Wir reden heute mit Cäcilia übers Sterben

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copyright: C. Spinner-Stockinger

Cäcilia Spinner-Stockinger habe ich gefragt … sie ist Lehrerin und hat einen Blog begonnen mit dem Echtzeittest, was wäre wenn sie noch 100 Tage zu leben hätte.

1. Du beschäftigst dich mit (deiner) Endlichkeit. Welche Auswirkungen hat das auf dein Leben?

Schon immer beschäftigt mich die Frage nach dem Sinn des Lebens. Fatal wäre es – aus meiner Sicht – wenn ich „sinnlos“ leben würde. Würde man also sterben – ohne sinnvoll gelebt zu haben, wäre es, aus meiner Sicht, unsagbar traurig.

Am besten trifft für meine Gedankenvorstellung der Satz zu: Der Tod schaut dir jede Sekunde über die Schulter. Er stammt – so weit ich weiß – von Kierkegaard und ist für mich nicht schrecklich, sondern im Gegenteil sehr hilfreich! Sterben kann ich tatsächlich jede Sekunde – wer weiß schon, wann es einen trifft – aber dann möchte ich sagen können: Ich hab meine Zeit gut gelebt, mein Leben war erfüllt – bestenfalls voll-kommen. Leider packt mich auch immer wieder der Alltag, der dann Macht über mich gewinnt – und bestimmt, wie mein Leben zu laufen hat. Dem versuche ich immer wieder vorzubauen.

Es gab – in meiner Jugend – Zeiten, in denen ich immer gewartet habe: Wenn das und das geschieht, dann … Diese Einstellung konnte ich inzwischen besiegen. Jetzt versuche ich so zu leben, dass für mich das Jetzt, das was momentan geschieht, MEIN LEBEN, MEINE ZEIT ist und von daher wichtig, weil nur einmal da. Dann kann sie auch sinnvoll sein, weil sie einzigartig ist.

Manchmal gelingt mir diese Form des Lebens. Ich halte sie für wichtig, weil es – aus meiner Sicht und angesichts der begrenzten Lebenszeit – nicht darauf ankommt, besondere, aufregende Erlebnisse zu haben, sondern sich darüber klar zu werden, dass man als Person da, wo man steht – aufgrund seiner Individualität, seiner Einzigartigkeit – schon ein eigenes Leben führt. Es muss nicht Mutter Theresa sein! Es reicht ICH mit meinen Fähigkeiten und Möglichkeiten bewusst an meinem Platz. So ungefähr sehe ich das – angesichts des der begrenzten Lebenszeit – für mich und momentan. Vielleicht erweitert, vertieft sich diese Sichtweise im Laufe meiner noch bleibenden Lebenszeit.

2. Viele haben Hemmungen oder auch Angst, mit anderen über das
Sterben zu reden. Wie ist das bei dir? Was hat sich verändert?

Nein – ich habe keine Angst/Hemmung über den Tod zu reden. Ich erlebe ihn als einen – wesentlichen – Teil des Menschseins. Ich glaube, ich habe auch keine Angst vor ihm. Ich habe früh schon meinen Vater verloren, so dass mir der Tod als ständige Realität vor Augen stand. Ich erlebe aber, dass es für viele Menschen sehr schwer ist, diese Einstellung zu entwickeln, zu verstehen. Das hängt sicher auch damit zusammen, dass man den Tod in unserer Gesellschaft nicht wahrhaben will (Jung sein, Schön sein, Sportlich sein, Vital sein, das ist wichtig) Das führt zu Schwierigkeiten. Eine Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit ist in dieser Gesellschaft nicht erwünscht. Ich sehe mein Leben aber schon immer als eine Entwicklung mit einem Anfang und einem Ende – was nicht schlimm ist, sondern natürlich, notwendig. Nicht ganz unerheblich für diese Perspektive war die Lektüre des Buches „Alle Menschen sind sterblich.“ Von S. de Beauvoir.

Vor diesem Hintergrund spreche ich angesichts der Schwierigkeit anderer Menschen nicht über dieses Thema, wenn nicht eine gewisse Offenheit herrscht.

Das bedeutet aber nicht, dass ich es nicht wichtig finde, mich damit auseinander zu setzen. Ich glaube, ein gutes Leben ist gerade dann möglich, wenn man sich mit dem Thema auseinandersetzt, weshalb ich diese Auseinandersetzung jedem Menschen wünschen würde. Ich gehe davon aus, dass mit einer solchen Auseinandersetzung auch ein Abschied von lieben Menschen besser und leichter möglich wäre, weil – wenn auch diese ein Leben hätten führen können, das sie angesichts des Todes als erfüllt hätten wahrnehmen können – es leichter wäre, sie gehen zu lassen. Aber es steht mir nicht zu, meine Vorstellung anderen Menschen „überzustülpen“.

3. Dein Vorschlag für einen guten Satzanfang, wenn du mit jemand
über solche Dinge wie Sterben, Vorsorge u.ä. reden willst:

Was macht für dich dein Leben sinnvoll? Wann ist dein Leben erfüllt? Oder so ähnlich … (Ich weiß, das ist jetzt grammatikalisch nicht ganz richtig, weil es kein Satzanfang ist, sondern ein (Frage-)Satz, dennoch würde ich so beginnen … Das hängt damit zusammen, dass ich meinen materiellen Besitz eher als eine Leihgabe verstehe. Ich sehe deshalb die Frage des Testamentes nicht als wesentliche Klärungsaufgabe, um Sterben zu können. Eher würde mich beschäftigen, ob ich das, was ich als Sinn finde, gelebt habe – und dieses auch „hinterlassen“ habe.

4. Wie ergänzt Du diesen Satz der Künstlerin Candy Chang:
Bevor ich sterbe, möchte ich …

Diesen Satz finde ich toll – kenne ich wegen der tollen Aktion dieser Künstlerin (https://www.ted.com/talks/candy_chang_before_i_die_i_want_to)

…. möchte ich die Unstimmigkeiten, die zwischen mir und Freunden bestehen, so weit möglich mit einem Gespräch noch klären.

5. Was glaubst Du, kommt nach dem Tod?

Ich glaube, dass ein „Fallen“ in die Ewigkeit kommt: Damit meine ich nicht eine ewige Langeweile. Ich stelle mir vor um Zeit und Raum herum gibt es Ewigkeit. Trete ich durch den Tod aus der Zeit aus, dann „falle“ ich in die Ewigkeit, in der ich mit meiner gesamten Geschichte aufgefangen bin von dem, was ich Gott nenne.

Ich glaube, dass eine volle Erkenntnis dessen kommt, was ich hätte in meinem Leben sein können, und was ich nicht geschafft habe, was schmerzhaft ist und sozusagen in/durch diesen Schmerz läuternd reinigend ist. Ich glaube, dass eine liebende Annahme dessen, den ich Gott nenne, auf mich wartet. Ich glaube, dass letzte Gerechtigkeit erfolgen wird – wie dies auch immer sein wird. Insofern würde ich mich als einen zutiefst gläubigen Menschen bezeichnen.

6. Wenn du in der Sterbe- und Bestattungskultur in Deutschland/ der
Schweiz etwas ändern könntest, was wäre das?

Mehr Individualität, mehr Ehrlichkeit – ohne Blosstellung oder nachträgliche Rache!

7. Dein Beitrag zu unserer Sammlung „100 Songs übers Sterben“.

Das ist jetzt nicht in dem Sinn ein Song! Aber für mich gilt die Aussage:

Was Gott tut, das ist wohlgetan!

https://www.youtube.com/watch?v=wqJDn5LLJHY

8. Und sonst noch?

Jedem, der dies liest, wünsche ich ein erfülltes-vollkommenes Leben – jenseits der Oberflächlichkeit!

Danke für Deine Antworten, liebe Cäcilia. Wir sind gespannt wie es weitergeht.

Cäcilias Blog: 100 Tage Echtzeittest

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