Bad Salzuflen

Herrmann blickte in den Garten, neben seinem stand Ingrids Sessel. Er dachte daran, wie sie sich zum ersten Mal begegneten und sich das erste Mal trennten ehe sie entschieden, ihr Leben miteinander zu verbringen.

Er war für seine erste Arbeitsstelle gerade erst in die Stadt gekommen. Seine Buchhaltungskenntnisse und eine Begegnung seines Vaters mit einem Steuerberater im Zug nach Bielefeld hatten dazu geführt, dass er eine Bewerbung als Bilanzbuchhalter zu Herrn Höckendorf nach Bad Salzuflen geschickt hatte. Und die Tatsache, dass sein Vater Herrn Höckendorf davor bewahrt hatte, in Bielefeld in den falschen Anschlusszug zu steigen, führte dazu, dass er bereits zwei Wochen später eine Zusage inklusive eines unterschriftsreifen Arbeitsvertrages erhielt. Ohne zu zögern oder noch einmal mit seinen Eltern darüber zu sprechen, unterzeichnete er und schickte den Vertrag an Herrn Höckendorf zurück. Er würde am ersten Juni bei Herrn Höckendorf für ein monatliches Gehalt von 460 Deutschen Mark als Bilanzbuchhalter anfangen – in Bad Salzuflen. Herrmann war noch nie dort gewesen, kannte, außer Herrn Höckendorf – und den auch nicht persönlich – niemanden, wusste nicht, wie er dort hinkommen sollte und schon gar nicht, wo er wohnen würde. Das Büro von Herrn Höckendorf lag in der Altstadt. Er musste Herrn Höckendorf, lange vor Google und seinen Maps, anrufen um herauszufinden, wie er dort hinkommen würde. Bei der Gelegenheit fragte er auch gleich, ob er eventuell irgendwo ein Zimmer anmieten könne. Herr Höckendorf beschrieb ihm den Weg vom Bahnhof, der zu Fuß etwa 10 Minuten dauerte und gab ihm die Telefonnummer seiner Schwiegermutter Frau Schleich, die ihm eventuell ein Zimmer in ihrem Souterrain vermieten könne, das Haus liege auf halben Weg zwischen Bahnhof und Büro. Nach einem Anruf bei Frau Schleich, die ihm das Zimmer für 60 Mark vermietete, informierte er seine Eltern und ging zum Bahnhof um eine Fahrkarte nach Bad Salzuflen zu kaufen.

Er hatte am ersten Juni seinen guten Anzug und die guten Schuhe angezogen und noch zwei Hemden eingepackt, die seine Mutter ihm vor seiner Abreise gekauft, gewaschen und gebügelt hatte. Neben seiner Nacht- und Unterwäsche, weiteren Hosen und Strickhemden, Rasierzeug und Zahnbürste hatte er auch seine Fußballschuhe ganz unten in die große Tasche gestellt und das Trikot seines bisherigen Vereins danebengelegt. Er war sehr früh losgefahren und stand pünktlich 15 Minuten vor Dienstantritt am Bahnhof in Bad Salzuflen. Mit Hilfe des Zettels mit der fernmündlichen Wegbeschreibung von Herrn Höckendorf ging er los und hatte nach etwa 13 Minuten das Gefühl möglicherweise doch einmal zu früh links abgebogen zu sein. Auf der anderen Straßenseite sah er Ingrid, deren Namen er damals selbstverständlich noch nicht kannte. Sie war offensichtlich auch auf dem Weg zur Arbeit, trug einen Rock und eine Bluse unter dem beigefarbenen Mantel und eine Brille, die ihr wenig schmeichelte, sie aber gebildet und zielstrebig aussehen ließ. Herrmann schaute lieber auf ihre Beine und hätte fast den Wagen übersehen, der durch die enge Straße fuhr. Nach dem vermiedenen Zusammenstoß sprang er auf den Bürgersteig vor Ingrid und wünschte ihr einen guten Morgen. Er stellte sich vor und entschuldigte sich für die Störung. Dann erzählte er, vielleicht etwas zu aufgeregt und stolz, von seinem anstehenden ersten Arbeitstag bei Herrn Höckendorf, nur um dann einräumen zu müssen, dass er den Weg dorthin nicht finde. Ingrid, die, wie sie sagte, Ingrid Oelmüller hieß, beschrieb ihm, dass er nur noch zwei Mal rechts abbiegen müsse und dann schon am Büro von Herrn Höckendorf, der übrigens ihr Patenonkel sei, wäre.

Er kam pünktlich bei Herrn Höckendorf an und zu seiner Überraschung besuchte Ingrid in der Mittagspause ihren Patenonkel. Das tat sie von da an jeden Dienstag und Donnerstag. Manchmal ging sie mit Herrn Höckendorf in einem nahe gelegenen Gasthof etwas essen, meist aber schlenderte sie, nach einer kurzen Unterhaltung mit Herrmanns Chef, mit dessen Sekretärin, Fräulein Siepe, in den Kurpark und sie aßen Brote, die sie morgens zu Hause vorbereitet hatten. Herrmann konnte in dem Haus von Frau Schleich eine kleine separate Küche im Souterrain mitbenutzen, die er sich mit einem weiteren Mieter eines Zimmers im Keller von Frau Schleich teilte. Dort machte er sich am Vorabend Pausenbrote, die er morgens nur noch einpacken musste und dann an seinem Schreibtisch aß, während er die Tageszeitung, die morgens zunächst Herr Höckendorf durchsah, las und anschließend Fräulein Siepe brachte. Bei einer dieser Gelegenheiten erzählte Fräulein Siepe von Ingrid. Sie arbeitete nicht weit von Herrn Höckendorfs Büro bei einem Rechtsanwalt, Herrn Dr. Schleich, dem Schwager von Herrn Höckendorf und dem Sohn von Herrmanns Vermieterin. Herrmann fragte, ob er denn Fräulein Siepe und Ingrid einmal in der Mittagspause begleiten dürfe, sie könnten doch gemeinsam ihre Brote essen. Fräulein Siepe würde Ingrid fragen und bereits am nächsten Donnerstag gingen die drei gemeinsam in der Mittagspause mit den Pausenbroten in der Hand in Richtung Kurpark. Herrmann erzählte von seinen ersten Wochen in Bad Salzuflen, seinen Aufgaben im Büro von Herrn Höckendorf und noch ausführlicher von seinen Einsätzen als Mittelstürmer bei seinem bisherigen Fußball-Verein, dem Gewinn der Meisterschaft im letzten Jahr und seiner Auszeichnung als Torschützenkönig. Fräulein Siepe erklärte nach wenigen Minuten, dass sie für Herrn Höckendorf noch etwas aus der Apotheke holen müsse und verabschiedete sich. Herrmann wunderte sich damals nicht, wie sie das in der Mittagspause erledigen konnte, wo doch auch die Apotheke, wie alle anderen Läden in der Stadt, erst um 14:00 wieder öffnete. Stattdessen erzählte er weiter von zu Hause und betrachtete Ingrids Beine. Auf dem Weg in den Kurpark gesehen hatte er gesehen, dass sonntagsnachmittags im Kurhaus ein Tanztee stattfand. Er hatte noch keine neue Mannschaft in Bad Salzuflen gefunden für die er spielen konnte, zudem war Sommerpause, so dass er Ingrid zum Tanztee einlud, was sie sichtlich erfreut und umgehend annahm.

Sie gingen dann jeden Sonntag gemeinsam zum Tanztee und als er Ingrid an einem Abend im August nach Hause begleitete, hatten sie sich zum ersten Mal vor dem Gradierwerk geküsst. Das taten sie von nun an regelmäßig wenn sie sich begrüßten und verabschiedeten und auch immer öfter dazwischen. Ingrid machte sich nicht mehr immer die Mühe den Rocksaum über ihre Knie zu ziehen um sie zu bedecken wenn sie gemeinsam auf einer Bank saßen. Einmal hatte Herrmann sich sogar getraut Ingrids Brust durch die geblümte Bluse, die sie an diesem Tag trug, anzufassen. Er war inzwischen Mittelstürmer des SC Bad Salzuflen und auf dem Weg auch in der neuen Saison bei seinem neuen Verein Torschützenkönig zu werden. Wegen des Trainings und der Auswärtsspiele sah er Ingrid außerhalb der inzwischen regelmäßig gemeinsam verbrachten Mittagspausen seltener. Ingrid mochte Fußball und Herrmanns Erzählungen davon immer weniger. An einem Mittag im Kurpark, sie saßen unter einem Baum der schon anfing sich herbstlich zu verfärben, sagte sie ihm deshalb, dass sie ihn, außer zufällig im Büro ihres Patenonkels, nicht mehr sehen wolle. Herrmann war bestürzt, irritiert, richtig sauer und in der Folge enttäuscht und tieftraurig.

Ingrid erhielt von nun an jeden Tag einen Strauß roter Rosen, genauer jeden Abend. Wenn sie aus dem Büro von Herrn Dr. Schleich kam stand auf der Kommode in der Diele täglich ein frischer Strauß roter Rosen, die ein Bote brachte, ihre Mutter für sie annahm und in eine Vase stellte. Inzwischen hatte ihre Mutter weitere Vasen angeschafft um die Blumen nicht wegwerfen zu müssen ehe sie wirklich verblüht waren und um den täglich neuen Strauß ebenfalls in eine Vase stellen zu können. Nach etwa 7 Wochen gab Ingrid auf und rief bei Frau Schleich an, um mit Herrmann zu sprechen. Er war mit seiner Mannschaft unterwegs, aber Frau Schleich versprach ihm auszurichten, dass er zurückrufen solle, was Herrmann noch am selben Abend tat. Ingrid wollte sich mit ihm treffen, was sie dann ebenfalls noch am selben Abend taten. Sie wollte keine Rosen mehr bekommen, nicht täglich, nicht wöchentlich und auch nicht monatlich, gar nicht mehr. Herrmann versprach, ihr niemals Rosen zu schicken und freute sich Ingrid wieder zu sehen, die einwilligte, wieder einmal mit ihm zum Tanztee zu gehen, wenn tatsächlich nie mehr Rosen geliefert würden. Während sich Herrmann auf den kommenden Sonntag freute, er seine Teilnahme an dem vorletzten Meisterschaftsspiel absagte, erhielt Ingrid weitere vier Sträuße roter Rosen. Sie trafen sich am kommenden Sonntag im Kurhaus, Herrmann war fröhlich und Ingrid ärgerlich. Er solle sofort damit aufhören rote Rosen zu schicken, das habe er versprochen. Er versicherte, keine geschickt zu haben, Ingrid kam ins Grübeln und in Tanzlaune. Im Laufe des Nachmittags erzählte sie Herrmann von der Mühe, die die Rosen ihrer Mutter machten, dass sie neue Vasen habe kaufen müssen und Herrmann erkannte, dass er einen Konkurrenten hatte. Von da trafen sich Ingrid und Herrmann wieder regelmäßig, sie gingen miteinander, wie man damals sagte und Herrmann brachte Ingrid einmal in der Woche Vergissmeinnicht mit. Die belasteten ihre Mutter nicht und gefielen Ingrid, wie sie versicherte, auch viel besser als rote Rosen. Die regelmäßige Rosenlieferung endete erst, nachdem sie ihre Verlobung in der LZ angekündigt hatten. Herr Dr. Schleich, Ingrids Chef, gratulierte ihr am gleichen Morgen, ließ sie wissen, dass er sich sehr für sie und darüber freue zukünftig eine deutlich geringere Rechnung bei Blumen Albrink zu haben. Herrmann und Ingrid heirateten einige Monate später. Herrmanns Schwiegereltern schenkten ihnen ein zwölfteiliges Service mit Goldrand und Vergissmeinnicht-Dekor.

Herrmann begann die Geschichte seinen Söhnen Peter und Kai zu erzählen, die ihm gegenüber auf der Couch saßen. Deren Partner räumten währenddessen das blaugeblümte Service vom Kaffeetisch ab, die Enkelkinder spielten im Garten. Der Pastor, den sie nach Ingrids Beerdigung noch zu Kaffee und Kuchen eingeladen hatten, war gerade gegangen.

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