Lebe ich so, dass ich stündlich sterben könnte?

von Ellen Löchner: Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis - unter diesem Motto belichtete sie getrocknete Pflanzen direkt ins Sieb und druckte sie auf altes Leinen.

von Ellen Löchner: Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis – unter diesem Motto belichtete sie getrocknete Pflanzen direkt ins Sieb und druckte sie auf altes Leinen.

Ellen Löchner hat mich bei meiner Suche nach einer Antwort auf diese Frage inspiriert. Wie lebt man, wenn man sich seiner Endlichkeit WIRKLICH bewusst ist? Verändert sich etwas? Verändert man etwas?

Ich schätze Ellen seit Jahren als Wegbegleiterin und Netzwerkpartnerin. Meinen Artikel über die Löffelliste hat sie wie folgt kommentiert (ein Auszug): „Tatsächlich versuche ich, jeden Tag so zu leben, als könnte es der letzte sein, aber erst, seit mir das wirklich WIRKLICH klar ist. Vielleicht ist das der Knackpunkt, dass es eine persönliche Erkenntnis der eigenen Sterblichkeit geben muss. Die kann man nicht planen, und sie ist unangenehm.”

Es ist ihr WIRKLICH klar geworden .. durch eine persönliche Erkenntnis, die nicht planbar ist und nicht angenehm. Ich glaube ihr sofort!

Ich frage mich, ob ich ohne eine solche unangenehme Erfahrung so bewusst leben kann, als wenn es mein letzter Tage wäre. Ich nähere mich dabei den Antworten und einer Lebenshaltung, die dem entsprechen könnte. Es ist nach wie vor ein Annähern. Es ist ein Üben, ein Einüben dieser Lebenshaltung: es kann stündlich vorbei sein.

Eine Antwort, warum man sich vorm Thema „Sterben“ und seinen Antworten hierzu fürchtet, ist wahrscheinlich ganz schlicht:

  • Das Leben ist schön. Es ist spannend und interessant.
  • Man kann jeden Tag Neues entdecken. Man lebt total gern.

Eine zweite Dimension, warum man vor einer Antwort Angst haben könnte: Man sieht vielleicht, dass man in seinem Leben manches falsch entschieden hat, man fühlt sich vielleicht unfrei oder unglücklich. Man spürt vielleicht, dass man gern noch ein bisserl Zeit hätte, um Dinge gerade zu rücken, um einigermaßen zufrieden und glücklich zu sterben? Man ertappt sich bei der Frage: Werde ich (falls ich morgen sterben sollte) einigermaßen zufrieden Abschied nehmen können vom Leben?

Ich zitiere aus einem Interview mit Fritz Roth (Quelle: Magazin ewig / ewig-forum / Seite 8) der im Dezember 2012 gestorben ist. Er war bekannt als Bestatter, Autor und Gründer des ersten privaten Friedhofs. (Ich hatte hier im Blog u. a. sein Buch „Das letzte Hemd ist bunt“ vorgestellt.)

Die Frage: Was lernt man, wenn man Tag für Tag  mit dem Tod konfrontiert wird?
Seine Antwort: Man relativiert viele Dinge. Auf der anderen Seite, das ist vielleicht mein Problem, man meint heute noch alles erledigen zu müssen. Man meint viele Dinge anpacken zu müssen, weil das Leben so interessant ist. „Memento mori“, jeder Tag ist ein Geschenk, und wir sollten den Tod nicht als eine Grenze erfahren, die einen bedrückt, im Sinne von „Ich armer Mensch, ich muss sterben“. Diese Grenze erinnert uns auch daran, dass wir das Leben wertschätzen sollten“.

Das finde ich eine großartige Antwort!

Meine liebste Hongkong-Freundin Gudrun Kittel-Thong hat mir folgendes Bild zugespielt:
3 Frauen hängen wie eine Schaukel aneinandergereiht am Trapez unter der Zirkuskuppel. Jede von ihnen muss hochkonzentriert sein, keine darf los lassen, jede muss sich auf die andere verlassen können, nicht eine Sekunde darf man nachlässig sein. Sie sind miteinander verbunden, halten sich an Händen und Füßen. Sie halten sich gegenseitig. Es zählt das Hier und Jetzt im gemeinsamen Tun. Kein anderer Gedanke kommt hinzu, wird ausgeschlossen. Das heißt für mich:

Ich esse, also esse ich. Ich schmecke, koste, kaue, lasse mir Zeit. Keine Ablenkung durch Zeitung oder Radio oder Smartphone.

Ich gehe raus in die Natur und schaue und rieche und gehe.

Ich lasse mich auf Gespräche ein und höre zu, ich bin präsent, ganz da.

Ich versuche und probiere Neues aus, bleibe neugierig.

Ich schreibe, also schreibe ich und mache nichts anderes. Ich konzentriere mich auf meinen Text, schreibe Worte, Sätze … schreibe diesen Text.

Und natürlich will ich jetzt noch nicht sterben, dafür ist das Leben zu schön. Ich will mir aber meiner eigenen Endlichkeit immer wieder bewusst sein und das Leben auskosten und genießen … wie die Trapezkünstlerinnen dran bleiben und konzentriert sein auf das EINE.

Jetzt. Hier.
Memento mori.

Ellen Löchner ist Künstlerin, klicke hier zu ihrer Website.

M. von Gudrun Kittel-Thong

M. von Gudrun Kittel-Thong

Gudrun Kittel-Thong ist ebenfalls Künstlerin.

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