Memento Mori – Der Dialog geht weiter

Lutz: Guten Morgen Petra,
schön, dass wir den Gesprächsfaden wieder aufnehmen (das erste Gespräch könnt Ihr hier lesen), auch wenn der Memento-Tag vorbei ist. Ich möchte anknüpfen an Deine interessanten Ausführungen zu der Frage, was Du über das Fotografieren von Toten denkst. Denn mir geht das ganz genauso. Mein Vater war auch so einer, der es nicht lassen konnte, dann aber die Bilder (damals noch in Papierform) nie wieder in die Hand genommen hat. Ich habe es damals nicht verstanden, fand das vollkommen überflüssig, bin aber froh, dass ich damals nichts dazu gesagt habe. Angesichts des angespannten Sohn-Vater-Verhältnisses hätte das vermutlich auch eine ungute Streiterei verursacht. Letztlich sehe ich das heute viel gelassener: Es war eben seine Art, Abschied zu nehmen. Er brauchte das ganz offensichtlich. So etwas verdient Toleranz und Respekt und keine hämischen Kommentare oder altkluges Dahergerede, dass man sich die Bilder später ohnehin nicht mehr anschaut. Das gebietet ganz einfach der Anstand, etwas, was ich auch erst lernen musste.
Jeder trauert halt auf seine Weise und jeder hat das Recht, sich auf seine Weise und seinen Bedürfnissen von den Toten zu verabschieden, sich von ihnen zu lösen und Wege der Erinnerung zu finden. Zumindest im Rahmen üblicher gesellschaftlicher Spielregeln. Wer also wäre ich, jemandem, der seine Toten fotografiert, entgegenzuwerfen, dass ich das persönlich überflüssig, vielleicht sogar affig finde?

Greyfriar Kirkyard in Edinburgh

Petra:

Gut gemacht, Lutz. Dein Vater wird sich verstanden bzw. respektiert gefühlt haben. Während dem ich deine Worte las, habe ich zeitgleich deine hier im Blog veröffentlichte Fotostrecke entdeckt und freue mich darüber. Vor allem, dass du uns noch die dazu gehörigen Kontexte erzählen wirst.

Heute wurde ich im Schweizer Tagesanzeiger auf eine neu beginnende Serie aufmerksam, in der Verstorbene noch einmal in den Blick gerückt werden. Ein Nachruf wird in regelmäßiger Folge auf Leute geschrieben, die so normal sind wie du und ich. Sie haben nichts Besonderes geleistet noch waren sie berühmt. Wir lesen eine Episode aus ihrem Leben, die wir so noch nie gehört haben. Ein Detail aus einem vergangenen Leben, das nicht der „ganzen Wahrheit“ entspricht. Der Tagesanzeiger fragt in der Überschrift zur Serie. „Die ganze Wahrheit?“ Vorreiter ist der Berliner Tagesspiegel, der beim Schweizer Start unterstützt. Seit 2012 schreibt der Tagesspiegel Nachrufe und erklärt auf der Website das Vorgehen. Während des Lesens muss ich oft schmunzeln, meine Gedanken schlagen Purzelbäume, weil ich das mag: Das, was einen Menschen im Geheimen ausmacht. Das, was nicht vordergründig  zu erkennen ist und während einer Grabrede eher nicht benannt wird. Die Zeilen im Tagesspiegel ermuntern mich…

Lutz:

Offen gestanden, ich weiß nicht, ob mein Vater sich verstanden und respektiert gefühlt hat, das Verhältnis war sehr schwierig. Was aber ein anderes Thema ist. Vertiefen wir das hier nicht.
Da Du mir ja schon ein Foto von der neuen Serie im Tageszeiger geschickt hast, konnte ich mir schon ein Bild machen, ich denke, die Leserinnen und Leser dieses Blogs interessiert so etwas, vielleicht möchtest Du mehr davon erzählen?
Generell finde ich das journalistische Konzept sehr interessant – es greift mitten hinein in ein Leben, bekommt es zu fassen und dann wird es spannend. Denn ich bin durchaus der Meinung, dass es in jedem Leben etwas gibt, was zu erzählen sich lohnt – und auch, was es zu erinnern wert ist. Denn auch darum geht es ja wohl: Erinnerungen zu bewahren. Ich weiß, der Satz, dass das Geheimnis der Erlösung die Erinnerung heißt, ist reichlich überstrapaziert. Trotzdem: Wir denken ja nicht an die Toten als Tote sondern an die Toten, wie sie waren, als sie noch lebten. So leben sie in unseren Gedanken und Erinnerungen weiter – ob das nun ihre Erlösung ist, oder nicht. Ich weiß es nicht. Wie tragisch, wenn sich später einmal einfach niemand mehr an einen erinnert. Aber das Schicksal wird letztlich die meisten von uns treffen, ein paar Generationen nach uns.
Wie belastend aber auch muss es sein, Menschen in die Pflicht zu nehmen, sich meiner zu erinnern, weil ich vielleicht nur so Erlösung finde. Schwierig. Schwierig.

Petra:

Hat es eine Sterbende oder eine Autorin erwähnt: Die größte Angst eines Menschen, der stirbt, ist vergessen zu werden. Eine an Krebs erkrankte Frau, die wusste, sie würde sterben, hat für ihre noch sehr jungen Söhne alles Mögliche hinterlassen: Geschenke, Fotos, Videos, Briefe. Sie hatte sich gewünscht, dass sie für ihre Nachkommen lebendig bleibt. Ich denke, es gibt keine Pflicht sich an jemanden zu erinnern …ob „Du“ dann Erlösung findest, ist mir dabei glaub egal.

Im Schweizer Tagesanzeiger las ich erst kürzlich die neueste Folge aus der Reihe „Nachruf“. Es wurde an Jules Ramsperger erinnert. Allein schon, dass ich hier über Jules schreibe, das dürfte ihn – wo auch immer er jetzt steckt – freuen. Mit über achtzig organisierte er für seine Alters-WG einen Sitzlift von der Waschküche bis in den obersten Stock. Kleine und „banale“ Lebensgeschichten faszinieren mich ja und ich überlege, ob wir solch einen Nachruf hier im Blog starten wollen. Zu erzählen hätte ich über Brigitta, Bastian, Hans, meinen Vater, meine Oma. Was meinst Du? Wir könnten unsere Leserschaft auch einladen in einer Blogaktion Nachrufe zu schreiben. Hättest du auch Verstorbene, über die du gern schreiben möchtest?

Im September im Garten des Frankfurter Liebighauses geknipst

Lutz:

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