„Heute muss man ja selbst beim Sterben gut aussehen“

Docma

Docma Award 2015 Im Blitzlicht – wenn Privates öffentlich wird

Meine Freundin Gisela Matthiae- sie ist Theologin und eine ganz wunderbare Clownslehrerin – hat das Folgende in einen Kommentar zum „Sepulkralkaufhaus“ gepostet. Ich finde, das sollte doch sichtbarer werden. Sie schreibt:

Liebe Annegret,
eben lese ich bei Ariadne von Schirach, „Du sollst nicht funktionieren. Für eine neue Lebenskunst“ den Satz: “Heute muss man ja selbst beim Sterben gut aussehen” (S. 36). Das passt nicht direkt zum Thema der Ausstellung in Kassel, aber zur Ikonographie des Todes und v.a. des Körpers. Von Schirach greift kritisch den Kult um den “bildvermittelten” Körper auf, was uns zu “Menschheitsartefakten” macht, die stets gut auszusehen haben – früh morgens, nach der dritten Geburt, im Alter usw. Und natürlich ist der Körper nie fit und gut genug, es sei denn man präsentiert ihn wie Heidi Klum, die ihr wie eine “Einbalsamierte” vorkommt, also schon tot. Derart “bewirtschaftete” Körper wirken steril und leblos, maskenartig. Dann ist der lebendige Körper also ein bewohnter, und der ist unperfekt. Und trägt dies oder das, mit Totenkopfmustern oder was auch immer.
Was aber trägt dann ein toter Körper – zu Lebzeiten oder auf dem Totenbett?
Ihr macht euch in dem Blog Gedanken dazu. Ich merke beim Lesen und Schreiben, der Bilderkult, der “iconic turn” kann im Leben oder Sterben bestimmend wirken. Gar nicht so einfach, immer wieder andere und verlebendigende Bildwelten zu kreiieren. Euch gelingt es immer wieder.
Noch ein interessanter Gedanke dazu von der Autorin: Früher hieß es, man solle sich kein Bild von Gott machen. Es scheint ja, dass sich nicht mehr so viele überhaupt Bilder von Gott machen. Stattdessen macht man sich Bilder vom Menschen: “Der Mensch macht sich zu seinem eigenen Götzen, sichtbar, lesbar, öffentlich” (S. 35). Ich frage mich, was fataler ist bzw. was lebendiger macht.

Gisela hat hier den Finger auf einen wie ich finde wesentlichen Punkt gelegt, der mich hier und an anderen Stellen immer wieder umtreibt. Diese dauernde Selbstinszenierung, die wir bis in den Sarg hinein weitertreiben und Selbstbestimmung nennen. Wie frei sind wir da wirklich? Waren es die Generationen vor uns vielleicht viel mehr, als der tote Körper in großer Selbstverständlichkeit zur Ruhe gebettet wurde, im Leinenhemd, ohne Makeup. In einem Bericht über zwei junge BestatterInnen fand ich den Satz „Es geht nicht darum, zu sehen, wie schön der Tote ist, sondern darum, dass er tot ist.“ 

Im Museum für Kommunikation  in Frankfurt gibt es gerade eine Fotoausstellung Docma Award „Im Blitzlicht – wenn Privates öffentlich wird“, die Giselas Worte visuell auf den Punkt bringt.

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