True Crime in Oberschleißheim

Der Mörder hört nicht der Eltern Klage
Sah der Schwester Tränen nicht
Groß ist der Schmerz an jenem Tage
Bis auch unser Auge bricht.

Wo anfangen? Am besten von vorne und dann der Reihe nach:

Der Berglwald

Der Berglwald ist ein kleines Waldstück, geprägt von Kiefern, Eichen, Buchen und Birken auf der Kiesschotterfläche Münchens in unmittelbarer Nähe des Schlosses in Oberschleißheim.

Der Berglwald

Es ist ein sehr schönes, wenn auch nicht gerade leeres Spaziergebiet, die Wege sind stark frequentiert von Spaziergängern, Joggern und Radlern. Das Terrain gehört eben zu den begehrten Ausflugszielen. Auch mich locken der nach Feierabend der kühle Wald und sein Grün.

Buchenblätter

In der Mitte des Berglwaldes gibt es eine Wirtschaft mit Biergarten, ihm gegenüber steht in einem kleinen Garten eine Privatkapelle. Ich erfahre, dass es hier einst einen kleinen Kalvarienberg gab, ein „Bergl“, das dem Wald den Namen gab.
Ein obskurer kleiner schwarzer Engel, dem man einen Rosenkranz umgehängt hat, hockt neben der Tür. Ein sonderliches Geschöpf, das dem Betrachter eine Kusshand zuzublasen scheint.
Trotz seiner Engelhaftigkeit wirkt es eher dämonisch, hinterhältig, zumindest spitzbübisch. Es lohnt, sich den Burschen bei anderer Gelegenheit noch einmal näher anzuschauen.

Engelchen

Mein Hauptziel bei diesem Spaziergang aber liegt inmitten des Waldes: Es ist das Marterl am Hack Winkler Tatort und damit kommen wir endlich zum Thema.

Ein erstes Mal habe ich vom Hack Winkler Tatort gelesen, als ich auf Google Maps die Umgebung unseres neuen Büros nach Spaziergangzielen nach Feierabend scanne. Eine große grün Fläche, offenbar ein Wald. Und mittendrin auf der Karte ist der Ort verzeichnet: Hack Winkler Tatort.
Was ist das?
Nie gehört. Aber ich bin neugierig.

Also bemühe ich die Suchmaschine mit diesen drei Wörtern, filtere alles, was mit der ARD-Krimi-Serie zu tun hat und stoße schließlich auf ein wahres Verbrechen aus den 50er Jahren. Bis heute ist es unaufgeklärt und erstaunlicherweise ziemlich in Vergessenheit geraten. Dabei sind doch Cold Cases und True Crime in aller Munde, auf allen Kanälen, in Büchern und Podcasts sind sie ein Riesenthema. Das klingt spannend, da muss ich hin, das will ich mir ansehen. Aber erst einmal will ich wissen, worum es überhaupt geht;

Waldweg

Viel ist im Netz nicht zu finden. Wenigstens das:
An dieser Stelle wurden 1959 die damals 16jährige Edeltraud Winkler und ihr 19jähriger Freund Wolfgang Hack brutal ermordet. An dieser Stelle befindet sich  ein schmiedeeisernes Gedenkkreuz, ein Marterl.

Marterl im Berglwald

Eldeltraud Winkler Portrait

Der Fall ist bis heute ungeklärt, ist aber trotz allerbesten Potentials für einen Krimi oder einen Spielfilm nahezu in Vergessenheit geraten.
Die Presse damals schrieb vor allem von der ungewöhnlich hübschen Edeltraud. Man spekulierte, dass es die Tat eines abgewiesenen Verehrers gewesen sein könnte, der dem jungen Paar im Berglwald aufgelauert oder ihnen gefolgt sein könnte. Erst schoss er Wolfgang in die Brust und in den Kopf und dann Edeltraud, die vielleicht versuchte, dem Mörder zu entkommen, in den Rücken. Der Täter muss, so ist zu lesen, mit den beiden bekannt gewesen sein, zumindest wusste er, dass das Paar oft im Wald spazieren ging. Und er wusste auch wo.
Ein Tatverdächtiger wurde zwar gefasst, es konnte ihm allerdings nichts nachgewiesen werden. Viele Spuren gab es nicht.
Ein Marterl wurde an der Stelle errichtet, ein Gedenkkreuz. Mit den Jahren aber verkam es, wie sich die Erinnerung an die Tat mehr und mehr verlor.
Vor einigen Jahren wurde das Kreuz von Oberschleißheimern liebevoll wieder hergerichtet. Ein eingelassenes Bild zeigt Edeltraud. Es ist eine „Begegnung“ mit einer längst gestorbenen Person.
Seitdem kommen immer wieder Spaziergänger vorbei, weichen etwas vom Weg ab, seitlich hinein folgen sie einem kleinen Pfad ins Holz, wo das Sterbekreuz aufgestellt wurde.
Orte wie diese üben eine magische Anziehungskraft auf die Menschen aus, das Grausame, das Unheimliche… Die Begegnung mit einem Verbrechen, mit dem Tod, die Gänsehaut, der Schauer, der einem fast schon wohlig den Rücken herunter läuft.
Ob der Mörder wohl noch mal am Ort des Geschehens war? Ob er das Marterl samt Bild mit dem fast noch kindlichen Gesicht Edeltrauds kennt?
Was mag ihm dabei durch den Kopf gegangen sein?
Lebt er vielleicht sogar noch? Dann müsste er mittlerweile über 80 sein. Was mag in einem solchen Menschen vorgehen?

Es knarzt über mir im Geäst. Immer wieder schiebt der Wind die Wolken am Himmel vor die Sonne. Er lässt die Äste der alten Kiefern ächzen. Wieder kommt mir eine kleine Spaziergängergruppe entgegen, die auch das Marterl suchen. Sie biegen in den kleinen Pfad ab,
Suchen sie den kleinen Thrill, einen Kick an einem echten Tatort.
Hier geschah es. Hier war das. Wie gruselig…

Kiefern im Berglwald

Man kann trefflich über True Crime streiten.
Die Journalistin Margarete Stokowski vertritt in einem höchst lesenswerten Beitrag die Meinung, dass das Genre True Crime der Boulevard für Besserverdienende sei Heftig kritisiert sie, dass aus realem Leid Unterhaltung und Profit geschaffen werde. Pietätlos werden die Schicksale von Verbrechensopfern für Unterhaltung genutzt, so ihr Einwand. Da ist was dran. Aber was ändert das?
Die True Crime Fans beeindruckt das wenig. Sie verschlingen Bücher und Serien, Dokumentationen und Podcasts. „Wenn man Leute – auch wunderbare, schlaue, liebenswürdige Menschen – fragt, warum sie »True Crime«-Fans sind, heißt es oft, das sei halt so spannend oder auch gut zum Einschlafen.“ so Margarete Stokowski.

Ein klein wenig von diesem „Kuchen“ habe ich auch eher zufällig abbekommen. Als ich in meinem eigenen Blog einen Beitrag über diesen Wald (in dem auch Waldemar Bonsels Die Biene Maja erdachte) schrieb, konnte ich nicht ahnen, dass sich dieser Beitrag zu dem mit Abstand reichweitenstärkstem Text entwickeln würde. Das mag dem geschuldet sein, dass im Netz fast gar nichts zu finden ist, schon gar keine Bilder und die Suchmaschine mir jetzt Menschen in Scharen auf die Seite lockt.
Im Ranking katapultierte ich mich schnell nach oben – vor allem bei der Bildersuche. Hieß es nicht immer Sex sells? Mitnichten.
True Crime does.
Der Tod anderer war eben immer schon ein lohnenswertes Geschäft.
Was denkt Ihr über das Genre True Crime?

2 Gedanken zu „True Crime in Oberschleißheim

  1. True Crime erscheint mir als Perversion des Theaters.
    Die griechische Tragödie gestaltete die Katastrophe im Hinblick auf die Katharsis des Publikums: die Zuschauer sollten von eben jenen Affekten gereinigt werden, die auf der Bühne inszeniert wurden. Das fiktionale Verbrechen als Ersatz für das echte, auf dass dieses nicht mehr stattfinde.
    Das Theater im Sinne Schillers diente der moralischen Erziehung. Das Verbrechen wurde auf der Bühne auf seine ethischen Implikationen befragt, um die Zuschauer zur Ausbildung eigener Grundsätze zu inspirieren. Moralische Reife entlarvt das Verbrechen als nicht rechtfertigbar.
    Brechts episches Theater etablierte die Reflexion auf gesellschaftliche Zusammenhänge, die sichtbar machen sollte, welchen Einfluss die sozialen Strukturen auf die Kriminalitätsstatistik haben.
    Und immer ging es um Prävention, um eine Humanisierung unseres Zusammenlebens.
    True Crime etabliert das Verbrechen als konsumierbare, Genuss versprechende Sensation.
    True Crime dient der Salonfähigkeit des Sadismus, der Freude am Leid der Anderen.
    Es fördert die Partikularisierung der Gesellschaft in voyeuristische Egoisten: Das Schreckliche geschehe lieber Dir als mir, sei Du mir fremd genug, auf dass mir Betroffenheit erspart bleibe.
    Serienkiller erfreuen sich der größten Beliebtheit: mit ihm erscheint das Versprechen auf zukünftigen Genuss. Zuschauer fiebern mit: auf der Seite des Täters. Denn wird er überführt, ist auch der Rausch vorbei.
    True Crime ist die Negation des eigenen Tods, denn er geschieht immer den Anderen. Ich freilich kann nicht sterben, werde ich doch als Zuschauer:in weiterhin gebraucht.
    Und solange ich nicht selbst einem Verbrechen zum Opfer falle, lebe ich ewig.
    Die letzte Konsequenz bestünde darin, dass TV-Anstalten Berufskiller beauftragen, um True Crime zu inszenieren. Vielleicht mit vorheriger Abstimmung des Publikums darüber, wer das Opfer und was der Tatbestand sei.
    True Crime ist der zeitgenössische Sündenbock: das souveräne Abladen des unerwünschten eigenen Tods auf ein geeignetes Opfer.
    LG Michael

    Gefällt 1 Person

    • Vielen Dank für Deinen äußerst interessanten Kommentar und Deinen sehr kritischen Anmerkungen zum True Crime Genre. Mir scheint allerdings, dass das Thema noch viel, viel breiter in Podcasts gespielt wird, als im TV, und, um die fehlenden Bilder zu kompensieren, noch viel reißerischer inszeniert und erzählt.
      Und da denke ich wie Du: Man darf durchaus den Maßstab von Moral an diese Formate anlegen und sich fragen, ob das alles so richtig ist.

      Gefällt 1 Person

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