22.11. Sigrid: Grün bestattet

Wie groß unser ökologischer Fußabdruck ist, den wir auf dieser Erde hinterlassen, dafür ist der letzte Gang nicht entscheidend. Da gibt es zu Lebzeiten deutlich mehr zu lassen und zu tun. Dennoch ist es vielen Menschen heutzutage wichtig, auch den Tod im Einklang mit der Natur und sozial nachhaltig zu gestalten. Und durchaus gibt es einiges, worauf sich achten lässt.

Die Ökobilanz für einen Trauerfall zu erstellen, ist nicht ganz einfach. Nicht nur, weil es ein so sensibles Thema ist, sondern auch weil es ist wie immer:  Einerseits ist es ganz leicht – wenn es das Andererseits nicht gäbe. Das fängt schon damit an, ob man sich für eine Erdbestattung entscheidet oder für eine Einäscherung. Eine Einäscherung verbraucht viel Energie. Ungefähr so viel wie ein Mensch durchschnittlich im Monat benötigt hat. Jede Verbrennung produziert C02 und weitere Emissionen; außerdem wird ja auch der Sarg mit verbrannt.

Wer sich für eine Erdbestattung entscheidet, spart all das ein – und überlässt die Arbeit der Natur. Genauer gesagt, den zahlreichen Mikroorganismen in der Luft und in der Erde, die sich mit organischer Substanz auskennen, weil sie ihr täglich Brot ist. So verschwinden nach und nach das Holz vom Sarg, die fleischliche Hülle; am längsten brauchen die Knochen.

Dafür gibt es die sogenannten Ruhefristen, die Zeitspanne, für die man ein Grab erwirbt, in der es gepflegt werden darf – oder muss. Diese Fristen haben wenig mit Pietät zu tun, sondern ganz handfest damit, wie lange es dauert, bis alles zersetzt ist. Das hängt hauptsächlich von der Art des Bodens ab und liegt zwischen zehn und vierzig Jahren. Sind die Verhältnisse sandig, geht es schneller. In schweren Lehmböden sehr viel langsamer und manchmal auch gar nicht. Fachleute sprechen dann von Verwesungsstörungen.

In den vergangenen Jahren wurde und wird auch immer an neuen, umwelt- und seelenfreundlichen Bestattungen geforscht. Ein Beispiel ist die sogenannte Reerdigung, bei der ein toter Körper zu Mutterboden und der dann beerdigt wird. Ein anderes Beispiel ist ein Sarg, der aus getrocknetem Pilzgeflecht hergestellt ist. Zurück in der Erde, erwachen die Pilze zum Leben und machen sich rasch daran, den Verstorbenen in den Kreislauf der Natur zurückzubringen.

Ansonsten ist ein herkömmlich erdbestatteter Mensch für die Natur recht schwer verdaulich. Auch dann, wenn der Sarg aus heimischen Hölzern gezimmert ist und nicht mit schadstoffhaltigen Farben und Lacken behandelt, sondern nur geölt oder gewachst.

Auch hier kann man natürlich auf viele Kleinigkeiten achten. Die Sarggriffe sollten leicht zersetzbar sein: also aus Holz oder Seil, nicht aus Metall oder Kunststoff. Auch Polster und Stoffausschlag sollten aus Naturmaterialien bestehen, ebenso die Kleidung, die der Verstorbene auf seinem letzten Weg tragen wird. Ein Totenhemd aus Baumwolle oder Leinen braucht rund fünf Monate, um von der Natur abgebaut zu werden. Kunstfasern bleiben Jahrzehnte lang erhalten – und behindern die natürlichen Abläufe in der Erde empfindlich. Wer für den Verstorbenen Kleidung und Decken aus dessen eigenen Wäscheschrank wählt, statt neue Totenhemden zu kaufen, spart außerdem noch Ressourcen.

Das alles gilt auch, wenn der Verstorbene eingeäschert werden soll. Auch dafür wird er oder sie erst in den Sarg gebettet und zusammen mit diesem verbrannt. Die Asche wird danach in eine Urne gefüllt; auch die gibt es aus Zellulose und anderen schnell  zersetzbaren Materialien und nicht nur aus dauerhaftem Metall.

Eine hohe Bodenfeuchte – durch anstehendes Grundwasser oder weil ständig das Grab neu bepflanzt und jedesmal stark gewässert wird, verlangsamt den Prozess der Vergänglichkeit ebenfalls. Eine naturnahe, pflegeleichte Dauergrabbepflanzung hilft den Mikroorganismen im Boden deshalb, einen toten Körper zügig in den Kreislauf der Natur zurückzubegleiten, egal ob erd- oder feuerbestattet. Aber auch die sehr lebendige Tierwelt über der Erde freut sich darüber: Insekten etwa haben weit mehr von heimischen Dauerblühern als von exotischen Gewächsen aus dem Treibhaus. Die sind oft mit Pestiziden belastet und haben nur wenig Pollen oder Nektar zu bieten.

Nun verlangt unser Pietätsgefühl einen gewissen geordneten Anblick auf dem Grab. Es müssen aber bei weitem nicht immer Eisbegonien und Zierkoniferen sein. Viele Arten haben durchaus ihre Symbolik, sind wunderschön – und können gleichzeitig zu einer von Hummeln, Bienen und Schmetterlingen umschwärmten Oase werden: Von Schneeglöckchen bis Herbstaster, von Akelei bis Zitronenthymian gibt es viele Möglichkeiten ein Grab pietästvoll und naturnah zu begärtnern. Auch Frauenmantel und Lavendel eigenen sich, genauso Efeu, Gänseblümchen, Klee, Mohn oder Rosen.

Bei der Gestaltung der Grabstelle ist es außerdem wichtig, auf die Herkunft des Grabsteins zu achten. Viele Friedhöfe erlauben mittlerweile nur noch zertifiziert kinderarbeitsfreie Steine. Aber auch dann werden in den Ländern des globalen Südens Steine oft unter menschenunwürdigen und ökologisch katastrophalen Bedingungen abgebaut, außerdem kommt dann noch der lange Transportweg dazu. Grabsteine aus der Region sind die bessere Wahl – und zwar solche aus rauflächigem Naturstein. Auf glatt poliertem Marmor kann kein Moos, keine Flechte Fuß fassen. Grabsteine sind aber gerade für diese unscheinbaren und doch wichtigen Pflanzen ein perfekter Lebensraum.

Auch bei Kleinigkeiten geht es „nachhaltig“: Trauernachrichten können auf recyeltem oder FSC-zertifiziertem Papier gedruckt oder gleich online verschickt werden. Blumenschmuck fürs Grab sollte nicht aus Übersee kommen, sondern aus der Region. Tulpen, Glockenblumen, Rosen oder Winterjasmin, jede Jahreszeit hat etwas zu bieten. Wichtig ist auch, dass Kränze und Gestecke keine Kunstfaser oder Plastik enthalten.

Die Wahl des Bestattungsortes ist der letzte Punkt auf der Liste. Viele naturverbundene Menschen kommt da automatisch ein Friedwald in den Sinn. Von einem Baum in die Arme genommen und in die Ewigkeit begleitet zu werden ist für viele eine schöne Vorstellung, auch wenn der Gedanke, der Mensch und seine Teile würden sich dann in den Blättern des Baumes wiederfinden biochemisch nicht ganz so funktioniert. Ökologisch wichtig sind aber eher folgende Aspekte: Friedwälder sind oft weit weg – der örtliche Friedhof hat seine erprobte Infrastruktur, er ist jederzeit zu Fuß, mit dem Fahrrad oder öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen.

Und: Friedhöfe sind nicht nur Orte der Trauer, sondern auch per se gut für die Umwelt, vor allem, wenn sie mit vielen Hecken und alten Bäume bestanden sind. Sie kühlen die Luft, filtern Feinstaub, speichern CO2, produzieren Sauerstoff und lassen Regenwasser in den Boden sickern, das auf all den versiegelten Flächen sonst ungenutzt in die Kanalisation rauscht. In Städten bieten Friedhöfe Ausgleich zu Beton und Asphalt, in Dörfern sind sie Inseln in der intensiv genutzten Agrarlandschaft. Jeder Friedhof ist ein wichtiger Beitrag zum Erhalt unserer bedrohten Artenvielfalt, weil er vielen Tieren und Pflanzen ein Refugium bietet. All dies zu erhalten, dazu trägt bei, wer sich auf einem Friedhof bestatten lässt.

3 Gedanken zu „22.11. Sigrid: Grün bestattet

  1. Pingback: November-Blogaktion 2022: „Totenhemd“ trifft auf Prosa | Totenhemd-Blog

  2. Wenn man lebt, gibt es weit mehr an wichtigen Entscheidungen zu treffen als für den Tod. Aber auch da kann man es nachhaltiger oder nicht nachhaltiger machen. Aber eine ganz eindeutige Antwort gibt es nicht. Gibts ja nie. Wie sagt man: Einerseits wäre es alles ganz einfach. Wenn es das Andererseits nicht gäbe.

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  3. Liebe Sigrid, ich habe viel gelernt beim Lesen. Danke dafür! Und nun muss Jede und Jeder deine interessanten Ausführungen lesen! Ich denke wir sind alle auf einem guten Weg und dennoch gibt es viel zu tun, zu verändern, neu zu überlegen.

    Also eigentlich nicht verbrannt werden und damit kein Urnengrab? Ich glaub, wir müssen mal sprechen. Ich werde deinen Artikel ausdrucken und in mein „blaues Buch“ legen. Für alle Fälle.

    Auf bald.
    Herzlich. Petra

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