Karl (II)

Die Trauerfeier fand drei Tage später statt. Jakob war nach der Nacht auf ihrer Couch wieder zurück in seine Wohnung gegangen und Katharina traf ihn auf dem Friedhof. Paula und Bruno hatten darauf bestanden mitzukommen. Jakobs Studienfreund Daniel war gekommen. Die beiden hatten während ihres Studiums gemeinsam in einer Band gespielt. Als sich Jakob auf Geriatrie spezialisiert hatte, entschied sich Daniel für die Dermatologie. Er schien der wildere von beiden gewesen zu sein. Durch das weiße Hemd, das er unter seinem schwarzen Anzug trug, schimmerten großflächige Tätowierungen, die im Nacken über seinen Hemdkragen, und an den Manschetten über seine Handrücken heraus zu kriechen schienen.

Weder Karl noch Jakob hatten Geschwister und so saßen sie zu fünft vor wenigen noch lebenden von Karls Freunden und einiger seiner früheren Nachbarn und hörten sich, von einem Pfarrer, dem Karl nie begegnet war, Karls Lebensgeschichte und vermeintlich tröstende Bibelstellen an.

Und Karl wollte Kylie Minogue hören, für die er immer eine Schwäche gehabt hatte. Als am Ende der Trauerfeier die ersten Takte von ‚I Should Be So Lucky‘ erklangen, waren einige der Trauergäste irritiert. Bruno und Paula fingen an zu kichern, der Pfarrer begann an seinem Rednerpult zu wippen und mit einer Hand den Takt zu schlagen, und Jakob, Katharina und Daniel sangen falsch, aber mit.

Der anschließende Trauerkaffee fand im Speisesaal des Kurstifts statt. Jakob hatte sich einige Tage frei genommen und war seit Karls Tod nicht mehr dort gewesen. Herr Bergmann kam dazu, kondolierte Jakob und setzte sich zu ihnen an den Tisch. Nun konnte auch Paula Herrn Bergmann kennenlernen. Sie saßen zu sechst am Ende des Tisches bei wahlweise Kaffee, Tee oder Limonade und Streuselkuchen. Paula und Bruno erzählten Herrn Bergmann von Kylie und Bruno fragte Daniel, ob es sehr weh tue, sich tätowieren zu lassen. Seine Antwort, dass das auf die Körperstelle ankäme, führte in einen detailreichen anatomischen Diskurs, den Katharina mit dem Hinweis auf ihre Erziehungsberechtigung und Bruno mit einem: „Menno“ beendet.

Am Vierundzwanzigsten stiegen sie früh morgens mit Karls Urne, der Familie des Schiffsführers, einem Pfarrer und einem Strauß bunter Ranunkeln im Hafen auf einen kleinen Kutter.

Sie fuhren etwa eine Viertelstunde auf die Ostsee hinaus. Die Wellen schlugen hoch gegen den Bug des Kutters, bis sie anhielten und der Pfarrer nach einem Gebet die Urne mit der Asche der Schwiegermutter des Schiffsführers öffnete und der Wind den größten Teil schon herausgeweht hatte, ehe der Pfarrer sie umkippen und ausleeren konnte. Zu der Zeit hatte Katharina sich gemeinsam mit den Kindern des Schiffsführers bereits dreimal übergeben. Sie fuhren noch einmal zehn Minuten und Katharina übergab sich noch einmal, ehe auch Karls Asche nach einem erneuten Gebet und begleitet von Kylie, in und über die Ostsee verstreut wurde. Katharina stand blass mit einem sauren Geschmack im Mund neben Jakob und hielt seine Hand, während er weinte und sie ließ Jakobs Hand nicht los, bis sie wieder sicheren Boden unter den Füßen hatte.

Sie fuhren schweigend zum Hotel um ihre Sachen zu holen, Katharina putzte sich die Zähne und nachdem ihr Gepäck wieder eingeladen war, fuhr Jakob sie zum Flughafen in Hamburg. Er hielt direkt vor dem Terminal, wo, nach der Beschilderung, das Halten zum Ausladen und Küssen für maximal zehn Minuten erlaubt war. Jakob hatte, nachdem sie den Kutter verlassen hatten, wie immer kaum etwas gesagt.

Sie stiegen aus, Jakob hob ihren Koffer aus dem Kofferraum, in dem nun nur noch seine Reisetasche war. Er sagte noch einmal:

„Danke, dass Du für mich da bist.“

„Und Du für mich.“

„Frohe Weihnachten und eine gute Reise.“

„Dir auch. Und viele Grüße an Daniel.“

Animiert durch die Beschilderung und den kurzen Moment der Geborgenheit, als er sie umarmt hatte, küsste sie ihn ganz leicht auf die Wange und verschwand schnell und ohne sich noch einmal umzudrehen mit ihrem Koffer durch eine der Drehtüren.

aus: Zeitlupe

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