10.11. Lucia Henke: Warum Totschweigen schlimmer als Trauern ist

2. Advent

2. Advent

Stirbt jemand plötzlich, dann kann es uns die Sprache verschlagen. Das ist anfangs ganz natürlich. Wenn aber auch nach einiger Zeit keine Worte gefunden werden, um den Verlust begreiflich zu machen, dann wird es schwierig. Ich habe es selbst erlebt.

Dieses Foto zeigt mich am 2. Advent 1977. Ich bin zu diesem Zeitpunkt noch vier Monate von meinem zweiten Geburtstag entfernt. Was das Foto nicht zeigt, sind die Ereignisse in den Wochen davor. Am 10. November 1977 habe ich einen Bruder bekommen, Johannes. 18 Tage darauf stirbt er an einem Herzklappenfehler, einen Tag nach dem ersten Advent. Jetzt ist er beerdigt, er liegt mit im Grab seiner Urgroßeltern. Sein Name wird nicht auf dem Grabstein stehen. Mein Vater räumt die Babysachen weg und meine Mutter versinkt in Trauer. Meine Eltern machen dieses Foto. Man sieht das Drama nicht und spürt es doch. Niemand wird, als ich älter werde, mit mir über Johannes reden.

1979 bekomme ich eine Schwester und die Sonne scheint wieder über unserer Familie. Wir beide sind schon Schulkinder, als wir von unserem Bruder erfahren. Unterwegs mit unserer Tante werden wir auf der Straße von einer Frau angesprochen. Nach den üblichen Bemerkungen, wie groß wir doch schon sind, meint sie zu meiner Tante, „dies sind doch die Mädels aus der Familie wo der Junge gestorben ist“. Meine Tante nickt und zieht uns weg. Es rauscht in meinen Ohren, aber ich weiß, es stimmt. Wir haben einen Bruder. Zu Hause fragen wir und hören vom Vater die knappen Fakten und dass wir nicht zur Mutter mit unseren Fragen gehen sollen. Es macht sie nur traurig. Und wir wollen sie doch nicht traurig machen, oder?

Manchmal, wenn ich alleine zu Hause bin, schleiche im mich im Wohnzimmer an die Schublade. Dort habe ich das Buch der Familie entdeckt. In dem gibt es eine Geburtsurkunde und eine Sterbeurkunde von Johannes. Seitdem schaue ich mir die Daten an und seinen Namen immer wieder an.

Wie wäre es gewesen, wenn damals in unserem Wohnzimmer ein Foto von Johannes gehangen hätte. Wenn wir über ihn gesprochen hätten? Zwar voller Trauer, aber wir hätten nach und nach Worte dafür gefunden. Ich glaube, dann wäre der übermächtige Schmerz, den meine Mutter immer noch Jahr für Jahr im November niederdrückt, einer erträglicheren Trauer gewichen. So aber lebten wir immer wie unter einer drohenden Gewitterwolke, die wir gekonnt ignorierten und deren Macht wir fürchteten.

Mich hat das kurze Leben meines Bruders und der Umgang mit seinem Tod sehr geprägt. Vielleicht kommt mein Hang zur Melancholie aus dieser Zeit? Das Sterben ist immer ein wesentliches Thema für mich gewesen. Wenn ich heute auf eine Beerdigung gehe, dann bin ich mit ganzem Herzen dabei. Da darf ich traurig sein und weinen.

Ich bin dankbar für alles, was ich dadurch gelernt habe. So bemühe ich mich darum, es bei meinen Kindern besser zu machen und Problematisches nicht mit Schweigen zu verdecken. Hoffentlich gelingt mir diese Offenheit auch, wenn das Lebensende eines geliebten Menschen und mein eigener Tod naht.

Totschweigen will etwas ungeschehen machen. Doch das ist unmöglich. Schweigen leugnet die Wunden und verhindert dadurch, dass sie sich schließen. Schweigen ist auf Dauer kein Weg. Die Trauer schon.

Danke für deinen so wichtig Beitrag, liebe Lucia. Ich kann das schwere Erbe nur erahnen. Hier entlang zu Lucia Henkes Blog

Alle Informationen zu unserer Blogaktion findet Ihr hier.

7 Gedanken zu „10.11. Lucia Henke: Warum Totschweigen schlimmer als Trauern ist

  1. Hallo Lucia,
    danke für die offenen Worte. Ich glaube schon, dass wir eine Last mit uns tragen müssen, wenn der Tod eines Geschwisterkindes nicht offen angesprochen wird. Mein älterer Bruder ist als Baby gestorben. Ich habe mich oft gefragt, ob es mich eigentlich noch gegeben hätte, hätte er überlebt. Weiß man’s? Jedenfalls wurde über das Thema wenig gesprochen, man ging halt auf den Friedhof zum Grab der Großeltern, in dem er auch lag. Sein Name stand auch auf dem Grabstein. Als mein Vater vor wenigen Jahren starb und in die gleiche Grabstelle kam, ging es plötzlich um die Frage, ob der verstorbene Bruder auf dem Grabstein bleiben sollte oder nicht, wenn die alte Grabstelle sozusagen „überschrieben“ wurde. Interessanterweise waren wir Geschwister nicht alle einer Meinung. Die Mehrheit hat sich durchgesetzt, und so wurde der Name auf den neuen Grabstein übertragen. So ist unser Bruder dann jetzt mit unserem Vater vereint, nach all den Jahren. Ich finde das irgendwie tröstlich.
    Herzliche Grüße,
    Doris

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  2. Liebe Lucia und liebe LeserInnen,
    die 70er. Da gab es noch Glasscheiben in Krankenhäusern hinter denen die Kinder/ Babies von ihren Eltern ferngehalten wurden. Es bahnte sich erst langsam ein anderer Umgang an mit Krankheit, mit Gefühlen, mit dem Sterben. Ich habe hier im Blog ja schon meine unbewiesene Küchentheorie geäußert, dass die Kriegsgenerationen die Schnauze von Sterben und Leid so dermaßen voll hatten (2 Kriege wohlgemerkt) und viele so traumatisiert waren, dass das Äußern von Gefühlen, das öffentliche und sogar das private Trauern um ein Kind für viele undenkbar war. Wir 60er und auch die Anfang 70er Geburtsjahrgänge sind mit dem Verschweigen/Unterdrücken von Emotionen aufgewachsen. Und einer Schaffen-schaffen-ohne-tot-umzufallen- Haltung, die viele von uns heute liebevoll zu ändern suchen.
    Was war das für ein langer Weg, gesellschaftlich und persönlich, dass wir heute unsere Geschichten erzählen können, nicht nur der Freundin, sondern öffentlich. Dass wir unsere ganz eigenen Wege der Trauer gehen können, auch in Gemeinschaft, wenn wir das wollen.
    Danke dir, Lucia, und allen, die es wagen, der lange versteckt gehaltenen Trauer einen Raum zu geben. Es ist so interessant, einmal mehr zu sehen, dass Schweigen einen Sachverhalt nicht zum Verschwinden bringen kann. Die Wahrheit sucht sich einen Weg. Und für Trauerarbeit – und es ist ganz viel Arbeit – ist auch verspätet noch Zeit. Und jede/r tut es auf seine/ihre Weise.

    Ich habe inzwischen begriffen, dass ich mich so sehr mit dem Thema beschäftige, weil ich mir wünsche, dem Sterben wieder seinen selbstverständlichen Platz im Leben zurückzugeben. Auch in meiner Familie.

    Für LeserInnen, die es noch nicht kennen sollten: Inzwischen gibt es ja schon lange den Verein Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister in Deutschland e.V. , http://www.veid.de

    Danke Lucia, für deinen wichtigen und eindrückliche erzählten Beitrag!
    Herzlich,
    Annegret

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    • Hallo Annegret,
      danke für Deine verständnisvollen Worte, die ich nur unterschreiben kann. Ich war als Kleinkind viel im Krankenhaus und hatte vor vielen Jahren in einem ehemaligen Kinderkrankenhaus „aus der alten Zeit“ einen ganz schlimmen Flashback wegen der Glasscheiben. Ich kann mich bewusst gar nicht mehr dran erinnern, ich weiß das nur aus Erzählungen, aber zack!, da war es plötzlich. Es ist gut, dass sich so viel geöffnet und geändert hat in vielerlei Hinsicht.

      Viele Grüße,
      Doris

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  3. Liebe Petra,
    ja, du hast recht, deine Hinweise eröffnen mir neue Perspektiven auf den Umgang mit Trauer. Es ist schwer, erlernte Umgangsweisen zu ändern, aber es ist möglich. Schon das Schreiben dieses Textes hat mir sehr gut getan.
    Vielen Dank an alle hier.
    Lucia

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  4. Liebe Lucia, wir hatten schon E-Mail-Austausch und ich habe Dich ermuntert, Johannes ins „Leben zu holen“, damit Trauer geschehen kann. Dein Text bzw. Dein Erleben hat mich lange beschäftigt. Wie schön wäre es, wenn Johannes auf dem Friedhof sichtbar würde, z.B. indem man seinen Namen auf den Grabstein hinzufügt oder ein Kreuz für ihn aufstellt … und dann habe ich dich weiter ermuntert mal bei Claudia Cardinal zu spicken, in ihrem Buch „wir sehen uns“. Es gibt so viele schöne Beispiele, wie das Erinnern zelebriert werden kann und ich habe von Dir gelesen, dass du ganz fröhlich warst wenn Du dir das vorstellst.

    Ganz in Deinem / euren Sinne. Du wirst das tun, was Dir entspricht und jetzt möglich ist.

    Die Kerze für Johannes brennt.
    Herzlich. Petra

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  5. Danke Lucia, mich hat der Beitrag erschreckt. Aber nicht negativ. Ich habe viel Kritik geerntet, als ich offensiv mit dem Tod meines Mannes umgegangen bin. Meine behinderten Kinder haben ihre Trauer und meine sehr gründlich erlebt.

    Lass dich einmal virtuell in den Arm nehmen…

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