Wir reden übers Sterben … heute mit Theresa Donath

DonathTheresa ist Palliative Care Krankenschwester, Notfallseelsorgerin und Schreiberling.

Erzähl uns bitte von Dir …

Seit jüngster Kindheit schleicht das Thema Tod und die Angst vor diesem Mysterium wie eine schwarze Katze um meine Beine, versucht auf Abstand gehalten, so weit wie möglich. Durch meine direkte Konfrontation und Auseinandersetzung mit meinen Ängsten vor dem Sterben durch meine Arbeit auf einer Palliativstation und einem Ehrenamt als Notfallseelsorgerin wurde sie mit den Jahren und dem Erwachsen werden zutraulicher. Aber mir wurde auch bewusst wie stark die Macht eines Tabus ist, wie stark die Verdrängung rund um die Themen Vergänglichkeit und Trauer in dieser Gesellschaft nahezu praktiziert wird, und nichts liegt mir näher am Herzen, als mit meinen Texten über die Palliativmedizin, Notfallseelsorge und den privaten Verlusten dem entgegenzuwirken. Menschen die Angst zu nehmen indem man drüber redet, Fragen stellt, sich austauscht. Dafür schreibe ich, mit meiner schwarzen Katze auf der Schulter.

Du beschäftigst dich mit (deiner) Endlichkeit (Beschreibe kurz). Welche Auswirkungen hat das auf dein Leben? Viele haben Hemmungen oder auch Angst, mit anderen über das Sterben zu reden. Wie ist das bei dir? Was hat sich verändert?

Die Auseinandersetzung mit der Endlichkeit des Lebens und der Tatsache, dass auch ich sterben werde, begann bei mir schon sehr früh, im Kindesalter. Sicherlich auch bedingt dadurch, da meine Großeltern sehr zeitig von dieser Erde gehen mussten, und dieses Thema in der Familie sehr präsent war.

Gleichzeitig war ich sehr fasziniert von Medizin, als Kind fand ich Skelette super, habe mir regelmäßig die medizinische Fachliteratur (oder mehr die Bilder 😉) angeschaut. Das Interesse entwickelte sich dynamisch, im Teenie-Alter verkörpert durch die „Grufti-Zeit“, die Konfrontation mit der Melancholie, der Vergänglichkeit. Damals habe ich sehr viel Angst, ja nahezu Panik vor dem Tod gehabt. Ich stellte ihn mir als reißerischen Räuber vor, der mich durch einen schmerzhaften Herztod aus dem Leben zieht. Gleichzeitig habe ich diese Seite an mir, meine Faszination für dieses Thema, geleugnet, ich empfand es als nicht normal.

Den Höhepunkt stellte dann der plötzliche Tod meines ersten Freundes dar. Ich habe lange gebraucht dies so zu verarbeiten, die Schuldgefühle in Zaum zu halten. Aber ich wollte auch verstehen.

Ich bin dadurch ein Mensch geworden, der die Konfrontation nicht scheut, vor allem bei dem Thema der (eigenen) Endlichkeit, und es hat mich vor allem in das berufliche Feld gebracht, was mich aufleben lässt: die Palliativmedizin. Und seitdem ich ein Jahr in einem Hospiz gearbeitet habe, haben sich viele Ängste stark reduziert, ich konnte miterleben wie friedlich Menschen sterben können, wieviel ich als Einzelner dazu beitragen kann, und dass es viele schöne Erlebnisse in diesem Zusammenhang gibt.

Natürlich frage ich mich schon, was es mit mir macht, die Arbeit als Palliativkrankenschwester und ehrenamtlicher Notfallseelsorgerin, der damit verbundenen übermäßigen Konfrontation mit dem Sterben, der Trauer. Zumal ich oft auch als Blitzableiter in diversen Settings agiere, unfreiwillig freiwillig. Es bedarf vieler Psychohygiene den Ausgleich für mich zu schaffen. Auch wenn ich Außenstehender bin, ich bin auch Mensch.

Mein Physiotherapeut meinte mal zu mir „Theresa, dein Zwerchfell ist eine Wand“ … und so scheint dies meine Trennung zwischen Kopf und Bauch zu sein, um auch professionell mit dieser Thematik zu agieren. Ich habe dahingehend einen deutlich rationaleren Charakterzug dazugewonnen, der von dem inneren Kind aber auch in einer gesunden Dosis daran erinnert wird die Emotionen und Ängste zuzugestehen.

Und so hoffe ich mich noch viele weitere Jahre mit dem Thema Sterben und Tod beruflich auseinandersetzen, und mein Wissen und meine Erfahrungen weiterzugeben, um wiederum anderen Menschen die Ängste zu nehmen.

Dein Vorschlag für einen guten Satzanfang, wenn du mit jemand über solche Dinge wie Sterben, Vorsorge u.ä. reden willst:

Leider gibt es meinerseits darauf keine kurze und knappe Antwort, da ich mit unterschiedlichen Menschengruppen darüber rede, und auch in unterschiedliche Tiefe und Intensität. Meist ergibt sich das schon dadurch, wenn ich die Frage nach meinem Beruf beantworte.

Um ein Setting aufzugreifen, wenn ich das Gefühl habe, dass Angehörige oder Patienten gerne darüber reden möchten, aber sich nicht trauen, eröffne ich das Gespräch mit einer Frage, ähnlich wie

„Wie fühlen sie sich mit der Situation (von …)?“

„ Ich möchte Ihnen ein Wegbegleiter sein und werde versuchen ihre Fragen nach besten Wissen und Gewissen zu beantworten…“

Wie ergänzt Du diesen Satz der Künstlerin Candy Chang:
Bevor ich sterbe, möchte ich …

…alles mitgenommen haben was machbar und möglich war.

Was glaubst Du, kommt nach dem Tod?

Ich hoffe und glaube an einen anderen Bewusstseinszustand. Ein „Nichts“ ist für mich einfach nicht vorstellbar.

Wenn du in der Sterbe- und Bestattungskultur in Deutschland/ der Schweiz etwas ändern könntest, was wäre das?

Ich würde mir wünschen, dass sich viele Ängste „in Luft auflösen“, wir eine offene Kommunikation darüber pflegen können und sterben einfach dazugehört, und nicht hinter verschlossenen Türen passiert, hinter vorgehaltener Hand darüber gesprochen wird. Ich denke wir sind da aber auf einem guten Weg.

Und ich wünsche mir, dass Ärzte ein Versterben an einer Erkrankung nicht als Versagen ihrer selbst und der Medizin gewertet wird, sondern die Begleitung bis zum Lebensende eine hohe Priorität erreicht.

Dein Beitrag zu unserer Sammlung „100 Songs übers Sterben“.

Eric Clapton – Tears in Heaven (Klassiker, aber unendlich geliebt weil ich es auch gerne selbst auf der Gitarre spiele 😊 )

Anmerkung von Petra, wir haben mal den Link zum Youtube-Video einkopiert:

https://www.youtube-nocookie.com/embed/JxPj3GAYYZ0

Und sonst noch?

Seid mutig, bleibt neugierig

******

Wir freuen uns über Theresas Antworten und sagen DANKE.

Ihr Blog: http://cirangle.wordpress.com

4 Gedanken zu „Wir reden übers Sterben … heute mit Theresa Donath

  1. … „ich wünsche mir, dass Ärzte ein Versterben an einer Erkrankung nicht als Versagen ihrer selbst und der Medizin gewertet wird, sondern die Begleitung bis zum Lebensende eine hohe Priorität erreicht.“
    Diesen Herzenswunsch teile ich voll und ganz … ich erlebe da z.T. sehr bizarre Sachen als Krankenhausseelsorgerin 😦
    LG, Hiltrud

    Gefällt 1 Person

    • Hallo Hiltrud, das kann ich mir vorstellen, dass Du da eine Menge mitbekommst … und danke, dass Du diesen Satz von Theresa aufgreifst, den ich auch sehr wirkungsvoll fand. Ich hatte ihn auch schon mal zitiert in einem Gespräch.

      Ich bin sehr froh, Theresa angesprochen zu haben … ihre Antworten sind wichtig und teils sehr berührend.

      Hab einen schönen Tag … Gruß vom See.
      Petra

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