9.11. Andrea Behnke: Sind Tote gerne auf dem Friedhof?

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OLYMPUS DIGITAL CAMERA: Ostseeblume von Andrea

Ich bin in einem Grab, auf dem Stiefmütterchen wachsen. Vielleicht ist auch Heidekraut dabei. In einem roten Glas flackert eine Kerze. Oben steht ein Stein aus Marmor, in Messing steht mein Name geschrieben. Spätestens, als jemand mit spitzen Fingern das Unkraut zupft und die Erika gießt, muss ich unbedingt da raus.

Denn ich bin nicht gerne auf dem Friedhof – auch nicht, wenn ich tot bin. Ich bin noch nie gerne auf dem Friedhof gewesen. Ich weiß, dass viele Menschen diesen Ort brauchen. Es ist für sie ein Platz, an dem sie ihren Lieben ganz nah sein können. Doch ich verbinde mit dem Friedhof … nichts.

Schon als Kind fand ich diese Friedhofsbesuche seltsam. Die Gräber, die alle gleich aussehen. Die Grabsteine, die so tot wirken. Ebenso wie die Grabumrandungen. Nirgendwo darf etwas wachsen, sprießen. Es ist ein lebloser Ort, kalt wie der Marmor, den die Steinmetze vor den Friedhofstoren bearbeitet haben. Es ist nicht ruhig, es ist totenstill.

Und da liegen also die Verstorbenen. Ich mittendrin, wenn es dann soweit ist. Alle nebeneinander. Ein Viereck neben dem anderen, wie mit dem Zirkel gezeichnet. Egal, wie wild jemand im Leben war, tot zählt einzig der rechte Winkel. Bunte Leben werden grau und versteinert, mit einer kleinen Erika garniert, die ich im Leben noch nicht einmal in eine Balkonecke gepflanzt hätte.

In anderen Ländern sind Friedhöfe farbig. Die Gräber zeigen, woran dem Toten gelegen hat. Da sehe ich die Toten, wie sie sich freuen, dass es über ihnen ein bisschen so ausschaut, als wären sie noch immer da.

Doch auf diesem Friedhof, in dieser Stadt, liege ich nun und fühle mich überhaupt nicht zu Hause.

Kürzlich, da bin ich im Urlaub mit dem Fahrrad an der Ostsee entlang gefahren. Von Rettin nach Grömitz. Immer mit Blick aufs Meer. Da ging es durch ein kleines Waldstück, das war ein Friedwald.

Und da hatte ich das Gefühl, dort gut sein zu können, wenn ich einmal tot bin. Dort sind die Toten gerne, dachte ich. Mit Wind und guter Seeluft. Umgeben von knorrigen Bäumen und wildem Kraut. Ohne Kerzen in Gefäßen. Und vor allem ohne Erika.

Liebe Andrea, danke für den Blick aus deinem tiefen Grab und für den Link zu Deinem Blogartikel.

Hier gibt es alle Informationen zu unserer November-Blogaktion.

6 Gedanken zu „9.11. Andrea Behnke: Sind Tote gerne auf dem Friedhof?

  1. Liebe Andrea,
    danke für deinen Perspektivwechsel! Ich hab auch so ´ne Sehnsucht nach bunt! War gerade mit einer Gruppe auf einer Friedhofsführung in Hanau. Dort zeigt sich, wie sehr sich alles wandelt und wandeln kann. Ich fände es super, wenn wir uns in die Gestaltung der Friedhöfe an unseren Orten mehr einmischen!
    Liebe Grüße
    Annegret

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  2. … ich mag auch keine Friedhöfe, habe aber notgedrungen meinen Mann auf einen beerdigen müssen. Allerdings in einer Urnenwand – ganz schlicht und einfach. Ich gehe ganz selten hin – weil ich auch nichts pflegen brauche, nur meiner behinderten Kinder wegen.

    Der Papa und Mann ist in unseren Herzen und immer bei uns – manchmal legen wir irgendwo (auf eine Bank oder Mauer) ein Blümchen hin und das ist dann der Gruß an ihn.

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  3. Liebe Andrea, danke für diesen tollen Perspektivwechsel, der zum Nachdenken anregt. Ich persönlich mag Friedhöfe auch eher gern, ich mag die Stille und den gefühlten Frieden. Aber Du hast vollkommen Recht – das Leben des Verstorbenen kommt im Grab-Einerlei meist nicht zum Ausdruck. Meinen Vater haben wir in diesem Sommer auf dem örtlichen Friedhof beerdigt, so war es mit ihm besprochen. Er wusste, worauf er sich einlässt: dass er den Platz mit seinen Schwiegereltern teilt, aber auch, dass er Blick auf den Wald hat, den er so sehr liebte. Meine Mutter bepflanzt das Grab mit Pflanzen, die er auch mochte.
    Wenn also der Tod mehr im Leben wäre und die Menschen drüber sprächen, wo sie beerdigt werden möchten und wie es dort aussehen soll, könnte alles auch mehr nach ihrem Wunsch gestaltet werden ….
    Liebe Grüße, Christine

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  4. liebe Andrea, meine eigenen Gedanken zu Deinem guten Beitrag;
    Ich gehe gerne auf Friedhöfen spazieren, genieße die Ruhe und friedliche Stimmung dort. Oft und gerne besuche den in meinem Heimatort, schön gelegen am Ortsrand in unmittelbarer Nähe eines Waldes.
    Idyllisch gelegen, ein Ort der zu Verweilen einlädt.
    Ich könnte mir sogar sehr gut vorstellen, eines Tages hier mitten unter den anderen Verstorbenen zu liegen.
    Aber bin ich es als ganzes, die Person welche dann hier begraben liegt ?
    Oder ist es nur meine kalte, in ein Totenhemd gekleidete, vergängliche Hülle, kurz nach dem Tode von der Seele (?) verlassen, die nun am einem anderen Ort weilt (?)

    Aber noch mal auf den Punkt gebracht, auf unserem Friedhof würde ich oder der vergängliche Teil von mir später doch gerne liegen.

    Was mir an diesem Ort – noch – nicht gefällt ist die Leichenhalle, ein kleiner Steriler Zweckbau.
    Nein dort hingegen möchte ich später nicht liegen, aufgebahrt bis zur Beisetzung, zur letzten Abschiednahme für meine Lieben.
    Da gäbe es schönere Orte, wo ich mein letztes Bett aufgestellt wissen möchte.
    Zu Hause, oder in einem vorher ausgewählten Abschiedsraum.

    Doch wer weiß, mir kam zu Ohren, daß dieser ungemütliche Teil unseres schönen Friehofs bald umfassende bauliche Veränderungen erfahren soll.
    Mag sein, daß mir dieser Ort dann besser gefällt, wenn diese Maßnahmen abgeschlossen sind.

    Es ist ja noch Zeit, viel Zeit bis dahin….. hoffe ich.

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  5. Ich mag Friedhöfe eigentlich sehr gern, sie sind für mich friedliche Orte, natürliche Orte, gerade die alt eingewachsenen, schattigen… Auf solch einem, von dem aus du dich meldest, wäre ich allerdings auch nicht gern, und solche kenne ich auch, leider, die penibel „ordentlichen“, möglichst auch noch baumlosen, das Laub macht ja soviel „Stress“… Keine Ahnung, wo ich dann mal lande… Lieben Gruß Ghislana

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