Nachrichten vom Mafiakiller

Nein, ich weiß nicht, wer sich hinter diesem Pseudonym Mafiakiller verbirgt bzw. verborgen hat. Ich habe nur eine ungefähre Ahnung – männlich, etwa mein Alter, aus dem Kreis Neuss stammend. Ein paar Andeutungen ließen darauf schließen, auch ein paar Bilder, die er ins Netz gestellt hat.
Am 08. September 2014 meldete er sich auf Twitter mit den Zeilen zu Wort: „Der Rettungswagen ist wegen mir da“. Danach twitterte er rund vier Wochen lang erst aus dem Krankenhaus und dann aus der Reha über den erlittenen Schlaganfall. Schonungslos, zynisch und sehr direkt schilderte er, was er erlebte: Die Bewegungseinschränkung, die vollkommene Taubheit der linken Körperhälfte. Er ließ seine damals rund 3.000 Follower teilhaben an seinem Leben und seinen Gedanken.

 


Wer ihn kannte oder zumindest seinen Account las, war nicht verwundert über die zunehmend härter werdenden Tweets, in denen sich sein Humor mit Sarkasmus und Bitterkeit paarte.  Am 21. Oktober, mittlerweile war er in die Reha verlegt, twitterte er:

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Es sollte sein letzter Tweet sein. Einen Tag später meldeten Freunde, die ihn persönlich kannten,  dass der „Mafiakiller“ gestorben sei. Plötzlich kam das und unerwartet, da es doch Zeichen der Besserung, der Hoffnung gegeben hatte.

Es war der erste Todesfall auf Twitter, den ich mehr oder weniger nah mitbekam. Denn ich stand mit dem Mafiakiller im lockeren Kontakt, wir schrieben uns ab und an. Plötzlich war er nicht mehr da.
Weitere sollten seitdem folgen. Hinter den meisten (zumindest älteren) Twitteraccounts stecken reale Menschen, Individuen, keine Firmen, keine Bots und keine Teams, die das Medium zur Verbreitung ihrer Botschaften nutzen. Ganz normale Menschen halt. Menschen wie ich.

Oder Menschen wie z.B. Maika, die ihren Kampf gegen die Leukämie öffentlich auf Twitter ausgetragen und letztlich verloren hat: Wer wollte und ihr folgte, wurde Zeuge ihrer letzten Reise ans Meer, ihrem Abschied von ihrer Familie. Denn Maika hat auf Twitter ihr Leben und Sterben geschildert. Maika hatte einen manchmal kräftigen Humor, setzte spitze Bemerkungen und ironische Kommentare ab. Sie zeigte, nein: sie spielte die starke, souveräne Frau. Aber die Wahrheit war eine andere: Immer tiefer drang der Krebs auch in ihr digitales Twitter-Leben ein und ließ diese Fassade zerbröseln. Hervorkam eine verzweifelte Frau.
Maika schrieb von ihrem letzten Urlaub. Ein paar Tage an der Ostsee, ihrer Heimat, vielleicht – so schrieb sie – sei es das letzte Mal. Es gab viel Zuspruch, aber auch stummes Liken, damals noch in Sternform.

Alle, die mitlasen, waren bewegt, manchmal nur schwer auszuhalten und herzzerreißend. Dann kamen ihre letzten Worte in der digitalen Welt:

Ein letztes Foto zeigt sie friedlich eingeschlafen mit ihrer Katze – getweetet von ihrem Mann und gleich darauf die Todesnachricht:

Den Account von „Schaumiau“, also von Maika, gibt es nicht mehr, ihr Mann hat ihn gelöscht. Der vom „Mafiakiller“ aber existiert noch. Niemand hat ihn gelöscht oder löschen wollen.

Verstörend finde ich, dass noch viele Jahre später immer Tweets längst gestorbener Menschen in meiner Twitter-Timeline finde. Plötzlich sind sie wieder da – nicht, weil der Account von jemand anderem genutzt wird, ganz einfach deshalb, weil irgendwer einen alten Tweet ausgegraben und retweetet hat. Nicht selten jemand, der gar nicht weiß, dass er hier die Worte eines Toten weiter teilt. Was nicht schlimm ist.
Denn in der ersten Hälfte der 10er Jahre war Twitter angefüllt von Bonmots, Spitzen, kleinen Weisheiten, intellektuellen Höhenflügen – ein wahres Füllhorn an Geistesblitzen. Hin und wieder taucht aus der Versenkung wieder so eine Stimme auf und erinnert mich an diese mir unbekannten Menschen, zu denen über den digitalen Weg eine lose Verbindung bestand, bis sie aus dem Leben gerissen wurden. Sie lassen mich schmunzeln und machen mich traurig zugleich.

2 Gedanken zu „Nachrichten vom Mafiakiller

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