4.4. Roswitha Markgraf: Wenn wir uns dann ALLE wiedersehen

Auch Roswitha, verwaiste Mutter, teilt einen Traum mit uns. Es sind wohl die Traumbilder, die uns bei den Fragen durch die Welten zwischen Leben, Tod und Leben führen- von einer Kraft zur nächsten.

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Ich muss ja die Einladungen noch wegbringen.

Vorher:

Nebel… eine tosende Trauerwelle hat mich verschluckt, und in die Tiefe gezogen.

Ich weiß nicht mehr wo oben und unten ist. Die Zeit steht für mich einen Moment still. Bis mich die Welle wieder ausspuckt. Ich bin verrückt! Das Meer hat mich verschluckt und an einer anderen Stelle wieder ausgespuckt … verrückt eben!!!

Ich öffne die Augen und seh‘ alles wie im Nebel.

Wisst Ihr eigentlich, dass NEBEL rückwärts gelesen LEBEN ergibt !

Ich steh auf, weil ich da etwas gesehen habe; eine Allee und am Ende dieser Allee da steht sie … meine Villa … ich habe diese Villa schon oft betreten ( im Traum 🙂 ).

Heute wahrscheinlich für lange Zeit das letzte Mal … warum ? … irgendetwas fühlt sich heute anders an als sonst.

Ich steige durch ein Zeitfenster in die Villa ein und knarzend öffnet sich eine Tür. Ich schau mir alle Zimmer an, und fang gleich an aufzuräumen und zu renovieren. Aber immer wenn ich gerade mit einem Zimmer fertig bin, öffnet sich wie von Geisterhand die nächste Tür und zum Vorschein kommt noch ein Zimmer, das ich erst renovieren muss, bevor ich jemand reinlassen kann. So öffnete ich Tür um Tür und ich renovierte Raum für Raum, bis ich keine verschlossenen Türen mehr fand.

Jetzt kann ich endlich die Einweihung meiner Villa planen. Es wird ein riesen Fest geben, mit einem Büffet, Musik, Stimmengewirr und fröhlichem Gelächter. Ein schönes befriedigendes Wiedersehen mit ALLEN !!!

Aber vorher muss ich noch die Einladungen unter die Leute bringen. Ich mach mich also mit einem Rucksack auf den Weg. Ich laufe über die große Wiese vor meiner Villa … warum habe ich eigentlich keine Schuhe mehr an ? Ach egal, das weiche durchmooste Gras trägt mich und ich fühle mich federleicht. Am Waldesrand sehe ich mich noch einmal um. Meine Villa erstrahlt und ich merke sie macht sich schick für den großen Ball der mir zu Ehren stattfinden wird … wenn ich wieder zurück bin.

Jetzt aber los !
Ich laufe durch den Wald, rieche das Moos und die Pilze, da vorn ist eine Lichtung und ich trete hinaus. Ich seh einen Bach, glasklar das Wasser. Sprudelnd und glucksend bahnt er sich seinen Weg durch die von der Sonne glänzenden großen und kleinen Kieselsteine.

Ich würde so gerne meine Füße in das klare Wasser halten und einen Moment am Rand sitzen bleiben, aber ich darf jetzt nicht soviel Zeit vertrödeln, ich hab ja noch ein ganz schön schweres Stück Weg vor mir. Also überquere ich schnell den kleinen Steg um dann den Hang hoch zu krakseln. Tausendschön und Butterblümchen, Löwenzahn und Sauerampfer kitzeln mich an meinen nackten Füßen. Endlich oben angekommen eröffnet sich mir ein Ausblick der mir den Atem raubt und ich setz mich erst mal auf die Anhöhe um diesen zu genießen. Nach einer Weile muss ich mich zwingen aufzustehen und weiter zu laufen. Von weitem höre ich das tiefe Horn des Schiffes tröten ! Ich muss mich jetzt ein wenig sputen, dass ich nicht zu spät komme, dann steh ich mit meinen Einladungen schön blöd da.

Ich lauf den Berg runter und nach einer gefühlten Ewigkeit, komme ich am Hafen an. Der Weg ist frei, ich mus nicht drängeln, ein junger Mann in schicker Uniform fällt mir auf, den frag ich jetzt mal, wem ich meine Einladungen geben kann und wer sich dann um die Verteilung kümmert, wenn das Schiff angekommen ist. Er erklärt mir alles und nimmt den Rucksack und verschwindet auf dem Schiff. Es sind eine ganze Menge Leute, aber es gibt kein Gedränge. Ein kleiner Junge bietet mir aus einem Krug ein Glas erfrischendes Wasser an. Eine Frau legt mir einen Schal um den Hals, wieder eine andere setzt mir einen Strohhut auf, damit ich vor dem Wind und der Sonne geschützt bin.

Irgendwie ist es ganz still um mich herum geworden … der Junge steht noch da, und lächelt. Als ich die Augen schließe weil mich die Sonne blendet, hör ich jemand „MAMILI“ rufen … ich halte Ausschau woher das kommen könnte, kann ich vielleicht helfen ? Hat ein Kind seine Mutter verloren ?

Da stehen Leute die mir zuwinken, eine hübsche Frau mit dem Jungen an der Hand, der mir etwas zum Trinken angeboten hatte. Als unsere Blicke sich treffen rennen sie auf mich zu.

Es dauert einen Moment, bis ich erkenne, dass es meine Kinder sind … Benjamin und Daniela … mein Herz schlägt so fest, dass es ganz doll weh tut.

Andreas mein Neffe ist der junge Mann mit der schicken Uniform, der mir versprochen hat sich persönlich um meine Einladungen zu kümmern.

Die Frau die mir den Schal umhängte war meine Mutti, der Hut war von meiner Schwester.

Sie waren alle da … alle meine Lieben !
Freudentränen schießen mir aus den Augen und sie laufen mir über das Gesicht, als mich meine Kinder in die Arme nehmen, spüre ich … ich bin schon angekommen.

Ich brauch nicht mehr zurück zu meiner Villa … ich werde nicht anwesend sein bei diesem Fest.

Es ist mir aber auch nicht mehr wichtig, denn jetzt habe ich meine Kinder wieder bei mir … alles wonach ich mich seit Jahren sooooo sehr gesehnt habe.

Ich schließe meine Augen … mit meinen Kindern im Arm !

***

… „ bis dann Mamili “ … oder sagte sie doch … „ bis später “ … zu mir ? Das war ihr letzter Satz, bevor ich aus dem Zimmer ging. Danielas Herz hörte wegen einem Arztfehler auf zu schlagen.

So stelle ich mir mein Ende vor. Ich brauche etwas, an das ich mich klammern kann, sonst schaff ich das nicht.

Sollte es wieder Erwarten nicht eintreffen, kann es mir ja auch egal sein, weil ich ja dann nicht mehr da bin.

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Danke Roswitha, dass du uns in deine Trauer hineinblinzeln lässt! Wir freuen uns, dass Du bei unserer Blogaktion dabei bist.

2 Gedanken zu „4.4. Roswitha Markgraf: Wenn wir uns dann ALLE wiedersehen

  1. Liebe Roswitha,
    ich bin tief beeindruckt von deinem Traum und der Kraft der Bilder, die du in dir trägst.
    Ich bin in der Karwoche über ein Stückchen Psalm gestolpert (Psalm 84, Vers 8): Sie gehen von einer Kraft zur anderen. Es sind Menschen, die vorher durch ein dürres Tal ziehen mussten und just dieses wird ihnen zum Quellgrund. Mich hat sehr gestärkt zu hören, dass ich von der einen Kraft, die für das eine gereicht hat, zu einer anderen Kraft gelangen kann, die für das reicht, was nun zu tun und zu leben ist. Dein Traum erinnert uns daran, den Quellgrund in Augenschein zu nehmen. Danke dir sehr!
    Herzlich, Annegret

    Gefällt 1 Person

    • Vielen Dank Annegret
      Ja von einer Kraft in die andere. Die meiste Kraft kommt von der bedingungslosen Liebe zu meinen Kindern, und somit vielleicht auch ein bißchen Liebe zu mir selbst. Kinder entstehen durch uns und wachsen aus uns heraus. Meine Kinder sind mein Quellgrund. Schöne Vorstellung, daß sie mir dabei helfen diese Kraft zu speichern und zu gegebener Zeit ( für mich ) zu nutzen.
      ❤ lichst Roswitha**

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