Heimat ist dort, wo unsere Toten begraben sind

imageGuten Morgen allerseits, das Thema „Heimat“ beschäftigt mich schon länger. Auf jeden Fall seitdem ich mit meinem Mann am Zürichsee lebe. Ein Aspekt, mit dem ich mich hier im Totenhemd-Blog beschäftigen kann, ist der Satz eines Autors und Philosophen, den ich hier auch schon mal nannte. Er sagte:

HEIMAT ist dort, wo unsere Toten begraben sind.

Wie wahr!! Finde ich jedenfalls. Wir gehen in der Heimat an die Gräber unserer Verstorbenen, pflanzen und zupfen die Beete, wischen die Kreuze oder Engelskulpturen. Wir beten, weinen oder sprechen mit den Toten an ihrem Grab. Wir legen Blumen oder einen Kranz nieder, bringen einen Stein von einem fremden Ort mit, den wir in die Mitte platzieren.

Ich musste sofort an alle Flüchtlinge denken, die ihre Heimat aus verschiedensten Gründen verlassen. Jede und jeder hat eine Vision warum sie/er die Koffer packt. Die meisten hoffen auf ein sicheres Land in dem sie Ruhe und Frieden suchen und meistens auch finden.

Wenn ich mir vorstelle, dass sie, die bei uns Asyl suchen, nicht nur ihre Wohnung oder ihr Haus verlassen haben sondern auch die Gräber, wo ihre Liebsten ruhn, dann werde ich ganz traurig. Wo sollen sie hin mit ihren Tränen und ihrer Trauer und ihren Erinnerungen? Stellen Sie sich vor, da ziert vielleicht ein Foto der/s Verstorbenen das Grab, das regelmäßig blank geputzt wurde. Die Gräber werden mit der Zeit ganz zerfallen bzw. verrotten, Unkraut wird wachsen und alles überwuchern … achje!

Denke ich an meine Verstorbenen in der Heimat, dann ist das Bad Kreuznach. Hier ruhen meine Großeltern: mein Opa väterlicherseits, meine Oma und Opa mütterlicherseits. Der zweite Mann meiner Mutter. Seit kurzem mein Vater. Immer wenn ich in KH bin, gehe ich auf den Friedhof und besuche die Verstorbenen, meine Ahnen. Es ist wie ein Sog, das erste was ich machen muss. Sie besuchen, mit ihnen sprechen, beten.

Ich habe vernommen, dass sich das ändert. „Man“ hat keine Zeit mehr für die Grabpflege und für Friedhofbesuche. Da verändert sich was: Man lässt sich in einem Friedwald begraben oder entscheidet sich für ein Urnengrab, das nicht viel Pflege benötigt. Man ist weniger verpflichtet auf den Friedhof zu gehen, weil nichts verwelken oder verrotten kann. Und doch ist es diese Geste, dieser Gang durch eine schöne Friedhofanlage hin zum Grab. Es tröstet ungemein, in der Nähe der Toten weilen zu können. Die Autorin Claudia Cardinal lädt dazu ein, regelmäßig mit einem Picknickkorb beladen hinzugehen, Platz zu nehmen und beim Grab zu vespern. Schöner Gedanke, was?

Ich finde, das ist ein ganz wichtiger Aspekt, wenn wir von Heimat sprechen. Heimat ist dort, wo unsere Toten ruhn. Auch wenn ich hier Dinge tue, um meinen Verstorbenen nah zu sein. Der Gang zum Grab, dort wo die Toten liegen, ist nicht ersetzbar. Nie. Denk ich an alle die FLüchtlinge, die abgeschnitten sind von ihren heimatlichen Friedhöfen, vermute ich, dass viele von ihnen schier verzweifelt sind darüber. Und wir können sie nicht trösten.

Haben Sie einen Heimat-Friedhof, den Sie regelmäßig besuchen?

3 Gedanken zu „Heimat ist dort, wo unsere Toten begraben sind

  1. Liebe Marion, liebe Silke,
    sorry für meine verspätete Antwort. Ich lag erkältet flach :-/.
    Ich freue mich über Eure Gedanken und weiteren Perspektiven zu dem, was ich geschrieben habe.
    @Silke, wir sollten mal einen Spaziergang / Wanderung mit Heike in der Heimat unternehmen – auf einem Friedhof? In Mainz?
    @Marion, das Buch, das Du hier erwähnst, klingt interessant. Wenn ich richtig gesehen habe, ist es als vollständiges PDF im Netz zu lesen.

    Das ist bestimmt eine wichtige Erfahrung für Dich, schon einmal eine christliche Beerdigung in Afrika erlebt zu haben.

    Meine Mutter auf den Friedhof in KH angesprochen dachte sofort an ihre Heimatstadt in Niedersachsen, wo sie aufgewachsen ist. Das Thema Heimat ist so vielfältig und wird so manchem sicher nicht gerecht – gerade Flüchtlingen, politisch Verfolgten, wir brauchen da ja nur unsere deutsche Geschichte unter die Lupe zu nehmen. Das ist mir bewusst.

    Und Heimat ist selbstverständlich noch viel mehr als nur diese EINE Tatsache. Trotz allem rührt es mich, dass in der Heimat, unsere Toten begraben sind. Heimat hat noch ganz andere Facetten.

    Wir bleiben in der Diskussion und freue mich.
    Herzlich Petra

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  2. Guten Morgen Petra,
    beim Nachdenken über Deinen Beitrag ist mir bewusst geworden, dass ich eigendlich garnicht so genau weiß, welche Bedeutung Friedhöfe oder Gräber für Menschen anderer Religionen oder Kulturen haben.
    Als ich in Zentralafrika einer christlichen Beerdigung beiwohnte, sah ich, dass keine Grabsteine oder Kreuze mit den Namen der Verstorbenen auf den Gräbern standen und die aufgehäuften Erdhügel auch nicht bepflanzt wurden. Das Bild von diesem schmucklosen, staubigen Ort, an dem die Toten bestattet wurden hat sich in mein Gedächtnis eingeprägt. Damals war ich noch sehr jung und habe mir ganz andere Fragen gestellt als heute.
    Gestern habe ich mich an ein Buch erinnert, das bisher ungelesen in meinem Regal stand: „Wie Religionen mit dem Tod umgehen – Grundlagen für die interkulturelle Sterbebegleitung“ von Birgit Heller. Ich habe angefangen es mit großem Interesse zu lesen.
    Vorangestellt ist ein Beitrag zu männlichen und weiblichen Todespersonifikationen. Teil 1 beschäftigt sich mit „Religiöse Antworten auf den Tod“ – Sterben Tod und Trauer in den verschiedenen Weltreligionen. Teil 2 mit „Religionen und Medizinethik am Lebensende“. Teil 3 mit „Palliative Care im Kontext religiös-kultureller Vielfalt“. Es enthält einige interessante Abbildungen und Fotos und viele weiterführende Literaturangaben.

    Ich persönlich habe auch viel darüber nachgedacht, was eigentlich meine Heimat ist. Am ehesten tatsächlich Ostfriesland. Dort bin ich geboren und dort ist die gemeinsame Grabstätte meiner geliebten Großmutter und einer Tante, zu der ich auch eine große Bindung hatte.
    Ich frage mich aber auch, ob Heimat nicht auch bei dem Menschen ist, den ich liebe und mit dem ich am Wohnort in einem Netzwerk von andern Menschen lebe, auf das ich mich auch in schwierigen Zeiten verlassen kann. Dann wäre meine Heimat jetzt Wesel.

    Viele Grüße
    Marion

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  3. Hallo Petra,
    der Faktor „sich Zeit für etwas nehmen“, den Du ansprichst, finde ich elementar. Ist es Zeitgeist? Ich glaube schon. Dieses nie Zeit haben – Coffee to go und Brötchen beim Bäcker statt zuhause „ordentlich“ zu frühstücken oder sich selbst zubereiteten Kaffee mit zur Arbeit zu bringen. Oder mittags in Ruhe zu pausieren und warum nicht auf einem friedlichen Friedhof auf dem die Vögel zwitschern, Eichhörnchen klettern und die Verwandten unter einem liegen? Schönes Bild, das Du da aussendest.

    Herzliche Grüße
    Silke

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