Zapfenstreich

Sie ist immer dabei. Meine Freundin aus Kindertagen. Jeder hat eine Freundin oder einen Freund. Die meisten verlieren sie irgendwann oder vergessen sie. Ich nicht. Immer wenn ich dazu Gelegenheit habe, rede ich mit ihr. Am liebsten gehe ich mit ihr spazieren. Habe ich heute Nachmittag auch gemacht, auf dem Waldfriedhof in Zehlendorf, vorbei am Grab von Hildegard Knef. 

Meine Freundin kichert, weil ich mir ein Lied von ihr gewünscht habe für heute Abend. Viel lieber hätte ich mir besseres Wetter gewünscht. Es könnte doch warm sein und vielleicht noch ein bisschen hell. Dumm gelaufen. Aber im Dunkeln sieht man die Fackeln besser. Sie ist beeindruckt von dem Gedanken, dass Hunderte mit Fackeln für mich aufmarschieren werden. Und dann eine Kapelle für mich spielt. Es ist ja nicht das erste Mal, irgendwie unwirklich ist es jedes Mal und jedes Mal sitzt, steht oder geht sie neben mir. Als wir die Lieder ausgesucht haben, haben wir beide viel Spaß gehabt. Mit sechzehn war Nina Hagen die größte für mich, deshalb war schnell klar, dass der Farbfilm heute dabei sein muss. Und mit sechzehn habe ich mir alles mögliche gewünscht, nur das hab ich mir nicht vorstellen können. 

Verrückt, dass ich das sechzehn Jahre gemacht habe. Alle möglichen Menschen getroffen, große, kleine, mächtige, ohnmächtige, arme, reiche, Künstler, Politiker und echte Menschen. Und ich war in so vielen Orten. Zeit hab ich weder für Menschen noch Orte gehabt. Ich habe nur immer von kleinen Ausschnitten erzählen können und von den Dingen, die ich irgendwo gerne noch gemacht hätte oder was ich gerne noch gesagt hätte und noch viel lieber gehört hätte. Sie lacht als wir über den Ritt auf dem Elefanten reden, der in Nepal nicht möglich war und sie erinnert mich, wie stolz alle auf mich gewesen sind. Meine Familie, Freunde und so viele, die meinen mich zu kennen und die ich nicht kenne und denen ich nie begegnet bin. Oder vielleicht doch, wie kann ich das noch wissen nach der ganzen Zeit. Sie findet lustig, dass Joachims Sohn, Angie oder Another One Bites The Dust für heute Abend vorgeschlagen hat. Ich hätte mir auch was von den Beatles vorstellen können, aber ich bin ja aus dem Osten, den nicht mehr ganz neuen Bundesländern. Ein Lied von Frank Schöbel kennt man im Westen wohl nicht. 

Papa mochte Großer Gott, das war dann auch einfach. Und sie erinnert mich, dass ich den Text immer umgedichtet habe. Herr, wir haben keine Kartoffelstärke…alles was ich preisen kann, Kaugummi und Levis Jeans und so weiter. Joachim mag keine Schlager. Wegen ihm gehen wir immer nach Bayreuth. Alles zu lang für heute Abend. Und am Ende ist es auch egal. Bei ‚am Ende‘ wird sie nachdenklich. Sie weiß, dass mir auch zwischendurch manches egal gewesen ist und auch, dass das ja nicht das Ende ist. Aber sie hat auch mitbekommen, wie irritiert und genervt ich heute Nachmittag war. Schon wieder und immer noch Krise. Vielleicht die schlimmste, die ich mitgemacht habe. Nein, die schlimmste, in der ich verantwortlich gewesen bin und noch ein bisschen bin. Und dann fängt der Neue heute Nachmittag an mit einer Danksagung, mitten in der Pressekonferenz. Ich hoffe, nur sie hat gemerkt, wie doof und unpassend ich das gefunden habe und wie gern ich es jetzt beende, es kaum erwarten kann. Nein, sie kichert wieder. Haben sicher auch andere mitbekommen. Na gut, nur noch ein paar Tage und heute Abend. Konzert. Das hat es ja lange nicht gegeben. Und so eins noch gar nicht. Rote Rosen wären besser gewesen als Bush, Putin, Erdogan und all die Krisen und Katastrophen. Sie zwinkert mir zu, ist nie erwachsen geworden. Heute soll es rote Rosen regnen. Dezemberregen im Bendlerblock. Wir kichern. Später ist es nicht mehr wahr.

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