Karl

AUGUST

Jakob hatte am Abend mit dem Arzt gesprochen, der ihm mitgeteilt hatte, dass sein Vater wohl nicht mehr lange überhaupt laufen werden könne. Dass sich Karl an immer weniger erinnerte, wusste Jakob selbst. Karl hatte begonnen sein Leben zu vergessen, bevor er es abschließen konnte. Jakob erinnerte sich für ihn daran, dass Karl immer den Anspruch hatte, sein Lebensende so zu gestalten, dass er keine Belastung für Jakob war. Seine letzte eigene Chance dazu hatte Karl nicht mehr nutzen können. Doch sich daran zu erinnern half Jakob bei der Entscheidung für Karls Umzug. Und Jakob erinnerte sich daran, dass Karl noch einmal an die Ostsee wollte. Nach Ansicht des Arztes blieb dazu nicht mehr viel Zeit. Deshalb hatte sich Jakob letzte Woche frei genommen, ein Doppelzimmer in einem behindertengerechten Hotel in Timmendorfer Strand gebucht, Karl, seinen Rollstuhl und einen Koffer voller Windeln, die Karl inzwischen brauchte, in seinen Wagen gepackt und war mit ihm an die Küste gefahren. In der Nacht schrie Karl und schlief tagsüber meistens in seinem Rollstuhl. Der Hoteldirektor sprach Jakob schon nach der ersten Nacht auf die Ruhestörung an, empfahl nachmittags eine kleine Pension in der Nähe, die allerdings nur über Treppenstufen zu erreichen war und Jakob und Karl reisten nach der zweiten Nacht wieder ab.

Einmal, als Jakob Karl in seinem Rollstuhl auf die Seebrücke geschoben hatte und sie eine Weile in der Sonne den Möwen zugehört und dabei zugesehen hatten, wie sie immer wieder in die Dünung herab gesaust waren, um etwas Futter zu fangen, hatte Karl gesagt:

„Jakob, es ist so schön hier. Danke, dass Du Dich erinnert hast“, und war dann wieder eingeschlafen. Als der Wind Jakobs Tränen getrocknet hatte und Karl immer noch schlief, hatte Jakob ihn zurück ins Hotel geschoben. Karl wurde an dem Tag nur noch einmal kurz zum Abendessen wach und auch auf der Rückfahrt hatte er kaum mit Jakob gesprochen, der nach der Hälfte der Heimfahrt seine Versuche einstellte, ein Gespräch mit ihm zu führen.

Als sie wieder zu Hause waren, räumte Jakob die Wohnung seines Vaters aus und zog in ein kleines Apartment…

NOVEMBER

Jakob hatte Karl in ein Hospiz bringen lassen. So hatten er und, wie er hoffte, auch sein Vater, nicht das Gefühl am Ende alleine zu sein. Doch Jakob würde alleine bleiben, wenn sein Vater hinüber ging zur Mehrheit seiner Freunde, Angehörigen und zu seiner Frau. Man war allein und blieb vielleicht allein. Doch wie wurde man es? Jakob sah sich in Karls endgültig letztem Zuhause um. Durch die großen Fenster konnte an einem sonnigen Tag viel Licht hereinfallen. Die Wand zum Gang bestand ebenfalls aus einer Fensterfläche. Vor allen Fenstern hingen dicke farbige Vorhänge, die elektronisch zugezogen werden konnten, um sich allein zu machen und das Licht auszusperren, wenn einen die Dunkelheit überfiel. Wenn man die breite Tür öffnete, durch die Betten und Bahren passen mussten, wurde das kleine Zimmer Teil der Gemeinschaftsfläche, auf der Sofas und Sessel standen und in der Ecke konnte, wenn es noch kälter wurde, ein Kamin angezündet werden. Auf dem Kaminsims wurden Kerzen zur Erinnerung aufgestellt und angezündet. Sie brannten herunter und wurden gegen neue ausgetauscht für neue Erinnerungen, neues Alleinsein; und sie formten eine unendliche, langgezogene Woge flackernder und erlöschender Bilder, Gedanken und Gefühle.

Tagsüber ließen die Pfleger und Schwestern Licht und Luft in Karls Zimmer und befeuchteten seine Lippen und seinen Mund, nachdem er nicht mehr trinken konnte – oder wollte. Letzte Hilfe.

Wenn Jakob abends zu ihm kam, setzte er sich in den Sessel, der neben Karls Bett stand und begann ihm vorzulesen. Er hatte einige Bücher seiner Eltern beim Ausräumen der Wohnung behalten und sich vorgenommen, sie seinem Vater noch einmal vorzulesen. Mit der einen Hand hielt er das Buch und mit der anderen die Hand seines Vaters. Zwischendurch sah er immer wieder Karl, dessen Körper nun zerfiel, wie schon vor vielen Monaten seine Persönlichkeit zerfallen war. Er las ihm vor, bis ihm selbst die Augen zufielen. Karl war nicht allein.

Und als er ging, rief Jakob Katharina an.

Katharina gab den Zwillingen Bescheid, dass es spät werden konnte, und bat sie, nicht zu spät ins Bett zu gehen, die Wohnung in Ihrer Abwesenheit nicht abzubrennen und keine Webseiten mit jugendgefährdenden Inhalten zu besuchen.

Dann fuhr sie zu der Adresse, die Jakob ihr gegeben hatte. Sie hatte Angst. Sie hatte noch nie einen Toten gesehen, hatte Karl nicht gekannt und kannte auch Jakob nicht wirklich gut. Nachdem sie parkte und geklingelt hatte, öffnete eine freundlich lächelnde ältere Frau die Tür.

„Guten Abend. Ich bin Katharina Müller. Jakob hat mich angerufen“, stellte sie sich vor.

Ihr fiel auf, dass sie seinen Nachnamen immer noch nicht kannte. Vielleicht wäre es besser, auf jeden Fall einfacher und weniger beängstigend, wieder zu gehen.

„Hallo, ich bin Schwester Clodwiga. Jakob ist noch bei seinem Vater“, sagte die Frau herzlich.

Schwester Clodwiga trug keinen Habit, sondern eine graue Jeans und einen schwarzen Strickpullover, auf dem eine Kette mit einem silbernen Kreuz lag. Schwester Clodwigas Herzlichkeit minderte Katharinas Angst und Unsicherheit nicht, doch anstatt wieder zu gehen, ging sie langsam und zögernd hinter ihr her, als sie sich umdrehte und Katharina zu Karls Zimmer führte. In dem Kamin im Gemeinschaftsraum brannte ein Feuer langsam herunter und auf dem Sims eine Reihe unterschiedlich langer Kerzen, aufgereiht der Länge nach, wie Orgelpfeifen.

Schwester Clodwiga klopfte an die breite Tür. Die Vorhänge an den Fenstern zum Gemeinschaftsraum waren zugezogen. Ohne eine Antwort abzuwarten, öffnete sie die Tür und ließ Katharina hinein. Jakob saß in einem Sessel neben dem Bett seines Vaters und hielt seine Hand. Katharina nahm sich den Stuhl, der gegenüber des Bettes an der Wand stand und setzte sich neben Jakob. Ihr fiel nichts Tröstliches ein, das sie hätte sagen können, denn das gab es nicht und sie nahm wortlos Jakobs Hand. Karl lag in seinem Bett, die Decke bis zum Kinn hochgezogen. Selbst unter der Daunendecke wirkte der Körper dünn, zerbrechlich, entleert. Jakob hatte seine Augen geschlossen.

Im Laufe der Nacht nickte Katharina einige Male ein, ging zur Toilette und Jakob etwas zu trinken holen. Jakob ließ die Hand seines Vaters erst los, als früh am nächsten Morgen der Bestatter kam und Karl mitnahm. Katharina ließ Jakobs Hand nicht los, nahm ihn mit in Ihre Wohnung, wo er im Wohnzimmer auf der Couch einschlief…

aus: Zeitlupe http://bit.ly/Zeitlupe-roman

2 Gedanken zu „Karl

  1. Das ist eine rührend Geschichte, von stiller, tiefer Liebe,
    Solche Geschichten bringen mich zum Weinen. Ein Weinen, dass diese Dankbarkeit enthält, wie es sein möge, wenn Menschen in dieser Liebe Abschied nehmen, in Demut und Wahrhaftigkeit.

    Gefällt 3 Personen

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