Memento Mori – wir sprechen weiter

Petra: Hallo Lutz, schon eine Weile her, dass wir unseren Gesprächsfaden knüpften hier im Totenhemd-Blog.
Ist Corona schuld oder der Krieg?
Auf jeden Fall ist immer einer Menge los bei mir und dann gehen Gedanken unter, Ideen tauchen ab, eine Fortsetzung versumpft.
Heute beim Spaziergang tauchte der Faden wieder auf. Wie ein kleiner Spross aus der Erde.
Wie geht’s denn so? Hier und Heute?

Du warst also Tourist in München in der Asamkirche. Deine Geschichte und Fotos haben mich sehr gefreut. Vor allem die fotografierten Schädel sind doch sehr eindrücklich und ganz schön hässlich.
Du hast uns außerdem eine gruselige Mordgeschichte erzählt aus einem Ort, der ganz in der Nähe eures Wohnortes ist: Hinterkaifeck. Das ist ja mal ein Ortsname! ;-).

Ich habe heute von einem Erdrutsch in Italien gelesen. Da wurde eine Klippenlandschaft in Ligurien in die Tiefe gerissen: der Friedhof von Camogli „mit einem kurzen Rumms“, steht so in unserer Schweizer Tageszeitung. Das Unglück jährt sich heute. In die Tiefe wurden über 400 Gräber gerissen. „Fischer, Kapitäne, Werftarbeiter, Kellner und ihre Frauen, Töchter Kassiererinnen, Ladenbesitzerinnen, die Enkel. … der alte Friedhof von Camogli war ins Meer gefallen, in den Golfo Paradiso.“ Froschmänner der Marine tauchten nach Grabsteinen, Särgen und Urnen mit den Leichen und Skeletten. Es herrschte ein wahnsinniges Chaos. Das war und ist ein größeres Projekt und die Katastrophe war wohl wegen der Steilhänge abzusehen und doch wieder nicht, jedenfalls nicht in diesem Ausmaß, meint ein Geologe. „Der Friedhof galt als spektakulär schön, weil er über dem Meer hing“. „Nun erzählt man sich die vergessenen Geschichten dieser Menschen wieder. Als wären sie kurz zurückgekehrt, aus dem Himmel gefallen, direkt ins Meer.“ Das ist doch schön!

Ich hoffe, dass wir von den Toten des Krieges in der Ukraine, den Müttern, den Kindern, den Alten, den Köchinnen und Krankenschwestern, den Handwerkern und Busfahrern viele Geschichten hören und lesen … und ich weine genauso um die so jungen toten Soldaten aus Russland, die „der Zar“ anheuern ließ für seinen Angriffskrieg. Ich fühl mich so unsagbar ohnmächtig, wie alle. Das macht mir Mordgedanken.

Lutz: Ja, es ist in der Tat ’ne Weile her, dass wir geplaudert haben, danke, dass Du den Faden wieder aufnimmst. Wir sollten das regelmäßiger machen.
Ich kann es, um Deine Frage zu beantworten, nichts anderes sagen, als, dass es mir gut geht. Das ist in den heutigen Zeiten, in der die Welt aus den Fugen gerät, fast schon obszön, aber es ist so – trotz aller Sorgen, trotz der schlimmen Nachrichten, die uns jeden Tag erreichen. Das liegt unter Anderem daran, dass ich mit einem neuen Buchprojekt in der Zielgeraden Im Süden – Bilder eines guten Jahres bin. Vielleicht erzähle ich in einem separaten Beitrag mal ausführlicher davon, aber so ganz passt das thematisch nicht zum Totenhemd-Blog. Oder gerade, denn es geht hauptsächlich um Fotos und die Suche nach dem Besonderen im Alltäglichen.

Ein weiteres Projekt wird dieses Jahr auch noch fertig – fast schon ein Opus magnum, wenn ich daran denke, wann ich damit angefangen habe, wie lange es immer wieder für Jahre in der digitalen Speicherkiste verschwand. In diesem Buch, einer Familienchronik, spielt übrigens auch der Mordfall von Hinterkaifeck eine kleine Rolle. Vor kurzem erst konnte ich diese Episode verifizieren. Es hat sich tatsächlich so abgespielt, wie ich es mehrfach erzählt bekommen habe und ich es im Roman schildern werde. Aber das nur am Rande.
Was Du über das Abrutschen des Friedhofs ins Meer erzählst, erinnert mich an die frühen 2000er, als im Siegerland nach tagelangem Regen ein Friedhof an einem Hang abrutschte und quasi in den Gärten der angrenzenden Siedlung landete. Mein damaliger Chef erzählte davon, das war in seiner Heimatgemeinde passiert.

Der Friedhof war natürlich im Vergleich zu Camogli relativ schnell wieder in den vorherigen Zustand zurückversetzt und die Gräber wieder errichtet. Das dürfte in Italien weitaus schwieriger und wesentlich aufwendiger werden. Viel mehr kann ich dazu im Moment nicht sagen, es ist gedanklich für mich zu weit weg, wirft Fragen und Überlegungen auf, denen zu stellen ich im Moment nicht wirklich bereit bin. Denn ich kann diese Toten und den Aufwand, sie zu bergen, nicht ohne die Toten im Mittelmeer denken, die beim Versuch, das Meer zu überqueren, elend ertrunken sind, denken. Nur, dass für die letztgenannten eben von offizieller Seite gar kein Aufwand betrieben wird. Auch wenn ich hier zwei Dinge vermenge, die man vielleicht nicht zusammensehen sollte, kann ich das nicht anders: Für die Bergung von Grabsteinen, Särgen und Urnen wird ein immenser Aufwand betrieben… und für die Lebenden in Schlauchbooten? Lassen wir das. Mich frustriert das zu sehr.

Petra: ooooh … die Gräber wurden in die angrenzenden Gärten geschwemmt … die Vorstellung ich lande als Tote neben dem Kohlkopf oder der Tulpe finde ich ulkig … aber natürlich ist das Geschehene doof. Im Meer zu versinken finde ich dagegen furchtbar.

Bei deiner Wut über die Ertrunkenen im Mittelmeer, nach denen man nicht sucht, bin ich ganz bei dir.
War der Tod mal ganz nah an mir dran, ist er jetzt doch weit weg – außer in den täglichen Nachrichten. Ich genieße mein Leben. Mir ist bewusst, dass es endlich ist. Manchmal kommt da so ein Blitzgedanke, aber den verscheuche ich dann wieder. Genießen heißt für mich, einfach auch mal faul sein. Endlich finde ich Muße zu lesen. Oder zu schreiben. Ich werde eine Schreibreise nach Dessau unternehmen. Und im Juni in Cornwall sein zum Schreiben. Was will erzählt werden? Was will ich mitteilen – was ist eine innere Notwendigkeit?
Deine Buchprojekte finde ich spannend. Viel Erfolg damit.
Lutz: Ich danke Dir, Erfolg könnt ich schon gut brauchen. Wer nicht?
Cornwall wird bestimmt eine spannende Reise, ich wünsche Dir wunderbare Eindrücke und hoffe ein wenig, wir werden hier etwas davon zu sehen und zu lesen bekommen – vielleicht Eindrücke von alten, malerischen Kirchen und Friedhöfen?
Vielleicht von dem, was Du auf Deinen Schreibreisen so „zu Papier bringst“? Lassen wir uns überraschen.
Ich kann übrigens auch nachvollziehen, dass der Tod momentan ganz weit weg geschoben ist, das geht mir nicht anders. Ich denke, das liegt daran, dass er in allen Medien plötzlich wieder so unglaublich präsent, so nah gekommen ist. Vermutlich möchten wir in unseren Köpfen ein Gegengewicht schaffen, um im Gleichgewicht zu bleiben. Und doch wissen wir, dass er uns immer wieder einholt, uns immer wieder begegnet. Wir können ihm nicht entkommen. Aber wir gehen anders damit um als zum Beispiel die Menschen vor einigen hundert Jahren, die angesichts von Kriegen und Seuchen die Allgegenwart und Allmacht des Todes in Kunst und Literatur zum zentralen Thema machten. Die Asamkirche ist ein beredtes Zeugnis davon, die barocke Vanitas-Lyrik, über die ich versprochen hatte, hier auch noch was zu schreiben, sicher auch. Heute begeben wir uns wohl eher auf große und kleine Eskapismen, Alltagsfluchten in Phantasie- und Traumwelten, Urlaube, Filme, Bücher.
Wird fortgesetzt

Hier sind die vorangegangenen Gespräche:

1. Chat
2. Chat

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