26.11. Monika Birkner: Wie beeinflusst der Tod der Eltern unsere berufliche Entwicklung?

Wir sind erwachsen. Wir sind selbstständig. Wir haben die besten Voraussetzungen, um ein Leben nach eigener Wahl zu leben.

Oder doch nicht?

Wie die Eltern die Selbstständigkeit beeinflussen
Ein Phänomen, das mich ich in meiner nun mehr als 14-jährigen Coaching- und Beratungspraxis immer wieder verblüfft hat, ist der Einfluss, den unsere Eltern aufs Business haben. Zum Beispiel

• indem wir Ziele verfolgen, die nicht die eigenen sind
• indem wir immer noch die Anerkennung der Eltern suchen und dafür zu mancherlei Verbiegungen, Verrenkungen und Kompromissen bereit sind
• indem wir Dinge nicht tun aus Angst, die Zugehörigkeit zu verlieren.

Was geschieht, wenn die Eltern sterben?
Wie beeinflusst der Tod unserer Eltern unser Business?

Meine Mutter starb im Frühjahr dieses Jahres, nachdem mein Vater bereits einige Jahre zuvor gegangen war. Schon während ihrer langen Krankheit und noch mehr nach ihrem Tod hat sich bei mir vieles umgekrempelt und der Prozess ist noch nicht abgeschlossen.
Hängen diese Veränderungen mit dem Tod meiner Mutter zusammen?
Vielleicht nicht.
Und vielleicht doch.

Der entscheidende Wendepunkt
Für letzteres spricht das, was Victoria Secunda, Autorin von „Losing Your Parents, Finding Your Self“ herausgefunden hat.

Durch schriftliche Fragebögen und intensive Interviews erfuhr sie, welche Erfahrungen insgesamt 110 Menschen nach dem Tod ihrer Eltern machten. Darüber hinaus wertete sie unzählige Quellen von allen möglichen Experten rund um diese Thematik aus.

Ihre eindeutige Schlussfolgerung: Der Tod der Eltern ist das einschneidendste Erlebnis im Leben eines Erwachsenen, der entscheidende Wendepunkt.

Veränderungen jeglicher Art, auch beruflich
Der Tod der Eltern kann sich auf alle Lebensbereiche auswirken. Die Interviewpartner von Victoria Secunda berichteten neben aller Trauer und ähnlichen Gefühlen auch von

• Erleichterung und Freiheit, das Leben nunmehr nach eigenen Vorstellungen zu gestalten
• Veränderungen in den Beziehungen zu anderen Familienmitgliedern
• Veränderungen in sonstigen Beziehungen, zum Beispiel in der eigenen Partnerschaft oder Familie
• beruflicher Neuausrichtung.

Berufliche Neuausrichtung: Career Redirection, Career Rejuvenation, Career Confusion
Ungefähr die Hälfte der Teilnehmer hat berufliche Veränderungen vollzogen. Besonders interessant: 69 % von ihnen führten diese direkt auf den Tod der Eltern zurück.
Die Art der beruflichen Neuausrichtung kann sehr unterschiedlich sein. Victoria Secunda unterteilt in:

• Career Redirection: neue Wege gehen
• Career Rejuvenation: im Rahmen des Bestehenden sich neu entfalten
• Career Confusion: nicht zu wissen, wie es weiter gehen soll.

Neue Wege gehen (Career Redirection)
Neue Wege zu gehen (Career Redirection) kann im Einzelfall sehr unterschiedlich aussehen:

• eigene Träume zu verwirklichen, statt das zu tun, was sich die Eltern für einen gewünscht hatten
• zu voller Leistung aufzulaufen, vielleicht erstmals im Leben, und überdurchschnittlich erfolgreich zu werden.
• kreativen Ausdruck zu finden und die eigene Botschaft in die Welt zu bringen
• der Arbeit weniger Gewicht im Leben zu geben.

Sich im Rahmen des Bestehenden neu entfalten (Career Rejuvenation)
Berufliche Veränderung muss nicht immer äußere Veränderung bedeuten. Oftmals ist es eher eine innere Veränderung. Eine Veränderung, die damit einhergeht, sich von Erwartungen und Zuschreibungen der Eltern zu lösen.

Die mit einem neuen Grad an „Ownership“ für den eigenen Erfolg oder Misserfolg verbunden ist, also mit mehr Eigenverantwortung und der Bereitschaft, diese auch zu übernehmen. Das kann sich zum Beispiel äußern darin, neue Verantwortung für die finanzielle Zukunft zu übernehmen.

Orientierungslosigkeit (Career Confusion)
Career Confusion kann besonders dann eintreten, wenn sich jemand auch im Erwachsenenalter emotional noch nicht vom Elternhaus gelöst hat.
Ein möglicher Fall ist der, dass jemand sein ganzes Berufsleben darauf aufbaut, den Eltern etwas zu beweisen. Wenn die Eltern nicht mehr da sind, wird das hinfällig.
Orientierungslosigkeit ist auch möglich, wenn jemand die kranken Eltern längere Zeit gepflegt hat und die eigenen Wünsche und Bedürfnisse dabei sehr zurückgestellt hat.

Bewusstsein der eigenen Endlichkeit
Neben all diesen Veränderungen ist der Tod der Eltern oft mit einem neuen Bewusstsein der eigenen Endlichkeit verbunden. Das kann dazu führen, bewusster mit seiner Zeit umzugehen. Mehr noch darüber nachzudenken, welche Spuren man hinterlassen will.
Ich erlebe das auch oft in Gesprächen um ein verkaufsfähiges Business. Dieses Thema hat viele Facetten: Neben den finanziellen Aspekten spielt auch für viele eine Rolle, Spuren hinterlassen zu wollen. Das, was man selbst an Erfahrungen gesammelt und was man selbst aufgebaut hat, weiter geben zu wollen.

Abnabelung von den Eltern zu Ende bringen
Die äußere Trennung von den Eltern kann dazu führen, mehr und mehr die Abnabelung von den Eltern zu vollziehen, die zu Lebzeiten noch nicht möglich ist. Victoria Secunda drückt das in diesem Zitat (S. 281) sehr schön aus (zunächst im Original, dann sinngemäß umschrieben):

„They (ihre Eltern, Anm. von mir) had to die for me to see who they were, apart from me, and who I am, apart from them. They had to die for me to fully understand that while I am of them, I am not them.“

„Erst nach dem Tod meiner Eltern konnte ich sehen, wer sie waren und wer ich bin, sie eigenständig wahrzunehmen in Bezug auf mich und mich eigenständig in Bezug auf sie. Erst nach ihrem Tod habe ich voll und ganz verstanden, dass ich zwar von ihnen abstamme, aber dass ich nicht sie bin.“

Und damit erwächst die Chance – und auch die Aufgabe – das eigene Leben voll und ganz zu leben.

Für eigene Verarbeitung und für Coaches und Berater
Dieses Buch hat mir sehr geholfen, mir die volle Tragweite davon bewusst zu machen, dass ich nun eine „erwachsene Waise“ bin, wie Victoria Secunda es ausdrückt („adult orphan“). Ich finde es auch immer hilfreich, eigene Erfahrungen in einem größeren Kontext zu sehen und zu erleben, dass andere ähnliche Erfahrungen machen.

Dieses Buch ist auch wichtig für meine Coaching- und Beratungspraxis. Ich empfehle es allen, die nicht nur das eigene Erleben, sondern auch das ihrer Klienten noch besser verstehen wollen.

Mein Beitrag zur November-Aktion im Totenhemd-Blog
Ein großes „Danke“ an Petra Schuseil und Annegret Zander, die mit ihrer November-Aktion im Totenhemd-Blog den Raum geöffnet haben für sehr individuelle und vielfältige Beiträge rund um Tod und Sterben unter dem Motto „Was ist deine heimlichste Frage zum Sterben und zum Tod?“

Meine Frage „Wie beeinflusst der Tod unserer Eltern unsere berufliche Entwicklung?“ haben Sie hier kennen gelernt und auch, wo ich Antworten gesucht und gefunden habe. Vielleicht regt dieser Beitrag Sie an, für sich selbst die Frage überhaupt erst einmal zu stellen. Vielleicht regt er Sie an, neue Antworten zu finden.

Mit Victoria Secunda bin ich einig, dass dieses Ereignis ein Wendepunkt im Leben ist und vielleicht in der Tat der wichtigste.

Hier ist der Link zum Buch: Victoria Secunda: Losing Your Parents, Finding Your Self

**************

Liebe Monika Birkner, dankeschön für diesen sehr wichtigen Blickwinkel … wir werden alle einmal erwachsene Waisen sein. Hier geht es zu Ihrem Blogbeitrag und hier zu allen Informationen unserer Blogaktion.

4 Gedanken zu „26.11. Monika Birkner: Wie beeinflusst der Tod der Eltern unsere berufliche Entwicklung?

  1. Liebe Frau Birkner,
    ich bin froh, dass Sie in unserer Blogaktion dabei sind! So ein wichtiges Thema.
    Dass Ihre Mutter erst in diesem Jahr gestorben ist, tut mir leid. Mein herzliches Beileid auf diesem Weg.

    Bis jetzt ist NUR mein Vater gestorben und ich hab mich gut mit ihm „verbunden“. Eine sehr gute Bekannte meinte: es tut was mit einem (wenn ein Elternteil stirbt). Was tut es wohl, wenn beide tot sind? Sie haben uns heute Antworten gegeben. Danke dafür.

    Ich kann bestätigen, dass seit dem Tod meines Vaters schon einiges in Bewegung geraten ist. Neue Themen sind in mein Leben gezogen: Der Tod und das Sterben: Ich schreibe mit Annegret in diesem Blog, ich bin in Weiterbildung und höre und erlebe alles Mögliche zu unserer Endlichkeit, zur Sterbe- und Erinnerungskultur …

    Mal sehen wo es mich noch weiter hinführt. Heute war ich in einem Hospiz schnuppern und kann mir vorstellen, als freiwillige Mitarbeiterin einige Stunden meiner Zeit zu verschenken. Dort im Hospiz ist man froh um die ehrenamtlichen MitarbeiterInnen, die das Leben und frischen Wind ins Haus bringen. Mir gefällt diese „Career Rejuvenation“ und dass mir meine eigene Endlichkeit bewusst ist.

    Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit.
    Herzlich
    Petra Schuseil

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  2. Das ist eine spannende Frage. Auf jeden Fall beeinflusst der Tod der Eltern die persönliche Entwicklung. Nachdem meine beiden Eltern gestorben waren, wurde mir sehr bewusst, dass ich alles in meinem Leben selbst zu verantworten habe. Das war zwar vorher auch so, aber in Bezug auf die Eltern bleibt man immer Kind.

    Mit dem Tod der Eltern, ist mir meine Prägung bewusst geworden. Mein Vater war schon Unternehmer. Er hat dieselben Schritte wie ich vollzogen, aus einer Angestelltentätigkeit in die Selbstständigkeit, mit allen Krisen, die das bedeutet. In ihm hatte ich ein Modell, dass Selbständigkeit überhaupt eine Option ist. Heute würde ich ihn öfter fragen, wie er seine unternehmerischen Entscheidungen getroffen hat. Ich frage ihn und es entstehen in mir Antworten. Neben der Abnabelung ist mir deshalb die neue Verbindung wichtig, die zu Lebzeiten noch nicht möglich war.

    Gefällt 3 Personen

    • Liebe Birgit, meinen Vater habe ich immer „nur“ als Selbständigen gesehen … erlebt sowieso. Dass er sich aber auch aus einer angestellten Abteilungsleiterfunktion heraus selbständig gemacht hat, ist mir jetzt mit Deinem Kommentar richtig deutlich geworden. Ich bin sehr stolz auf das, was er geleistet und vollbracht hat als Unternehmer.

      Er hat 10 Jahre einen gastronomischen Pachtbetrieb erfolgreich geleitet und dann ein Hotel-Restaurant aufgebaut …

      Schön, dass Du Deinen Vater immer wieder fragst und dass Antworten in Dir entstehen … so mache ich das auch immer wieder.

      Herzlicher Abendgruß
      Petra

      Gefällt mir

    • Liebe Petra Schuseil, danke schön für Ihre Anteilnahme, Ihre wertschätzenden Worte und Ihre eigenen Erfahrungen. Wenn daraus dieser Blog entstanden ist, dann finde ich das wunderschön. Denn Sterben und Tod gehören zum Leben dazu, statt ausgeklammert und totgeschwiegen zu werden. Von Menschen, die im Hospiz arbeiten, habe ich gehört, dass sie das als sehr große Bereicherung erleben. Ich freue mich auf das, was dieses Blog noch weiter bewirken wird und bedanke mich
      ganz herzlich für diese großartige Aktion und dass ich dabei sein durfte.

      Liebe Frau Janetzky, Sie haben es sehr schön in Worte gefasst. Gegenüber den Eltern bleibt man immer Kind. Doch nach deren Tod ist man voll und ganz für sich allein verantwortlich. Dass gleichzeitig Abnabelung und neue Verbindung möglich sind, finde ich faszinierend.

      Gefällt 1 Person

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