So war’s im „Kremi“ (im Krematorium)

Kaum bin ich gestern morgen um 6.45 Uhr im Krematorium Nordheim angekommen, schob ich die hellen Holzsärge vom Kühlraum in den Vorraum wo die sechs Öfen auf ihre Arbeit warteten. Viel Worte zur Begrüßung wurden nicht gemacht.

„Herr B. nimmt Sie jetzt unter die Fittiche und zeigt Ihnen alles“. „Zuerst müssen die Särge, die heute fürs Kremieren vorgesehen sind aus dem Kühlraum zum Ofen geschoben werden“.  Gesagt – getan!

Gar nicht so einfach, so einen Sarg auf dem Rollwagen in gerader Linie vorwärts zu schieben. „Sie können auch zwei nehmen“, wurde mir zugerufen. „Hallo!“, dachte ich. „Nee, das ist mir zu schwer“, hab ich gesagt und mich mit meiner „Morgengymnastik“ angefreundet, die Jacke ausgezogen und die Ärmel hochgekrempelt.

Nach einigen Minuten standen über 30 Särge vor dem großen, neonbeleuchteten und

gekachelten Raum, in dem die Öfen loderten. Im Ofenraum ist es warm und steril. Auf 600 Grad ist so ein Ofen vorgeheizt, um den Sarg zu empfangen. Diese werden über eine Hebevorrichtung in den Ofen geschoben. Die Tür schließt sich sofort während die Flammen auflodern. Es brennt gleich lichterloh. Dann steigt die Temperatur im Ofen auf über 1000 Grad. Den Brennvorgang kann man durch ein kleines Guckloch auf der Rückseite des Ofens beobachten. Die Technik auf dem Bildschirm zeigt genau wie hoch die Temperatur ist, ob alles im „grünen Bereich“ liegt: nicht zu viel und nicht zu wenig Hitze, genügend Luft, die Emissionen werden in die Filteranlage geleitet.

Gerade eben lag noch ein schön anzusehender Toter vor mir im Sarg und nun brennt er lichterloh. Durch das Guckloch sieht man innerhalb von anderthalb Stunden wie der Körper verbrennt … mit der Zeit sieht man die Rippen des Brustkorbs, den Schädel, die Augenhöhlen … was bleibt sind bis zu 2 kg Knochenasche. Der Ofenmeister nimmt eine sehr lange Bürste, öffnet die Ofentür und fegt die restliche glühende Asche vom Schamottstein.

Diese Knochenasche wird dann per Knopfdruck noch glühend eine Etage nach unten geschüttet. Die Mitarbeiterin, die hier eine Etage tiefer arbeitet, öffnet die schmale Luke, nimmt einen sehr langen schmalen Besen und kehrt alles zu sich heran. Nun beginnt die Zeit des Abkühlens. Wenn die Asche nicht mehr glüht wird die Schütte ganz geöffnet und die Knochenasche fällt in eine Metallwanne.

Aus dieser werden alle Sargnägel und sonstigen Metallstücke, die durch Operationen in einen Körper eingepflanzt wurden, mit einem Metallsucher herausgefiltert – das habe ich gleich mal ausprobiert. Dann wird die metallfreie Asche in einer Mühle zerkleinert und in die darunter stehende Urne abgefüllt. Manche Urnen werden verleimt, andere offen gelassen, weil es die Angehörigen so wünschen. Eine Plakette ziert den Deckel, auf dem der Name der oder des Verstorbenen steht, die Kremationsnummer und das Datum der Kremations. Jedes Jahr werden etwa bis zu 6500 Tote verbrannt. In der Hälfte des Jahres ist man jetzt bei der „3000 und noch etwas“ angekommen. Der Prozess des Verbrennens bis zur Urne dauert so ca. 3 Stunden, mal weniger, mal mehr.

Wenn die Urne fertig beschriftet und verleimt ist, wird sie innerhalb des Hauses zur Versandstation transportiert. Hier wird sie von einem Mitarbeiter für den Transport vorbereitet: Die Urne wird in ein Paket gepackt, versandfertig für den PostExpress-Service. Urnen werden in die ganze Welt verschickt.

Den ganzen Tag werden Särge angeliefert, die Kühlräume geöffnet und Särge hineingeschoben, Listen mit den Namen der Toten werden aktuell gehalten und trauernde Angehörige empfangen.

Während meiner gestrigen Anwesenheit im Krematorium traf ich auf Angehörige, die sich nicht nur von ihrem Mann oder Freund oder ihrer Partnerin verabschieden wollten. Da lag beispielsweise ein 65-jähriger Verstorbener im Fahrradtrikot und hatte den ganzen Tag über viel Besuch.

Eine Witwe kam mit zwei Ärzten anmarschiert und war sich sicher, dass ihr Mann nur scheintot ist. Die Ärzte sollten noch einmal untersuchen, ob er nun tot oder lebendig sei.

Eine ältere Frau aus Indien, gekleidet im Sari kam zusammen mit ihrer Tochter. Sie wollten wissen, wo die verstorbene Tochter und Schwester letztes Jahr aufgebahrt war und kremiert wurde. Sie konnten sich in einen der Aufbahrungsräume setzen und wurden zum Ofen begleitet.

Das kleine Team des Krematoriums , das sie liebevoll „Kremi“ nennen, wechselt sich mit den unterschiedlichen Arbeitsrollen ab. Sie sind ein eingespieltes Team und rollieren: eine Woche ist man der Ofenmeister, dann wieder füllt man die Urnen, der nächste übernimmt den Versand und sonstige administrative Arbeiten, der nächste ist zuständig für die Aufbahrung der Verstorbenen und die Organisation der Sargzugänge in den Kühlhäusern. Der Chef und sein Vertreter organisieren das Haus, teilen die Dienste ein, zeigen den Besuchern das Haus und geben ihr Wissen während der häufigen Führungen preis.

Ich bedanke herzlich mich beim Team des Kremis für diesen aufschlussreichen Tag. Es ist was es ist: eine professionelle Verbrennungsanlage. Ein Krematorium. Hier werden die Toten verbrannt. Einer nach dem anderen.

Ein Satz den ich gestern hörte: „Es gibt ein Leben vor dem Tod“. Man muss ich abgrenzen gegenüber den Toten und den Angehörigen, um den Job hier gut zu machen. Während der Mittagessenspause hörte ich die Frage im Gespräch: Ab wann ist es gut, hier zu arbeiten? Mit welchem Alter? Kann man es auf Dauer? Derjenige, der nun bald in Pension gehen wird, war über 30 Jahre dabei. Gut gemacht!

Und der Chef vom Ganzen hat für’s Team lecker gekocht. Merci vielmals, dass ich dabei sein durfte im „Kremi“.

Schauen Sie sich diesen Film über das Krematorium an.

Das Buch zum Thema: Vom Verbrennen der Toten

Mein Blogartikel: Frauen brennen besser

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