Memento Mori – Die vierte Runde


Zur guten Tradition des Totenhemdblogs gehört es, dass das Team der Autorinnen miteinander redet: Übers Sterben, über den Tod, Bestattungsformen und -riten. Was uns eben gerade einfällt und bewegt.
Das Team hat sich in diesem Jahr erweitert, Sigrid und Juliane sind neu dazu gekommen. Es wird Zeit, diese Tradition wieder aufleben zu lassen, nicht an den alten Gesprächsfaden anzuknüpfen, sondern einen neuen zu spinnen.

Lutz: Ich wage mal einen Einstieg. Was mich im Moment sehr beschäftigt und was ich  in einem eigenen Beitrag hier im Blog zum Thema gemacht habe, ist ein aufgelassener Friedhof. Entdeckt habe ich ihn im Urlaub, ganz profan, indem ich auf Google Maps die als Sehenswürdigkeiten und Foto Hot Spots markierten Orte in erreichbarer Nähe unseres Ferienziels durchgestöbert habe. Old Cemetary stand dort. Das hat mich neugierig gemacht: Ein Friedhof, der keiner mehr ist, auf dem aber noch immer ein paar Grabsteine herumliegen, auch Reste steinerner, geöffneter Gruften, alles dem Verfall preis gegeben. Auch die Orte der Toten können also sterben, vor allem, wenn die Lebenden von dort vertrieben werden. Und 50 Jahre später kommen wir Touristen und fotografieren diesen Ein Lost Place der Lost Souls wie ein Schiffswrack, eine leere Fabrik oder eine Ruine eines Hauses. Eine sehr eigenartige Erfahrung.


Petra: Bringt mich zu dem Gedicht, das ich vorhin gelesen habe im Gedichtband der isländischen Steinunn Sigurdardottir “Nachtdämmern”. Es ist das erste Gedicht in diesem schmalen Band und es geht genau darum, dass Dinge wie z.B. die Regenwolke oder der Schluckauf oder die Kindheit, die frühe und die späte, endgültig vergehen.
“Das geht vorbei Das vergeht” … so beginnt die erste Zeile. Etwas später die Zeilen:
“und auch mein heller Ewigkeitsberg,
das ist das unglaublichste, vergeht
Die Insel auf der Insel versinkt in einem Meer aus Geröll”
und abschließend: “Das Vollbrachte Endgültige Ende der Ewigkeit”
Mir fallen weitere Begegnungen ein, z.B. die Ausstellung der indischen Fotografin Gauri Gill, derzeit in der Frankfurter Schirn zu sehen. Sie zeigt Fotos von Gräbern mitten in der Wüste Rajasthans, manchmal mit, manchmal ohne einen winzigen Grabstein, auf dem ein Name oder eine Zahl steht. Manchmal sind ein paar wenige Habseligkeiten des Verstorbenen dazugelegt. Auffällig sind die Steine und der Staub, die das Grab markieren … mit dem nächsten Wüstensturm sieht man wahrscheinlich etwas weniger von dem, was jetzt da NOCH liegt.
Über eine weitere “Begegnung” im spanischen Pavillon der Frankfurter Buchmesse berichte ich später oder in einem separaten Blogbeitrag.

Juliane: Warum sollen diese Orte nicht vergehen? Jedes einzelne Grab existiert immer nur für einen durch Verwaltungsakt bestimmten Zeitraum. In vielen Fällen wird schon nach Ablauf dieser Zeit kaum noch jemand da sein, der sich an die- oder denjenige/-n erinnert oder erinnern kann. Gräber sind keine Denkmäler und Friedhöfe auch nicht. Was wird aber aus einem aufgelassenen Friedhof? Eine Kirche wird entweiht und ist dann ein einfaches Gebäude. Ist ein Friedhof dann einfach eine Wiese und irgendwann ein Wald?

Sigrid: Hier bei uns in Hannover sind einige der ganz alten aufgelassenen Friedhöfe zu kleinen Parks geworden. Bäume und Grün, dazwischen steinalte Grabmäler auf denen man seinen Unterwegskaffee abstellen kann, drumherum Autoverkehr und das ganze Stadtleben.

Juliane: Schade, dass es dann erst lebendig wird. Ich habe einige Zeit in Kopenhagen gelebt. Dort wird auf Friedhöfen gepicknickt, dort spielen Kinder, es wird gesungen und gefeiert. Schöne, grüne und im Sommer kühle Orte, ganz nah bei den Lieben, die schon gegangen sind.

Foto: ©Paul Ventris

Petra: Ach! Das gefällt mir aber sehr, was du da schreibst, Juliane. Fahren wir mal hin nach Kopenhagen und gehen auf dem Friedhof picknicken? In Zürich gibt es auf dem Friedhof Sihlfeld ein großes Stück Wiese, auf dem man sich mit Picknickdecke und Proviant im Sommer aufhalten kann. Aber eher leise.

Sigrid: In Bergisch Gladbach gibt es auch so einen Friedhof, der genau das möchte: Leben und Begegnungen, “Gärten der Bestattung” heißt der. Im Sommer habe ich dort eine Lesung und Führung, bin schon sehr gespannt, wie er in live aussieht und wie die Atmosphäre ist.

Lutz: Vermutlich ist die Sache am Ende eher ganz profan. Abgesehen vom “Verräumen” der Toten (ich nenne das jetzt mal so) hat ein Friedhof ja eigentlich nur die Funktion, den Lebenden einen Ort der Erinnerung zu geben, er dient den Lebenden, den Hinterbliebenen mehr als den Toten. Und wenn in der Kultur der Lebenden Tod und Erinnerung einen anderen Stellenwert bekommen, ändert sich auch die Funktion von Friedhöfen und damit letztlich auch die Spielregeln, was dort gestattet ist und was nicht. Undenkbar hier in Oberbayern und auf dem Dorf allzumal, dass ein Friedhof auch ein Ort sein könnte, um ein Picknick zu machen. Hier muss alles aufgmaschelt sein, alles seine Ordnung haben, sich einem strengen Reglement unterordnen. Und wehe, wenn nicht…

Juliane: Braucht es Orte, um die Lieben oder eine Liebe zu erinnern? Erinnert man nicht gerade die toten und vergangenen am Besten, auch ohne Denk-, Grab- und Mahnmale? Und braucht es dazu einen Ort oder nicht viel mehr eine Lächeln, eine Geste, ein Geruch, der Gedanke an eine Situation, ein Gefühl, eine Verletzung, eine Freude? Und wer könnte sagen, wie man ‘richtig’ erinnert? Jede(r) für sich allein – wie sterben…

Lutz: Das ist eine schwierige Frage. Ich denke schon, dass viele Menschen diese ganz konkreten, festen Orte der Erinnerung brauchen, den Ort, wo man ganz bewusst hingehen kann, wenn einem danach ist. Vielleicht auch, um die Erinnerung nicht der Beliebigkeit und dem Zufall des Augenblicks preiszugeben, um sie festhalten zu können. Wenn ich mir vorstelle, wie viele Mühen in manchen Ländern gemacht werden (müssen), um Massengräber der Vergangenheit zu bergen, verscharrte Leichen zu finden (z.B. die Toten Spaniens während der Franco Diktatur) und wie wichtig das für die Angehörigen ist, zu wissen, wo ihre Toten sind, glaube ich: Ja. Viele Menschen brauchen dieses Wissen. Und diese Orte.

Sigrid: Ich finde eigentlich nicht, dass es dringend nötig ist, einen bestimmten Toten an einem bestimmten Ort zu lagern, um sich seiner zu erinnern. Ich denke öfter an meinen Vater als dass ich an seinem Grab bin. Mein Hund, oder besser die Urne mit Marys Asche, steht im Küchenregal. Dass ich sie vermisse, passiert in allen möglichen Situationen – aber nur selten bei der Küchenarbeit. Dass man sich am Grab einem Toten trotzdem irgendwie näher fühlt, liegt, glaube ich, nicht daran, dass die Leiche dort liegt. Sondern dass es einen Ort gibt, an dem wir stehen und an ihn denken können, abseits des Alltags. Die Atmosphäre auf einem Friedhof macht uns dafür empfänglicher, für diese Stimmung zwischen den Welten. Genau deshalb glaube ich auch, dass es gut ist, die Toten an einem zentralen Ort zu bestatten – damit es einen solchen Ort eben gibt, an dem man all das möglich ist.

Petra: Entschuldigt, ich brauchte Zeit zum Nachdenken. Mir fehlte Muße, um mich wieder neu einzulassen auf unser Gespräch. Interessant ist, dass ich nach dem Tod meines Vaters sehr oft an seinem Grab war in Bad Münster. Das war sehr wichtig für mich. Ich habe meistens etwas Schönes aus meinem Lieblingsblumenladen mitgebracht und dort gelassen. Ich fühlte mich für einen kurzen Moment mit ihm verbunden. Nun war ich ja fast vier Tage in der Heimat und mein Weg hat mich nicht zu seinem Grab geführt. Ich habe aber oft an ihn gedacht, während ich durch die Straßen Bad Kreuznachs schlenderte. Manchmal frage ich ihn in Gedanken: “Wie würdest Du entscheiden?” Es ist nicht mehr wichtig für mich, dass ich vor seinem Grab stehe. Je nach Situation kann ich mit ihm in Kontakt gehen.

Und nun komme ich noch einmal zum Anfang. Wir sprachen über das NICHTS, das entsteht über die Zeit; über das Vergängliche. Auf der Frankfurter Buchmesse entdeckte ich das Gedicht “La Vida” des spanischen Autors José Hierro (1922 – 2002 in Madrid). Ich habe nur einen kleinen und kurzen Eindruck geknipst. “Es ist so präzise aufgebaut, dass es in beliebiger Reihenfolge gelesen werden kann, ohne an Ausdruckskraft zu verlieren. Eine erleuchtende Leseerfahrung”, wurde auf der Hinweistafel erklärt.

Komplett ist es auf Spanisch im Internet zu finden, eine deutsche komplette Fassung habe ich nicht gefunden.

Wird fortgesetzt

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Allgemein von LP. Permanentlink.

Über LP

Mal böse, mal artig, mal bösartig. Satirisch, unabhängig, kritisch, motzig, ironisch - ganz wie es die Situation erfordert. Beobachtend, lauernd, zubeißend. Der will eben nur spielen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..