6.11. Gitte Härter: Warum soll man eigentlich über Tote nicht schlecht reden?

Der Tod interessiert mich. Als ich vom Totenhemd-Blog-November gehört habe, ratterte es sofort in meinem Kopf: Ich könnte über Zombies schreiben! Darüber, dass ich Radl fahren und Sport auf Friedhöfen daneben finde [ich hätte auch gern meine Ruhe, wenn ich so im Grab liege] … Doch eine richtige Frage, noch dazu eine heimliche, mit der ich mich auseinandersetzen könnte, hatte ich keine.

Dann fiel mir ein, dass ich vor einigen Jahren mal hier über den Nordfriedhof geschlendert bin und bei einigen total verwahrlosten Gräbern gedacht habe: „Ach, da könnte ich ja mal Blümchen hinlegen.“

Hat mich gleich schockiert, dieser Einfall. Erstens gehe ich ganz unromantisch davon aus, dass man stirbt, verwest, Ende Gelände. Zweitens dachte ich sofort: Das kann auch seine Gründe haben. Vielleicht liegt hier ja ein Arsch.

hierruhteinarsch_gittehaerter

Da ist es ja, mein Thema!

Eine ausgewogene Betrachtung

„Pst! Über Tote redet man nicht schlecht!“ – Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, ob meine Mutter das jemals zu mir gesagt hat. Aber ich weiß, dass ich es schon seit meiner Kindheit immer wieder gehört habe.

Schauen wir uns das also mal näher an:

Was passiert, wenn man schlecht über Tote redet?
Wegen WEM tut „man“ das nicht?
Und wer bestimmt, dass man es nicht tun soll oder gar darf?

Keine Ahnung! Außerdem bin ich alles andere als bibelfest – vielleicht steht da ja was Passendes drin. Also denk ich einfach mal weiter. Dabei fallen mir erstaunlich viele Facetten ein.

Ach, eins vorweg: Ich denke hier nicht an Rufschädigung, reine Bosheit oder Lügen. Das ist eh klar, dass sowas nicht geht. Weder tot, noch lebendig.

Möglichkeit 1: Es gehört sich nicht.

Vielleicht gilt es einfach als schlechter Stil. Viele leben ja nach dem Grundsatz: „Wenn du über jemanden nichts Nettes sagen kannst, halt den Mund.“ Bei Verstorbenen kommt sicher noch das Gerechtigkeitsempfinden hinzu: Der andere kann sich nicht mehr dazu äußern, geschweige denn wehren.

Möglichkeit 2: Der Blitz erschlägt einen.

Vielleicht gibt es ja doch einen Gott und der passt auf von wegen zehn Gebote + was man sonst noch tun oder lassen sollte. Allerdings passt mir so ein Rachegott nicht so recht ins Bild. Ich glaube ja nicht an Gott, doch bei uns in Bayern denkt man eher an den „Himmibabba“ [Himmelpapa], also einen gütigen alten Mann mit Rauschebart.

Möglichkeit 3: Der Teufel schreibt einen auf die Recruitingliste.

Wenn es den Himmibabba gibt, dann gibt’s natürlich auch das Gegenstück. Oh, wie sehr ich hoffe, dass es eine Hölle gibt! Der Teufel oder fiese Dämonen passen ganz genau auf und führen eine Kartei mit vielversprechenden Kandidaten, die unter anderem schlecht über Tote reden.

Möglichkeit 4: Schlechtes Karma.

Vielleicht gibt es ja ein oder mehrere Leben nach dem Tod und man soll sich lieber am Riemen reißen, damit man nicht als Käfer oder Fuchsbandwurm wiedergeboren wird. Oder als Fuchs, der einen Bandwurm hat.

Möglichkeit 5: Wenn jemand stirbt, wird er automatisch gut.

Vielleicht gilt, dass man mit dem Tod eine weiße Weste bekommt. Sobald das Leben beendet ist, ist alles, was man so Schlimmes getan hat, Schnee von gestern. Körper zerfällt, Leben ist perdu. Alles vergessen.

Möglichkeit 6: Du sollst nicht nachtragend sein.

Vielleicht geht es ums Loslassen. Die Dinge abschließen können – auch, um sich selbst nicht weiter zu versklaven. Dann hätte der Grundsatz, nicht schlecht über andere zu reden, den Sinn, sich zu befreien.

Möglichkeit 7: Es tut Angehörigen und Freunden weh.

Vielleicht geht es darum, dass der Verstorbene jemandem wichtig war, dass es schmerzhaft für sein Umfeld wäre, wenn man negativ über ihn spricht und Vergangenes aufwühlt – vielleicht reißt es auch bei Angehörigen alte Wunden auf. Oder sie kannten bestimmte Seiten oder Ereignisse bisher gar nicht. Das ist dann allerdings ein Fall von „Ja, aber“, finde ich …

Redefreiheit

Die Adoptivmutter meiner Mama war eine böse Frau. Das ist eine Tatsache, und es ist völlig unabhängig davon, dass sie vielleicht gute Seiten gegenüber anderen Menschen hatte oder als Kind anders war oder selbst Sorgen hatte.

Diese Frau schmort hoffentlich auf alle Zeiten in der Hölle. Nicht nur rede ich berechtigterweise schlecht über sie, sondern ich würde ihr sogar aufs Grab bieseln. Das hat sie sich nicht nur selbst zuzuschreiben, sondern verdient.

aufsgrabpinkeln_gittehaerterWomit wir bei der subjektiven Sicht der Dinge sind.

Steht nicht sogar in der Bibel „Man erntet, was man sät“?

Wenn sich also jemand im Leben mies verhalten hat, andere verletzt, vor den Kopf gestoßen oder gar Macht + Gewalt ausgeübt hat, muss er damit sterben.

Man schafft sich seinen (Nach)Ruf selbst.

Liebe Gitte, wir freuen uns über Dein Mitschreiben und klicken gern in Deinen Blog bei Himbeerwerft.

Hier geht es zu allen Informationen zu unserer Blog-Aktion im November.

6 Gedanken zu „6.11. Gitte Härter: Warum soll man eigentlich über Tote nicht schlecht reden?

  1. Pingback: Sein Leben war nur Arbeit. |

  2. Pingback: Warum soll man eigentlich über Tote nicht schlecht reden? | Himbeerwerft

  3. In meiner aktiven Zeit als Gemeindepfarrerin habe ich die Kunst der weiten Worte gelernt. Und dass es gut ist, auch den negativen Seiten in der Trauerrede Beachtung zu schenken, achtsam.
    Nach einem Trauerfall ind er Nachbarschaft lerne ich: es ist möglich, ehrlich über einen Toten zu sprechen. Respektvoll, aber ohne den ganzen Mist, den es gab zu unterschlagen.
    Danke, Gitte, für deinen unterhaltsamen, wunderbar – und mutig – bebilderten Beitrag!
    Herzlich,
    Annegret

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  4. Ich habe, damals als mein Vater starb, er lag vorher lange im Wachkoma und so konnte ich nicht mehr wirklich mit ihm sprechen – ich habe einen langen Brief geschrieben, in dem ich meine Vorwürfe an ihn gerichtet habe. Zum Schluss stand drin, dass ich ihm verzeihe und ihm eine gute Totenzeit wünsche. Diesen Brief habe ich meinem Vater mit ins Grab gegeben.

    Meine Wut auf ihn war nicht weg und auch heute noch hadere ich mit diesem Patriarchen, der auf dem Sockel . Aber ich konnte Frieden machen, mit mir und ihm. Ich knabbere immer wieder daran, dass er seine Erwartungen an mich so hoch gesteckt hat – ich habe sie übernommen – aber in guten Momenten, weiß ich, dass das jetzt meine Erwartungen sind und ich sie dringend tiefer hängen muss.

    Meinen Vater kann ich nicht mehr enttäuschen, mir das Leben aber leichter machen.

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  5. Ich komme gerade von der Pfarrerin hier im Ort und habe sie gefragt. Wie erlebst Du das, wenn Dir Trauernde von einem Toten erzählen, der so gar kein angenehmer Zeitgeist war? Da wird manchmal ganz schön ausgepackt und die Kunst ist, dies gut in Worte zu packen während der Trauerrede. Viele kennen den Verstorbenen oder die Verstorbene ja nur aus einer Perspektive, nicht aber immer den ganzen Menschen mit seinen Schattenseiten. Das ist eine hohe Kunst, hat mir die Pfarrerin bestätigt. Nein, nicht alle Menschen werden in Liebe zu Grabe getragen. Im Gegenteil.

    Deshalb bin ich froh, dass Gitte sich getraut hat, den Finger auf die Wunde zu legen. Und ich musste da auch an eine bestimmte tote Person denken, mit der ich noch mal ein ernstes Wörtchen reden werde.

    Gitte, danke!! 🙂

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  6. Viele Aspekte…, ich hatte so einen ähnlichen Fall, wie du unter „Redefreiheit“ beschreibst, liebe Gitte. Ich habe Frieden schließen und loslassen können, inzwischen. Auch dadurch, dass ich nach einigen Jahren noch mal ganz allein am Grab war. Nicht „bieseln“, sondern ein Mandala legen ;-). Deinen ersten Impuls, auch mal ein Blümchen auf verwahrloste Gräber zu lesen, fand ich so naheliegend…, denn heilen kann ja letztlich nur Liebe. Insofern bin ich da bibelfest ;-). Herzliche Grüße Ghislana

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