Buddhistisch bestattet

Jeder Friedhof, jedes Grab ist anders, aber: Friedhöfe und Gräber hierzulande sind auf ihre Art typisch. Christlich geprägt, abendländisch, mitteleuropäisch – wie auch immer man das nennen will. Wer viel auf Friedhöfen unterwegs ist kennt sicherlich auch orthodoxe Gräber oder muslimische. Auch jüdische Friedhöfe haben ihren eigenes wieder erkennbares Aussehen. Und buddhistische Grabstätten, woran erkennt man die? „Wahrscheinlich eher gar nicht“, sagt Chris Urban, Inhaber des Magdeburger Bestattungsunternehmens Samsara Bestattungen®. „In Deutschland gibt es zwar mittlerweile buddhistische Abteile auf Friedhöfen und sogar einige buddhistische Friedhöfe. Eigentlich unterscheiden sich diese aber nicht maßgeblich von unserer herkömmlichen Friedhofskultur. Man sieht natürlich ein paar mehr Buddha-Figuren und asiatische Dekoration. In den Ländern, in denen der Buddhismus die Hauptreligion ist, werden die Verstorbenen verbrannt und die Asche verstreut. Dort gibt es meist gar keine Friedhöfe, also auch keinen typischen Anblick.“

Chris Urban machte seine ersten Erfahrungen in der Bestattungsbranche mit 13 Jahren, in den Ferien mit kurzen Praktika. Anschließend hatte er dort einen Nebenjob und machte dann die Ausbildung zur Bestattungsfachkraft. Dort erlebte er eine buddhistische Bestattung und war von der Ausrichtung und der Ausstrahlung der Mönche sehr angezogen. Nach der Ausbildung sammelte er in verschiedenen Bestattungsinstituten Erfahrung, beschäftigte sich intensiver mit der Lehre des Buddha und verbrachte längere Zeiten in Klöstern in Deutschland und Thailand. Im Jahr 2021 dann hat Chris Urban im Alter von 25 Jahren sein eigenes Bestattungsunternehmen gegründet. Als praktizierender Buddhist und dadurch, dass diese asiatische Weisheitslehre in seinem Unternehmen verankert ist, möchte er unsere Bestattungskultur moderner, offener und menschenfreundlicheren gestalten.

Sigrid hat mit Chris über Buddhistisches Bestatten gesprochen.

Sigrid: Du bist Bestatter und zwar ein besonderer: du bestattest deine Toten buddhistisch. Wie kann ich mir das vorstellen, woran merke ich das?

Chris: Meine buddhistische Einstellung und Haltung hat in der Tat einen maßgeblichen Einfluss auf meine Arbeit, aber nicht in dem Sinne, dass es bestimmte Abläufe und Vorgaben gibt, die sich sofort wiedererkennen lassen würden. Im Gegenteil: Den Angehörigen wird der Buddhismus auf gar keinen Fall aufgedrängt. Er wird ihnen eventuell nicht einmal auffallen. Sondern was mir wichtig ist: Alle Menschen, ganz gleich welche Herkunft und Lebensanschauung sie haben, können bei mir Offenheit, Selbstlosigkeit und eine warmherzige Begleitung erwarten. Es geht mir immer darum, den Abschied so zu gestalten, dass er möglichst hundertprozentig den Wünschen der Hinterbliebenen entspricht.

Sigrid:  Wie sieht dein Arbeitsalltag aus? Was daran magst du am meisten? Und was am wenigsten … wenn du das verraten magst.

Chris: Wenn ich einen Bestattungsauftrag oder eine Anfrage zur Bestattungsvorsorge habe, fließt meine gesamte Energie in die Betreuung der Angehörigen. Wenn man einen lieben Menschen verliert, ist man verständlicherweise so aufgelöst, dass jegliche anfallende Arbeit einfach zu viel ist. Als Bestatter kann ich beinah alle anfallenden Tätigkeiten abnehmen und gleichzeitig auch einfach als Gesprächspartner oder nur als Zuhörer für die Trauernden da sein. So wie jeder Mensch anders ist, ist auch jede Bestattung anders. So gleicht kein Tag dem anderen, das gefällt mir sehr.  Und dann gibt es natürlich noch viele Tätigkeiten, die mit dem Bestatten an sich nichts zu tun haben, sondern generell damit, ein Unternehmen zu führen. Verwaltung, Abrechnung, Werbung. Letzteres vor allem ist für mich als junges Unternehmen wichtig, Bekanntwerden. Das sind die weniger geliebten Tätigkeiten. Aber: Wenn mich keiner kennt, kann auch keiner mein Angebot finden. Und ich könnte nicht das tun, was ich an meinem Beruf am meisten mag: Menschen helfen. Wenn nach einer Bestattung die Familie auf mich zukommt, sich bedankt und sagt, dass es so viel schöner war, als sie es sich jemals hätten erdenken können, dann ist das ein unbeschreiblich tolles Gefühl.

Sigrid: Ist deine Kundschaft buddhistisch oder muss sie es sein? Oder kann jeder und jede zu dir kommen?

Chris: Zu mir kann natürlich jeder kommen. Weder müssen Verstorbene und Angehörige buddhistisch sein noch müssen sie irgendwas davon wissen. Wir Buddhisten haben nicht die Absicht, jemanden von unserer Weltansicht zu überzeugen. Wir möchten einfach den Menschen dienen und Gutes tun. Denn: Wir Buddhisten glauben an die Wiedergeburt. Grob gesagt: Was stirbt, ist der Körper – wiedergeboren wird der Geist. Unsere Taten bestimmen Ort und Umstand der Wiedergeburt. Als Buddhas Nachfolger streben wir aber das Ende der Wiedergeburt an, das Ende von „Samsara“, dem Kreislauf des Lebens. Das gelingt, wenn man frei ist von jeglicher Negativität. Und so üben wir uns ein Leben lang darin, frei von Gier, Hass und Unwissenheit zu werden. Damit man irgendwann in das Nirvana gelangt – den ewigen Frieden.

Sigrid: Welche Unterschiede zu hierzulande üblichen Bestattungen erwartet einen dann überhaupt?

Chris: Das hängt komplett von den Wünschen der Angehörigen ab. Bei uns bekommen die Angehörigen eine sehr persönliche Bestattung. Das ist mir wichtig, nicht eine vorgefertigte Standardbestattung zu verkaufen. Sondern im Gegenteil die vielen Freiheiten, welche es heutzutage gibt, aufzuzeigen. Hierzulande ist zwar vieles stark geregelt, ja, aber es gibt auch sehr viele Möglichkeiten, die man landläufig vielleicht gar nicht kennt. Zum Beispiel bei der Wahl der Bestattungsform oder der Gestaltung der Trauer- oder Lebensfeier. Die muss nicht in der Kapelle eines Friedhofes stattfinden. Nichts spricht gegen eine Andacht im eigenen Garten, in der Lieblingsbar oder in einer lokalen Vereinshalle. Aber auch zu diesem „Neuen“ dränge ich meinen Kunden natürlich nicht. Sondern wir beraten gründlich über alle Varianten und lassen anschließend die Angehörigen entscheiden.

Sigrid: Du machst auch Bestattungsvorsorge, also dass man zu Lebzeiten mit dir bespricht und vereinbart, wie es dereinst ablaufen soll. Wie möchtest du selbst denn bestattet werden und verabschiedet und gefeiert werden?

Chris:  Meine einzige Vorgabe ist, dass mein verstorbener Körper erst nach drei Tagen berührt und überführt werden soll. Aus buddhistischer Sicht ist in dieser Zeit noch „etwas“ von uns da und mitten im Prozess der Loslösung. Wenn man in dieser Zeit ungestört bleibt, kann dies einen positiven Einfluss auf den weiteren Weg haben. Ansonsten: Sollten zum Zeitpunkt meines Todes noch Angehörige und Freunde leben, dürfen sie gerne so entscheiden, wie sie es für richtig halten. So dass es ihnen gut geht. Als Buddhist habe ich keine weiteren Wünsche.