Ein Buch und Antworten von Sven Stillich

978-3-498-09396-9Während unserer Blog-Challenge kam ein neues Buch auf den Markt. Der Autor Sven Stillich informierte uns darüber. Wir haben ihn gleich mal zu unseren Fragen über das Sterben und den Tod eingeladen. Hier sind seine Antworten:

1. Du beschäftigst dich mit (deiner) Endlichkeit. Welche Auswirkungen hat das auf dein Leben?

Dass ich das, was ist, stets als vergänglich wahrnehme. Dass ich weiß oder ahne: Auf dieser Straße hier sind vor 100 Jahren schon Menschen gelaufen. Diese Sorgen, die ich jetzt habe, werde ich nicht ewig haben. Alles geht vorbei, alles hat seine Zeit. Auch ich. Deswegen versuche ich, so oft es geht, die Augen aufzuhaben und mich in alldem zu erkennen und die anderen Menschen im Lauf der Zeit zu sehen und die Welt um mich herum im Blick zu behalten, wie sie sich wandelt. Auch deswegen habe ich vor Jahren angefangen zu fotografieren. Zur Dokumentation. Weil ja morgen alles weg sein könnte. Und auch deswegen mag ich es, Gegenstände mit Geschichte um mich herum zu haben. Das Schränkchen meiner Oma. Die Lampen meiner Eltern. Die begleiten jetzt mich ein Stück ihres Dingelebens. Wo sie wohl nach mir machen?

2. Viele haben Hemmungen oder auch Angst, mit anderen über das Sterben zu reden. Wie ist das bei dir? Was hat sich verändert?

Dass auch ich endlich bin, ist schwer zu begreifen für mich. Obwohl ich – gerade bei der Buchrecherche – natürlich sehr viel darüber nachgedacht habe über das, was übrig bleibt und was das bedeutet: zu gehen. Ich kann, glaube ich, gut mit anderen Menschen über deren Todesgedanken reden oder über das Sterben allgemein oder über Sterbebüchlein im Mittelalter – aber an meinen eigenen oder den ganz nahen Tod komme ich nur sehr schwer heran. Etwas wird dann in mir ganz schwarz, und ich komme nicht weiter. Das hat nichts mit Hemmungen zu tun und auch nicht viel mit Angst, es ist eher so, dass mir die Worte fehlen, mit denen ich beschrieben könnte, was mir da begegnet. Also: das Nichts. Das Ende von allem, das beschreibbar ist.

3. Dein Vorschlag für einen guten Satzanfang, wenn du mit jemand über solche Dinge wie Sterben, Vorsorge u.ä. reden willst:

»Was, denkst du, wird von dir bleiben?« kann eine gute Frage sein. Manche sagen darauf ganz schnell »nichts!« und wechseln das Thema, so dass man weiß, sie meinen eigentlich »leider nichts«. Andere sagen auch »nichts« und meinen »nichts, und das soll auch so sein«. Die meisten denken zumindest ein bisschen darüber nach, und dann reden sie zwar auch über das Sterben – aber noch viel mehr über ihr Leben. Über das, was übrig bleiben soll, das aber vielleicht gerade gar nicht gelebt wird. Man sollte, finde ich, nie über das Sterben reden, ohne über das Leben zu reden.

4. Wie ergänzt Du diesen Satz der Künstlerin Candy Chang: Bevor ich sterbe, möchte ich

… so gelebt haben, dass möglichst viele Menschen, die ich geliebt habe, lächeln, wenn sie an mich zurückdenken.

5. Was glaubst Du, kommt nach dem Tod?

Nichts. Aber ich lasse mich gerne überraschen.

6. Wenn du in der Sterbe- und Bestattungskultur in Deutschland/ der Schweiz etwas ändern könntest, was wäre das?

Da mag ich mir nicht anmaßen, etwas darauf zu antworten. Was ich persönlich schade finde: dass für immer weniger Menschen ein Grab etwas Wichtiges zu sein scheint. Sowohl das eigene, als auch das der anderen. Meine Eltern wollten sich anonym begraben lassen, das habe ich abwenden können. Für mich ist das wichtig: das Wissen, dass es einen Ort gibt, an denen meine Großeltern begraben sind oder mein lieber Onkel, der gestorben ist, während ich das Buch geschrieben habe. Ein Ort mit Namen und Daten. Von. Bis. Das Grab ist für mich ein Ort, der in der Zeit steht, zumindest für einige Jahrzehnte. Den ich besuchen kann, ein Ort der Begegnung. Und auch oft ein Grund, in die Orte meiner Kindheit zurückzukehren. Ich besuche das Grab – und auch ein wenig mich im Gestern. Wo ich in den Ferien oft war. Bei den Großeltern etwa, die nur ein paar hundert Meter entfernt vom alten Garten nun begraben liegen. Oder, noch ein Beispiel: Mein Buch habe ich in Gedenken an eine alte Freundin geschrieben, die für mein Leben sehr wichtig war. Sie ist jetzt zehn Jahre tot. Und ich freue mich darauf, an ihr Grab zu fahren und ihr davon zu erzählen.

7. Dein Beitrag zu unserer Sammlung „100 Songs übers Sterben“.

Das ist schwer. »Lazarus« von David Bowie, weil es mir immer, immer, immer nahe geht.

(Anmerkung von Petra: hier ist der Link zum YouTube-Video:)

»Ocean Breathes Salty« von Modest Mouse wegen seiner Kraft und weil es so verrätselt ist. Und »Nacht« von Kettcar, obwohl es darin wohl gar nicht über das Sterben geht. »Meine Welt aufgehoben und ich / Kann die Welt in drei Wörtern erklären / Wenn ich denn müsste / Dort hinten wird’s hell«. Die Welt in drei Wörtern erklären können. Das am Ende sagen zu können, wäre nicht das Schlechteste.

8. Und sonst noch?

Sonst finde ich es schade, dass Abschiede, der Tod, das Vorübergehen im Alltag keine Rolle mehr spielen – oder spielen dürfen, weil man die Illusion ewigen Lebens besser vermarkten kann. Ich finde zum Beispiel das Prinzip des Totenhemdes sehr spannend, seitdem ich davon erfahren habe. Täglich morgens beim Anziehen daran erinnert zu werden, dass es einmal einen letzten Tag geben wird, nimmt diesem Tag den Schrecken. Und lässt den Tag, der vor einem liegt, vielleicht ein wenig mehr funkeln.

Link zum Buch im Rowohlt-Verlag.

Link zur Facebook-Seite „Was von uns übrig bleibt“.

*****

Lieber Sven, herzlichen Dank für deine Antworten. Sie sind sehr inspirierend, finde ich. Wir wünschen Dir Erfolg mit deinem Buch. Das Buch ist zwischenzeitlich eingetroffen. Annegret wird es genauer anschauen.

 

 

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