Galgen- und Totenvögel

An einem düsteren, grauen Wintertag mache ich einen Abstecher zum Weiher. Der Wind peitscht, weht Graupel übers Wasser, es ist kalt, nass, eklig: Ein ungemütlicher Tag, ein Tag fürs Sofa oder Schwimmbad, aber keinesfalls für den Aufenthalt im Freien, wenn man nicht wirklich dafür ausgestattet ist. Und richtig hell scheint es auch nicht zu werden.

Mein Lieblingsbaum

Zwei Krähen ziehen bei meiner Stippvisite die Aufmerksamkeit auf sich. Ich hatte gehofft, auf welche zu treffen und fotografieren zu können, sie nicht nur in der Ferne oben in den Bäumen krächzen zu hören. Sie hocken am Ufer, beobachten mich aufmerksam, der nun seinerseits sie beobachtet und ins Visier der Kamera nimmt. Warum nicht auch mal „popelige Krähen“ knipsen? Ich gehöre zu den wenigen, die diesen Vögeln etwas abgewinnen können.

Zwei Krähen am Ufer

Sonst mag sie niemand, so hat es bisweilen den Eindruck, seit sie sich in großer Zahl in den Städten angesiedelt haben.

Krähe im Geäst der Bäume

Die Krähen lässt das kalt. Sie werden diffamiert, massiv am Sterben der Singvögel Schuld zu sein, weil sie deren Nester plündern, sie machen Lärm und Dreck und sind einfach zu intelligent, um sich nachhaltig aus ihren Kolonien hoch in den Bäumen vertreiben zu lassen. Als geschützte Vögel (übrigens auch Singvögel) dürfen sie nicht gejagt werden, was wiederum den Zorn der Bauern auf sie zieht, die ihnen anlasten, ihre Frühjahrssaat gleich nach dem Aussäen von den Feldern wegzufressen.

Nahaufnahme einer der Krähen

Aber am Weiher stören sie die erhitzten Gemüter wenig, es gibt keine Anwohner, nur ein Kieswerk. Und selbst die wenigen Spaziergänger nehmen kaum Notiz von den großen schwarzen Vögeln. Ich lasse mir Zeit, beobachte ausgiebig ihr Treibern durch das Kameraobjektiv.

Beobachtend - Krähen

Eine Krähe hackt bekanntlich der anderen kein Auge aus; einer anderen nicht, aber dem toten Fisch, den die Wellen ans Ufer gespült haben, dem schon. Genüsslich verzehren zwei Vögel Stück für Stück von dem Aas. Sie reißen Stücke heraus, schlingen sie gierig herunter und fühlen sich durch mich mehr belästigt als verängstigt. Kein Gedanke daran, die Beute aufzugeben. Zu verführerisch scheint das Mahl.

Im Flug

Mir fällt ein Satz aus Klabunds Störtebeker Roman ein, er stammt aus dem zweiten Kapitel, der schaurigen Schilderung einer Galgenszene. Drei Tage nach der Hinrichtung des Seeräubers Gödeke baumelt dessen Leiche noch immer am Strick: „Ein Rabe, der sein linkes Auge gefressen hatte, saß auf seinem kahlen Schädel“, schildert Klabund das nächtliche Geschehen. „In der leeren Augenhöhe kroch ein brünstiger Glühwurm.“

Gödekes Frau Marlen aber kann den Wächter am Galgen überreden, den stinkenden Körper herunterzunehmen, damit sie ihn beerdigen kann.

Raben sind Galgenvögel halt – im eigentlichen Sinn.
Krähen sind keine Raben, aber sehr nahe Verwandte, und dass sie allesamt Aasfresser sind, kann man häufig beobachten: Die Tiere machen sich über die Kadaver am Straßenrand her. Oder eben, wie am Weiher, über einen kalten Fisch.

Krähe am Ufer

Und dabei lasen sie sich nun mal nur ungern stören. Verständlich.

Auf den Steinen im Wasser: Krähe

Einst in der germanischen Mythologie waren ihre großen Cousins, die Raben, Odins Begleiter. Hugin und Munin – der Gedanke und die Erinnerung. Und seit alter Zeit gelten sie als Vorbote oder Begleiter des Todes, weil sie sich von Aas ernähren, immer sofort zur Stelle sind, wenn es gilt, einen toten Körper auszuweiden. Dabei machten sie auch nicht vor den Leichen gestorbener Menschen Halt – nicht in Schlachten und nicht bei Hingerichteten am Galgen.

Das Druchstarten der Krähen

Obwohl sie damit einen unschätzbaren Dienst in der Beseitigung von Kadavern leisten, hat das ihrem Ruf nachhaltig geschadet, dabei galten sie doch einst und das vollkommen zu Recht als kluge Vögel, als göttliche und heilige Tiere.
Viele Werke zeugen davon: Mal klopft der Rabe „Nevermore“ bei Edgar Allan Poe nachts ans Fenster, um die Seele des Erzählers in tiefste Abgründe zu stürzen, mal ist er der böse Unglücksrabe Hans Huckebein in den Gedichten von Wilhelm Busch. Und Alfred Hitchcock ließ Schwärme dieser Vögel über die Bodega Bay herfallen. Ein wenig sympathischer hat Otfried Preußler den Raben Abraxas in der kleinen Hexe dargestellt. Das greift den Aberglauben auf, das Raben Begleiter von Hexen waren – was umgekehrt Frauen schnell unter Hexenverdacht brachte, wenn ein Rabenvogel nur in ihrer Nähe gesehen wurde.

Es mag sie wirklich kaum jemand – die Raben und ihre Verwandten, die Krähen und Elstern, die Aasfresser und Totenvögel.
Schade eigentlich.

4 Gedanken zu „Galgen- und Totenvögel

  1. Also so viel ich weiß haben sie viele Fans, sind nämlich sehr intelligente Tiere. Aber ich selber musste da auch noch keine traurigen Erfahrungen machen wie brigwords… Was ich anstrengend finde sind tatsächlich die laut krächzenden Kolonien. Es gibt Falkner die diese vertreiben. Bei uns treten sie nur einzeln auf.

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  2. Danke, für diesen Artikel, ich mag sie übrigens. Die großen Schwärme am Himmel, denen ich in dieser Zeit auf dem Weg von der Arbeit nach Hause begegne, erscheinen mir mit ihren etwas unheimlichen Geräuschen wie ein Gruß aus einer anderen Welt. Ansonsten haben wir ja keine Berührungspunkte oder Begegnungen mehr mit wilden Tieren, Schwärmen, Herden oder einzelnen Tieren. Ja, die Kraniche im Herbst, aber sonst? Unser menschlicher Lebensraum ist ziemlich leergefegt, alles was uns stört oder „schädlich“ ist, ausgerottet, dezimiert, aufgefressen, zu Geld gemacht. Daran erinnern mich diese „Totenvögel“ .
    Liebe Grüße,
    Martina

    Gefällt 1 Person

  3. Ich mag sie auch nicht, sie haben mal unser Schildkrötchen ausgehöhlt, ganz zu Schweigen von den vielen Küken, die ihnen zum Opfer gefallen sind. Man konnte kein Tierchen alleine im Garten lassen.
    Aber die Bilder, die du gepostet hat, sind ganz toll! Liebe Grüsse
    Brig

    Gefällt 2 Personen

    • Danke Brig für das Lob der Bilder und den Kommentar.
      Ich würde wohl auch ein sehr zwiespältiges Verhältnis zu solchen Tieren haben, wenn die in meinen Gehegen mit meinen Schildkröten Ähnliches anrichten würden. Davon bin ich zum Glück allerdings verschont geblieben, die Krähenkolonien sind recht weit entfernt und das Nahrungsangebot für die Vögel ist groß.
      Liebe Grüße Lutz

      Gefällt 2 Personen

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