartet, wem nun wohl diese Nachricht überbracht werden muss, was für Fragen da zurückbleiben und wie sich der Lokführer wohl fühlen mag. Ich finde das eine schreckliche Art, sich das Leben zu nehmen. Denn man zieht noch Menschen mit rein, die absolut nichts dafür können oder wollen. Selbsttötung auf diese Weise ist nicht nur eine Kurzschlusshandlung, ich finde sie zudem noch egoistisch. Wer gehen will, sollte das tun, ohne andere mit reinzuziehen.

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    • Mensch, Daniela, was ein Wahnsinn. Verstehe ich gut, dass du dieses Erlebnis nicht vergessen wirst.

      Ja, es ist so krass wie du es hier schreibst. Egoistisch? Ich hab mich nicht wirklich getraut es so zu formulieren. Aber dieser kleine Nebensatz der Ansage wegen der Unannehmlichkeiten hat es auch ausgedrückt: Mensch, was jetzt alles zu tun ist und welches Verkehrschaos ausbricht weil der Fundort stundenlang gesperrt ist. Kein Zug fährt mehr. Je nachdem werden auch Straßen/Brücken gesperrt.
      Manno!

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    • Hallo Daniela und Petra,
      wenn Daniela den Quergedankennicht gebracht hätte, hätte ich damit begonnen. Diese Form des Selbstmords ist ja im Grunde eine Tötung, die man durch den Schaffner vornehmen lässt. Auch wenn ich weiß, dass es Kurzschlüsse gibt: Die Gewalttätigkeit in diesem speziellen Akt springt mir immer wieder ins Auge. Es werden unzähligen Menschen psychische Schmerzen zugefügt, die die Person noch nicht einmal kennen. Und die inneren „Aufräumarbeiten“ können sehr lange dauern.
      Ich habe gelernt, dass im Trauerprozess auch und vielleicht gerade bei Selbsttötungen die Wut eine wichtige und heilsame Rolle spielen darf. Ich gestehe: wenn ich solche Durchsagen höre, ist das meine erste Reaktion.
      Viele Grüße
      Annegret

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