Wir reden übers Sterben … heute mit Dr. Julian Heigel – Alternativer Bestatter

Julian HeigelStell Dich doch bitte kurz vor:  Ursprünglich habe ich die Fächer Musik und Theologie für das Lehramt studiert. Nach der Promotion im Fach Musikwissenschaft wollte ich etwas wirklich Sinnvolles tun und da ist mir der Beruf des alternativen Bestatters über den Weg gelaufen. Nach einiger Lehrzeit habe ich 2017 mein eigenes Unternehmen Thanatos Bestattung gegründet.

  1. Du beschäftigst dich mit (deiner) Endlichkeit (Beschreibe kurz). Welche Auswirkungen hat das auf dein Leben?

Ich habe den eigenen Tod, aber auch den Tod meiner Mitmenschen immer als Möglichkeit vor Augen. Das klingt einerseits furchtbar, anderseits macht es das Leben kostbarer.

  1. Viele haben Hemmungen oder auch Angst, mit anderen über das Sterben zu reden. Wie ist das bei dir? Was hat sich verändert?

Wenn ich meinen Beruf Bestatter nenne, haben viele Menschen gleich Fragen dazu. Einige haben auch den Wunsch, von ihren eigenen Bestattungserfahrungen zu erzählen, für die ansonsten wenig Raum ist. Viele bedauern im Nachhinein, dass sie sich die Bestattungen ihrer Zugehörigen so aus der Hand haben nehmen lassen. Die Zeit am Totenbett beispielsweise ist eine kostbare, unwiederbringliche Zeit und die Begegnung mit dem toten Körper macht das abstrakte Geschehen fassbarer.

Auch wenn mein Urteil ein subjektives ist: ich bin davon überzeugt, dass der Umgang mit Tod und Sterben in der Gesellschaft im Umbruch ist. Ich bekomme täglich mit, dass immer mehr Menschen von den Möglichkeiten selbstbestimmten Sterbens und Bestattens erfahren.

  1. Dein Vorschlag für einen guten Satzanfang, wenn du mit jemand über solche Dinge wie Sterben, Vorsorge u.ä. reden willst:

„Wie waren die Beerdigungen, die du erlebt hast?“

  1. Wie ergänzt Du diesen Satz der Künstlerin Candy Chang:
    Bevor ich sterbe, möchte ich …

… ein Kind bekommen. Mindestens eines.

  1. Was glaubst Du, kommt nach dem Tod?

Ich glaube, es geht irgendwie weiter. Ich bin christlich aufgewachsen und finde die Vorstellung tröstlich, einem liebenden Schöpfer zu begegnen, aber so ganz vorstellen, kann ich es mir eigentlich nicht. Ich hoffe allerdings, dass ich nach dem Tod meine verstorbene Oma wiedertreffe – so jedenfalls war unsere Vereinbarung.

  1. Wenn du in der Sterbe- und Bestattungskultur in Deutschland/ der Schweiz etwas ändern könntest, was wäre das?

Zum großen Teil laufen Beerdigungen auch heute noch wie in schlechten Filmen ab: Menschen in schwarz sitzen vor einer hässlichen Urne, finden keine Worte und hören Musik, die sie nicht anspricht.

Daher wünsche ich mir eine breite gesellschaftliche und künstlerische Auseinandersetzung mit Bestattungsritualen. Es braucht Ausstellungen, Podiumsdiskussionen, Zines, Workshops, Filme, Theaterstücke, Straßenkunst, Konzerte, Flashmops, Podcasts, Manifeste etc. zur Bestattungskultur. Wir müssen die Bestattungskultur in die Gegenwart holen.

Ich wünsche mir außerdem eine lebendigere Friedhofskultur. In Berlin gibt es nur einzelne Friedhöfe, die ihr Potenzial mit Kulturveranstaltungen oder Friedhofsführungen entfalten. Friedhöfe sind wunderbare Orte, wenn man ihnen Seele gibt.

Ich bin ein großer Anhänger von Friedhöfen, aber wenn es für Menschen wichtig ist, die Urne ihres Lebenspartners auf dem Nachttisch stehen zu haben – und sei es nur in den ersten Jahren, dann wünsche ich mir sehr, dass sie das tun dürfen.

Ich wünsche mir mehr Geld für die Bestattung von armen Menschen. Wer kein Geld oder keine Angehörigen hat, wird in Deutschland in der Regel recht würdelos entsorgt und es ist Aufgabe der Politik, dies zu ändern.

Im Vergleich mit der Schweiz wünsche ich mir auch für Deutschland eine Liberalisierung der Sterbehilfe. Menschen sollen selbst entscheiden dürfen, wann sie gehen wollen. Ohne Druck von außen, aber auch ohne Hindernis.

Und außerdem wünsche ich mir, dass professionelle Trauerbegleitung von den Krankenkassen übernommen, so wie es von weiten Teilen der Trauerforschung vorgeschlagen wird.

  1. Dein Beitrag zu unserer Sammlung „100 Songs übers Sterben“.

Der zweite Satz aus Schuberts Streichquartett „Der Tod und das Mädchen“

  1. Und sonst noch?

Danke für eure Fragen und toll, dass ihr diesen Bog betreibt!

****

Link zur Webseite von Julian Heigel: www.thanatos-berlin.de

Wir danken Dir Julian für Deine inspirierenden Antworten … wir wünschen Dir ein Wiedersehen mit deiner Oma ;-).

 

5 Gedanken zu „Wir reden übers Sterben … heute mit Dr. Julian Heigel – Alternativer Bestatter

  1. Zitat: ,, Ich glaube, es geht irgendwie weiter. “

    Im Netz gibt es zu einem ,, Leben nach dem Tod“ sehr viel aus den Bereichen Religion und Esoterik. Vielleicht haben hier Mitlesende für mich Hinweise, wo ich z. B. wissenschaftliche Untersuchungen finden kann? Klinische Studien zu sog. ,, Nahtod – Erfahrungen“ etc.?

    Mein Partner ist am 27.07.2018 verstorben. Es ist ein tröstlicher Gedanke, ihn wiederzusehen.

    PS: Wenn ich darf, möchte ich neben den regelmäßigen musikalischen Tipps hier, auch zwei Filmempfehlungen abgeben: ,,Kirschblüten – Hanami“ von Doris Dörrie und ein brillanter Colin Firth in ,,A Single Man“ von Tom Ford. Die Filmfigur George Falconer hat sehr viel Ähnlichkeit mit meinem verstorbenen Partner. Auch die damalige gesellschaftliche Ächtung von Homosexualität (er wäre damals als Beamter entlassen worden) und die Reaktion der Familienangehörigen ( werden an der Trauerfeuer nicht teilnehmen) sind gleich.

    Gefällt 1 Person

    • Lieber STefan, zum Tod Deines Partners unser herzliches Beileid. Ja, es ist tröstlich, dass Du ihn wiedersehen wirst.

      Die beiden Filme werde ich gerne integrieren und vorstellen in unserem Blog und ob wir Hinweise finden … da melden wir uns nochmal, ok?

      Dir weiterhin eine und gute und tröstliche Zeit während des Abschiednehmens.
      Herzlich. Petra

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  2. Ein sehr schönes Interview. Ich habe ebenfalls einige Jahre als Bestatterin gearbeitet und wünsche mir ebensolche Veränderungen. Der Tod gehört zu uns, er ist wohl die einzige Konstante die wir haben. Lasst uns darüber reden, schreiben und malen. Dann macht er uns auch nicht mehr so viel Angst.

    Gefällt 1 Person

    • Danke fürs Vorbeischauen und -lesen. Wir freuen uns darüber. Vielleicht hören wir wieder von Dir wenn wir unsere November-Blogaktion starten … da reden wir und schreiben wir und malen wir. Herzliche Grüße

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