Letzte Vorstellung

Gegenüber von meinem Hotel wurde gestern ein Kran aufgestellt. Ein sehr hoher Kran. Ganz oben hängt eine Kabine, in der der Kranführer sitzen wird. Der Kran ist so hoch, dass an seiner Spitze eine Warnleuchte blinkt. Heute wurde der Ausleger an dem Kran angebracht, fast so lang, wie der Kran hoch ist. Ein zweiter Kran hat Betonquader am Ende des Auslegers eingehängt, als Gegengewichte. Dabei liefen Arbeiter über den Ausleger. Einfach so. Und der Wind könnte sie herunter wehen. Einfach so.

Ist es wahr, dass, wenn man stirbt, das eigene Leben noch einmal in Gedanken an einem vorbei zieht? Wenn das so ist, ist der Kran hoch genug, damit der Arbeiter noch einmal alles sehen kann? Oder gibt es dann nur ein best of oder ein worst of, wenn der Sturz nicht lang genug wäre? Kann die vielleicht fehlende Höhe durch ein niedriges Alter kompensiert werden, damit er doch alles sieht? Oder wird die Wiedergabegeschwindigkeit einfach höher, damit jeder auf jeden Fall alles sehen kann? Kann man sich vielleicht selbst aussuchen, was man sehen will oder sieht man zumindest immer das, was wichtig gewesen ist. Und wenn ja, für wen muss es wichtig gewesen sein, für einen selbst oder Menschen, die in seinem Leben vorgekommen sind? Zeit für Erkenntnis wird so oder so nicht bleiben. Doch wenn er gar nicht stirbt bei dem Sturz, sondern aufgrund einer glücklichen Fügung in einen mit Wasser gefüllten Schacht stürzt, Prellungen und Knochenbrüche hat, aber nicht tot ist, kann er sich dann daran erinnern was er gesehen hat? Wüsste er dann was wichtig gewesen ist, auch wenn er es vielleicht beim ersten Durchlauf nicht gemerkt hat?

Wenn er nicht von dem Kran fiele, sondern mit Covid auf einer Intensivstation läge, ab wann würde er dann sein Leben noch einmal sehen? Wenn er intubiert wird oder muss sein Körper, wie auch immer, erst feststellen und verstehen, dass keine Rettung mehr möglich ist, ehe die letzte Vorstellung gestartet wird?

Warum passiert das überhaupt, wenn es denn stimmt? Um es leichter zu machen oder schwerer, kompletter?

Und jetzt wird in den Straßen geschossen und fallen Bomben. Ich bleibe in meinem Hotelzimmer, sehe den Kran und zwischendurch die Nachrichten, die non-stop auf jedem Kanal berichten. Eine Frau ist bei einem Bombenangriff auf ihren Fahrrad getroffen worden. Sie hat gestrampelt und ist dann einfach tot umgefallen. Das Geschütz hat sie nicht kommen sehen können. Hat auch sie ihr Leben noch einmal gezeigt bekommen, zusammen gedampft auf ein Bild, eine Einstellung, eine Collage, auch wenn der Tod aus dem Nichts, ungeahnt gekommen ist? Ist ihr Tod deshalb grausamer? Oder gnädiger? Wie oft soll ‚es ging ganz schnell‘ trösten. Doch wie kann es, wenn der Tod so ungerecht und unnötig scheint?

Ich kann nicht hinaus gehen, weil es zu gefährlich ist. Eine Kugel im Körper, Gebäudeteile auf dem Kopf und die letzte, kurze Vorstellung würde beginnen. Solange ich drinnen bin ist die Möglichkeit geringer und ich habe mehr Zeit. Ich fange an, an mein Leben zu denken. Familienurlaube in Rimini, das Pony und der Dalmatiner, der erste Kuss, der Rauswurf aus der Uni, Lakritzschnecken, ein Schlitten, die Geburt meines Sohns, die Beerdigung meines Opas, ein Strauß Ranunkeln, Sonnenaufgänge, Starts und Landungen, Tortenspitzen, Gewitter, ein Gerichtstermin, ein Brief, der Weihnachtsbaum, eine Theatervorstellung, Tränen, lautes Lachen, ein Müllwagen und ein Segelboot, Raketen… Ich habe noch Zeit. Draußen wird es lauter.

7 Gedanken zu „Letzte Vorstellung

  1. Es gibt ein Leben in dieser Welt, es gibt einen Übergang und ein Leben nach diesem irdischen Leben. Ich glaube an ein Fortbestehen in der geistigen Welt, die eine Beschau auf gemachte Lebensfehler als Lernaufgabe begreifbar macht. Der Tod bietet oft keine Möglichkeit zum Nachdenken. Wer denkt, danach wäre alles vorbei, irrt. Liebe Grüße und danke für den interessanten Beitrag. LG Gisela

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  2. Da stellt sich allerdings die Frage, ob ich das alles überhaupt noch einmal sehen will?
    Die Beerdigungen der Eltern, der erste Pubertät Vollrausch, der Tag danach, das Heimkommen von der Schule mit wieder mal nem Fünfer im Gepäck, durch die Prüfung gefallen, das erste Mal verlassen werden, der Autounfall mit dem Wildschwein, die Knochenerkrankung mit endlosen Krankenhausaufenthalten, die Angst, schon als Kind zum „Krüppel“ zu werden…

    Und dann all das Schöne, das Gute, das, was glücklich gemacht hat- das alles für immer hinter sich lassen zu müssen.

    Vielleicht ist ein „Bums – aus – vorbei“ dann doch die bessere Lösung?

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    • Ja, vielleicht. Aber vielleicht möchte man manches doch nochmal sehen, auch um es nicht zu vergessen und auch nicht das, was man daraus gelernt hat. Und wie Du sagst, gibt es auch Gutes, Schönes und das, was glücklich macht. Danke für Dein Feedback!

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  3. Liebe Juliane, willkommen mit deinem ersten Prosastück bei uns. Deine Überlegungen im Text sind sehr interessant, machen nachdenklich und sind auch überraschend. Was wäre, wenn ich vom Kran fiele oder oder?

    Gut, dass du jetzt bei uns im Blog dabei bist.
    Danke für den Auftakt. Wir freuen uns auf die nächsten Geschichten.
    Herzlich. Petra

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