Ich hab keine Angst vorm Sterben, ich hab Angst vorm Tod

Warnung: Mitfühlende Kommentare seelsorgerlicher Art mit zukunftsweisenden Gedanken der Hoffnung und ähnlichem Duktus werden nicht entgegen genommen und kommentarlos gelöscht. Ich mein´s ernst.

  1. Das ging los, kurz nachdem ich mein Kind bekommen hatte. Heulend fuhr ich über eine Landstraße mit dem verzweifelten Gedanken „Ich darf nicht Sterben!!!!“ Viele Jahre später und mit deutlich weniger Hormonen im Blut, begleitet mich dieser Gedanke bei fast jeder Autofahrt. Besonders, wenn so ein Arsch mit 200 Sachen an mir vorbei schiebt. Wenn du so ein Arsch bist, der/die gerne schnell und links fährt: Denk an mich: Ich hab ein Kind zu Hause, das auf mich wartet.
  2. Ich bin gespannt auf mein Sterben. Ich freu mich auch darauf. Auch wenn es schmerzhaft sein sollte. So wie Kinderkriegen. Ich hoffe sehr, dass mir ausreichend Zeit zum Laborieren gegönnt wird. Aber ich bin nicht bereit, tot zu sein. Nicht vor Mitte 80. Klar?
  3. Meine Eltern werden alt. Ich weiß seit Oktober, dass ich in der Lage wäre, meinem Vater eine Windel zu wechseln, wenn nötig. Das hätte ich mir vorher nicht vorstellen können. Aber wenn man das einmal bei jemand anders gemacht hat, der einem nicht so nahe steht und die Schamgrenze mit einem tiefen Atemzug und Ärmel hoch überwunden hat, dann geht´s. Ich habe genug Informationen gesammelt und angewendet, um ihn oder wen auch immer im Sterben zu begleiten. Ich habe mit Petra und hier im Blog und mit anderen so viel über´s Sterben geredet, dass ich für den Ernstfall erprobtermaßen vorbereitet bin. Ein Glück.
    Aber ich habe so richtig Schiss vor dem Loch in der Gegenwart. Vor dem Schmerz. Wenn sie tot sind. Ich will das nicht fühlen. Ich weiß nämlich, wie saumäßig weh das tut, wenn einem ein Mensch fehlt. (Und glaubt mir, ich bin auch in Sachen Trauerrituale etcpp mit vielen Wassern gewaschen. Darum verbitte ich mir auch hierzu Kommentare.)
  4. Ich will es einfach mal sagen: Ich hab Angst vor dem Tod. Meinem eigenen und dem meiner Lieben.

4 Gedanken zu „Ich hab keine Angst vorm Sterben, ich hab Angst vorm Tod

  1. Hallo Annegret, hey Du. Ich will noch ganz lange leben. Hab gerade diese Tage mich mal wieder gefragt: Wenn Du noch ein Jahr hättest, ein halbes Jahr. Ist es OK wie es grad ist? Dann: Lieber Gott, schenke mir noch ganz viel Lebenszeit.

    Ich will jetzt nicht sterben.
    Meine Mutter wird nächstes Jahr 80. Sie ist fit und relativ guter Gesundheit. Sie wird mir mal sehr fehlen, wenn es so weit ist.

    Von wegen die rasenden Ärsche auf der Autobahn. Mich hat vor zwei Wochen jemand bei Zone 100 rechts mit 200 Sachen überholt, auf einer Autobahnkreuzung … ich habe cool reagiert … aber geschlottert hinterher. Das war Millimeterarbeit.

    Die Sonne scheint am Zürichsee. Mit unserem Blog bieten wir eine Plattform, der wir alles anvertrauen können rund ums Sterben und den Tod.

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    • Liebe Petra. liebe alle, „dem wir alles anvertrauen können“, auch wenn der Post hier ein Bekenntnis meinerseits ist, so verstehe ich es nicht als Tagebucheintrag sondern als gesellschaftliches Statement, das dazu einlädt, ebenfalls in unseren Diskurs einzusteigen. Zum einen haben wir in 2 Jahren Totenhemd-Blog in der Recherche und im Austausch mit Petra und allen die mitschreiben und kommentieren so viel Wissen um das Sterben entwickelt, dass für mich das Sterben in einen Bereich gerückt ist, vor dem ich immer noch großen Respekt habe, den ich aber eher mit Neugier und Gelassenheit betrete. Und zugleich möchte ich kritisch die Bedeutung und Wirkung dieses Satzes hinterfragen: „Ich habe keine Angst vor dem Tod, aber Angst vor dem Sterben.“ Ich habe den Eindruck, dass die Angst vor beidem Menschen daran hindert, sich mit beidem auseinanderzusetzen. Und das – ich bin jetzt auch hier mal plakativ – verhindert im Ernstfall, dass wir unsere Sterbenden hilfreich begleiten und uns selbst angemessen verabschieden. Und damit nehmen alle, die unvorbereitet sind, sich selbst und denen, die sie begleiten, das letzte große Geschenk, das das Leben bereit hält.

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