Null Uhr achtundfünfzig

Sie hatten schweigend zu Abend gegessen. Gerd hatte Strammen Max gemacht und einen Teller vor Evelyn gestellt, ehe er sich setzte und zügig begann sein Schinkenbrot mit Messer und Gabel in viele kleine mundgerechte Stücke zu teilen. Dabei achtete er penibel darauf, den Dotter des Spiegeleis, das darauf lag, nicht zu verletzten. Er schob es schließlich beiseite und aß es ganz zum Schluss, nachdem er es mit der Gabel angestochen hatte und kurz beobachtete, wie das orangefarbene dickflüssige Innere zäh auseinanderlief, ehe er es schnell erst auf die Gabel und dann in den Mund schob. Evelyn hielt Messer und Gabel in der Hand, hatte sie jedoch nicht benutzt, sondern schweigend und angewidert Gerd zugesehen, wie er das Brot sezierte, während ihre Portion unberührt vor ihr stand und kalt wurde. In dem Moment, in dem er genüsslich das angestochene Eigelb aß, begann sie ihn anzuschreien. Wie sehr sie es hasste, dass er immer wieder Strammen Max für sie machte. Dass er das Eigelb, das seiner Meinung nach Beste, wie im Ausverkauf bei Hertie, immer bis zum Schluss aufhob. Das Geräusch, das er machte, wenn er den Eidotter endlich in den Mund nahm. Gerd hörte ihr mit erschrocken aufgerissenen Augen zu, um dann ebenso lautstark zu erwidern wie abscheulich er es fand, dass sie Messer und Gabel nicht einfach in die Hand nahm, sondern an beiden Händen die kleinen Finger abspreizte, als sei sie zum Tee bei der Queen, nie anfing zu essen, ehe er fertig war, weil sie erst dem Dackel gut zuredete, der regelmäßig gefüttert wurde, bevor sie sich zum Essen setzen konnte. Nachdem sie sich nichts mehr zu sagen hatten und sich er Dackel in sein Körbchen unter der Treppe verkrochen hatte, sahen sie sich wieder wortlos an, bis Evelyn Gerds Anblick nicht mehr ertrug und aufstand. Sie begann den Geschirrspüler einzuräumen und klapperte mit Geschirr und Besteck während Gerd ins Wohnzimmer ging, eine Wagner-Arie anschaltete und seine Kopfhörer aufsetzte, um Monteserrat Caballé besser und Evelyn und das Geklapper nicht mehr zu hören. Dabei klopfte er immer lauter den Takt mit seinen Fingernägeln auf der Marmorplatte des Couchtisches mit, während Evelyn den Bratwender ein paar Mal gegen die Pfanne schlug, was Gerd wegen der Kopfhörer gar nicht mitbekam. Als der Geschirrspüler eingeräumt war, ging Evelyn mit entschlossen Schritten die Holztreppe hinauf ins Bad, schminkte sich ab und putzte ihre Zähne, um dann mit Ihren Akten ins Bett zu steigen und in Ruhe zu arbeiten. Gegen Mitternacht legte sie die Papiere auf den Nachttisch, löschte das Licht und nur wenige Augenblicke später kam auch Gerd ins Bett, so als hätte er vor der Tür darauf gewartet, bis sie die Lampe ausschaltete.

Er legte sich im Dunkeln neben Evelyn, die vorgab schon zu schlafen und Gerd tat, als würde er es glauben, um ihr keine gute Nacht wünschen zu müssen. Evelyn atmete weiter langsam und ruhig, während sie zuhörte, wie Gerds Atmung langsam ebenfalls tiefer und ruhiger wurde. Gerade als Evelyn begann sich zu entspannen, hörte sie ein erstes deutliches Schnauben neben sich und wie Gerd mit einem Schmatzen, bei dem sich seine Zunge vom Gaumen löste, er den Mund öffnete und sich anhörte, als würde er von einem weiteren Eigelb träumen, dann scheinbar kurz die Luft anhielt und heftig und deutlich hörbar mit einem Grunzen durch die Nase einatmete. Sein Schnarchen hielt sie inzwischen in den meisten Nächsten vom Einschlafen ab, da sie wegen ihrer Arbeit sonst regelmäßig später schlafen ging als er. Evelyn drehte Gerd den Rücken zu, lauschte den unregelmäßigen Geräuschen hinter sich und schreckte immer auf, nachdem sie kurz dachte, nun würde er Ruhe geben und dann doch nur ein paar Sekunden später immer noch einmal laut schnarchte. Nach jedem Schnarchen schaute Evelyn zu der Uhr auf ihrem Nachttisch, von der ihr in roten Ziffern entgegen leuchtete, wie wenig Zeit ihr in der Nacht noch zum Schlafen blieb. Schließlich setzte sie sich hin, schüttelte noch einmal ihr Kissen auf und starrte in die Dunkelheit, die die roten Ziffern übrig ließen. Dann schnarchte Gerd wieder, lauter als alle Male zuvor. Evelyn bemerkte einen Gedanken, der sich in ihrem Gehirn ausdehnte, hier und dort anstieß, immer wieder schnell die Richtung wechselte, lauter wurde und sie wartete angespannt darauf, was er auslösen würde. Sie sah rot auf dem Display ihres Weckers, dass es bei Gerds letzten Atemzug null Uhr achtundfünfzig war.

Mehr #BioBreakTexts auf https://einundzwanziguhr.blogspot.com/

2 Gedanken zu „Null Uhr achtundfünfzig

  1. Liebe Juliane, köstlich wie du genüsslich sezierst und schreibend zuschaust … ich kenne jemanden der isst genau so das Spiegelei :-). Den Schluss deiner Geschichte finde ich sehr gelungen … LG Petra
    PS: Wo kommt das Foto mit dem Hundekopf her? Erinnert mich an den Hund in der EZB als Video-Installation.

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