Der Greif und ich, wir sehen uns immer wieder – Teil 2

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Das Leiden und die Qual hatten einen Namen: Latein. Und wenn ich ehrlich bin noch einen weiteren dazu: Altgriechisch. Dem Erlernen dieser Sprachen konnte ich nie viel abgewinnen, der Nutzen, den ich daraus gezogen habe, hält sich in Grenzen, allen Befürwortern humanistischer Bildung zum Trotz. Denn was immer ich von Platon, Flavius Josephus, Augustin oder sonstwem zu lesen hatte: Ich gebe es unumwunden zu – ich habe mich immer auch der deutschen Übersetzungen bedient.
Man kann auch Albert Camus‘ Mythos von Sisyphos zum Examensthema angeben, ohne einen Satz Französisch zu sprechen. Ich bin der Beweis: Es geht. Mögen auch alle, die unentwegt predigen, jede Übersetzung sei zugleich Interpretation sich jetzt die Haare raufen. Die Camus-Prüfung lief bestens – auf Deutsch. Denn es ging nicht um die Philologie sondern um die Philosophie. Was ein bedeutender Unterschied ist, wie man schon am Wort erkennen kann.
Und das ist dann auch das Einzige, weshalb sich die alten Sprachen doch gelohnt haben: Fremdwörter entschlüsseln, von denen man noch nie gehört hat, weil man sie einfach übersetzen kann. Und Namen, denn die Leidenschaft des Humanismus, seine Namen zu latinisieren oder graezisieren, um sich einen entsprechend hohen Bildungsanstrich zu geben, trug ganz zauberhafte Blüten. So wurden aus der Familie Fuchs die Vulpius, aus dem Schwarzbauch der Melanchthon und der schnöde Neumann nannte sich Neander und das Tal entsprechend gleich mit. Das ist irgendwie ganz schön entlarvend. Weiterlesen