„Die Decke nervt.“ Kleidung und Tod: Annegrets Antworten

IMG_1639Melina Grundmann hat uns geschrieben. Sie recherchiert zum Thema: Totenhemd im Kleiderschrank bzw. „Kleidung und Tod“. Für ein Uni-Seminar. Hier jetzt meine Antworten:

Was verbinden Sie persönlich mit dem Thema Kleidung und Tod? In welche Beziehung setzen Sie die beiden Bereiche zueinander?
Ich habe mir da früher überhaupt keine Gedanken gemacht. Schlicht weil ich es nie musste. So ganz akut wurde die Frage, als Petra und ich bei dem Fotoprojekt „Im letzten Hemd“ der Bestatter Pütz-Roth mitmachten. Aufgabe war: Wie wollen Sie sich bestatten lassen? Da habe ich es zum ersten Mal ganz konkret durchgespielt, bin durch meinen Kleiderschrank durch und es wurde klar: Es geht hier um Würde.  Ich möchte meine Würde auch im Tod gewahrt wissen. Also bitte kein Hemdchen. Schon gar keines, das man hinten nur zuschnürt, Hintern blank, die Länge mit der Schere gekürzt. Ziemlich schnell war mein bestes Kleid gewählt, eines von meiner Lieblingsschneiderin Katja Gastell, Hamburg (Alpenglühen in der Marktstraße ;-)) Es ist aus braunem Nadelstreifenanzugstoff, mit einem Grünbraun gemusterten Rand und Kapuze. Fast alle meine Klamotten haben eine Kapuze, aber dieses ist mein „feines“ Kleid. Bitte die braun-schwarzen Stiefel dazu (siehe Bild). Das Kleid trage ich zu besonderen Anlässen. Es zeigt denen, die mich kennen, meine Verbundenheit mit der Kunst. Es ist so – auch wenn ich es nicht oft trage – eine Art zweite Haut.

Wie sind Sie auf die Idee des „Totenhemd-Blogs“ gekommen?
Da verweise ich mal auf unsere Anfänge hier im „Über…“

Was hat Sie zu der Idee gebracht, sich gegenseitig Totenhemden anzufertigen?
Das haben wir dann doch nicht. Aber unsere allerersten Gedankenspiele gingen durchaus in die Richtung. Das Totenhemd-Projekt ging als Spiel los – und das ist es immer noch. Für mich bedeutet Spielen, sich dem Leben künstlerisch anzunähern, es mir über meine kreative Praxis sozusagen einzuverleiben und zu verwandeln.
Und der Gedanke, meine Freundin liebevoll einzuhüllen, ihr etwas von mir mitzugeben, war mir sehr nah. Beim Foto-Shooting habe ich bei Petra immerzu an der Kleidung herumgezubbelt und Haarsträhnen sortiert, weil mir wichtig war, dass sie besonders schön aussieht. Das hat mich damals sehr berührt, dieser Gedanke, als letzten Liebesdienst meine tote Freundin schön zu machen.

Wofür könnte das Totenhemd ein Symbol sein?
Es ist kein Symbol. Das sind nach Paul Tillich Dinge, die über sich hinaus auf etwas anderes verweisen. Es ist das Kleidungsstück, mit dem unsere Angehörigen uns aus dieser Welt verabschieden. Alles was wir rund um die Sorge für unsere Toten tun, sind Abschiedsrituale.

Was ändert es, vor dem Tod schon zu wissen, was genau man tragen wird?
Mich hat das erleichtert. Das war allerdings auch in dem Kontext, dass ich so ziemlich alles, was rund um mein Sterben zu regeln ist, abgeschlossen hatte. Man kann mich auch Kontrollfreak nennen. Aber so manche Seiten meines Alltags kennt meine Familie nicht oder nicht genau. Da war mir wichtig, zumindest Spuren zu legen, die sie verfolgen können.

Wie reagieren darauf Ihre Freunde/Familie?
Mit der Familie habe ich wenig darüber geredet. Mit Freunden und Leuten, die mir in meiner Bildungsarbeit begegnen, kann ich so daher plappern übers Sterben und Hemden und alles, aber mit der Familie wird´s auch bei mir eng. Wenn ich in Arbeitszusammenhängen über diese Dinge rede, kommt da viel lustvolle Energie und Erzählfreude bei den Leuten auf. Endlich kann man mal…

Wenn Sie morgens Ihren Kleiderschrank öffnen, sticht Ihnen da Ihr Totenhemd ins Gesicht oder haben Sie es in einer „unsichtbaren“ Ecke verstaut? Was denken Sie, wenn Sie es betrachten?
Das Kleid hängt mittendrin. Es hat aber nicht diese „Das ist mein Totenhemd“-Energie. Die steckt in meiner Totendecke, die ich mir von Katja für´s Fotoshooting habe schneidern lassen. Auf der habe ich zu Beginn in meinem Wohnzimmer rumgehangen, gepicknickt, gelesen. Dann wanderte sie in ein anderes Zimmer.  Dann hab ich sie zusammengelegt in einer Ecke liegend missachtet, bis ich sie schließlich in eine Schublade verstaute. Mit anderen Worten: das blöde Ding ist ein echter Stein des Anstoßes. Von wegen „Im Selbstversuch werden wir total gelassen mit dem Sterben“: nö. Die Decke nervt. Der Tod soll mir vom Leib bleiben. So ist das eben auch.

Das mit der Decke war übrigens von einer Bekannten ein wenig abgeschaut, die – als ihre Mutter verstorben war – sich für zwei Tage mit Nähmaschine zurückzog und aus der Kleidung ihrer Mutter eine Sargdecke nähte. Die nahm sie dann mit nach Hause und erzählte davon, wie tröstlich es war, sich in sie einzuhüllen.

Soweit meine Gedanken zu den Fragen von Melanie. Wir hoffen natürlich auf Rückmeldungen aus ihrem Seminar und ihr könnt euch weiter mit Euren Gedanken beteiligen.

 

 

 

 

Ein Gedanke zu „„Die Decke nervt.“ Kleidung und Tod: Annegrets Antworten

  1. Auch mein letztes Hemd gibt es schon.
    ja, ein Totenhemd, nichts weiter, soll es sein, mein letztes Gewand.
    So ist es für mich dem Anlass (meiner Beerdigung, der anschließenden Ewigkeit) angemessen und auch zweckmäßig. Bequem, mag sich komisch anhören in diesem Zusammenhang.
    aber ich möchte später im Sarg auch etwas Bequemes anhaben.
    Auch in dieser Hinsicht ist für mich ein Totenhemd, welches ja einem Nachthemd von Form und Schnitt sehr nahe kommt einfach die beste Wahl.
    Zweckmäßig, bequem, hiermit also eindeutig erfüllt.
    Angemessen, was halte ich für „angemessen“, in diesem Fall ?
    Es ist immerhin mein letzter Auftritt, ein ganz besonderer, mein Abschiedsfest.
    Dafür möchte ich gut aussehen, schick wenn man das hier so sagen darf.

    Lang, einfach, rein weiß, eben ein (Nacht)hemd für den Tod gefertigt. Verrottbar natürlich
    Aber einfach ganz einfach ?
    Nein, festlich wollte ich es und ist es geworden.
    Mit schönen Rüschen, nicht so dezent und lieblos gemacht wie an den Flatter-Hemdchen von der Stange.
    Rüschen über der Brust, um Hals und Handgelenke.
    Da hatte ich immer wieder die weiße Rüschenbluse mit dem Stehkragen vor Augen welche ich zur Firmung trug.(weiß, dem Anlass angemessen, festlich- sogar bequem konnte man sagen,
    Die Bluse war aus leichtem fließenden Stoff.

    Natürlich durfte auch mein Totenhemd keines dieser billig verarbeiteten Leichenhemden aus dem Bestattersortiment sein.
    Hinten nicht da, vorne nur im Brustbereich ein vollwertiges „Kleidungsstück“
    Meines ist Boden lang, nur meine bestrumpften Füße werden am Ende daraus hervorschauen.
    Hinten zwar offen (eben doch ein Totenhemd) aber mit durchgehendem Klettverschluß und eine Reihe dicht aufeinanderfolgender Bändchen zum Schnüren.
    Der Kragen hat hinten dazu noch eine herkömmliche Knöpfung.
    Ein solide gefertigtes langes Hemd also, das meinen Körper im Tod vernünftig und fest umschließen wird.
    Nicht mehr, nach dem Betten auf die Sargmatratze noch hinter den Rücken gefriemelt und immer wieder zurechtgezuppelt, werden müßte, daß es auch vernünftig sitzt.

    Passend zum Hemd habe ich mir ebenso Decke und Ruhekissen ausgesucht.
    Ich bin vorbereitet, wenn ich gehen muß und weiß was ich anziehe.

    Am Ende liebe @Annegret fällt mir Da noch ein älterer Beitrag von Dir ein:

    Deiner Tochter gefielen ja gerade diese Rüschenhemden, von denen Du keinesfalls eines an Dir haben willst, sehr.
    Wie ist es inzwischen darum bestellt ? Kinder ändern Ihren Geschmack ja häufig oft und rasch.
    Oder findet sie diese Hemden immer noch so gut, daß auch sie später eines haben möchte ?

    eure
    Chantal

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