Über LP

Mal böse, mal artig, mal bösartig. Satirisch, unabhängig, kritisch, motzig, ironisch - ganz wie es die Situation erfordert. Beobachtend, lauernd, zubeißend. Der will eben nur spielen.

11.11. Lutz: Reisen mit leichtem Gepäck

„Das letzte Hemd hat keine Taschen,“ sagte er und wuchtete eine Kiste Rotwein in seinen auf den Tresen an der Kasse. Dort bezahlte er mit einem Lächeln einen Betrag, mit dem andere Leute durchaus einen Urlaub finanzieren würden und verließ das kleine Geschäft. „Und ein Totenhemd schon gar nicht!“
„Weißt Du“, hatte er ungefragt an der Kasse dem Inhaber, den er als Stammkunde schon lange duzte, erklärt: „Ich kann sowieso nichts mitnehmen auf diese Reise. Gar nichts. Zumindest nicht, was ich schleppen müsste. Nur das hier…“ Er klopfte liebevoll auf die hölzerne Kiste, „das will ich mir noch gönnen.“ Sein Grinsen war verschmitzt. „Das muss einfach sein!“
Bald schon würde er den ganzen Scheiß, der ihm auf die Nerven ging, hinter sich lassen und dann hätte er seine Ruhe. „Endlich!“
Er konnte es kaum erwarten.

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Der Tod wartet im Forst

Der nachfolgende Beitrag gehört zu den am häufigsten gelesenen Texten in meinem Blog. Vielleicht kennen Sie in bereits. Falls nicht, wiederhole ich ihn hier sehr gern, allerdings in textlich leicht gekürzter und geänderter Fassung:

Die Staatsstraße ST 2080 verbindet östlich von München die beiden oberbayerischen Gemeinden Ebersberg und Markt Schwaben. Eine merkwürdige Strecke. Dabei scheint an einem frühen Sommermorgen alles so idyllisch, so friedlich.

Doch der Schein trügt. Düsteres weiß man im Landkreis Ebersberg über den Ort zu berichten. Und nicht nur dort geht eine gruselige Geschichte um, die sich dort ereignet hat.

Denn einst hat es hier einen schweren Unfall gegeben und damit fing alles an. Nun ist der Totenhemdblog nicht unbedingt ein True-Crime-Blog, auch kein sensationsheischendes und -lüsternes Medium, Unglücksfälle und Geschichten von Mord und Totschlag zu kolportieren. Aber dieser spezielle Fall spukt noch immer in den Köpfen der Menschen in der Region umher. Und Halloween, Allerheiligen und Allerseelen steht vor der Tür, da darf es heute ruhig etwas creepy sein. Denn das  „spukt“ ist in diesem Fall wörtlich zu nehmen.

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Stephan Sulke: Heut‘ seid ihr alle eingeladen…

Stephan Sulke war immer so etwas wie ein Außenseiter und gleichzeitig einer, der sich nur schwer in irgendeine Kategorie stecken ließ. War er Liedermacher? Chansonnier, Schlagersänger?
Und überhaupt: Gibt es den überhaupt noch?
Ja, es gibt ihn noch, oder wieder. Zumindest gibt es eine offizielle Webseite von ihm, die – auch wenn ohne aktuelle Termine – ziemlich aktuell ist. Gelegentlich erscheint ein Tonträger von ihm, mittlerweile steht er kurz vor seinem 80ten Geburtstag. Den Höhepunkt seiner Karriere hatte er in den frühen 80ern, als die Liedermacher eine besonders gewichtige Rolle in der deutschen Populärmusik einnahmen. Aber so richtig gehörte er nie dazu – dazu war er nicht politisch genug, vielleicht ein wenig zu melancholisch, zu sentimental, zu nah am Schlager, zu oft auch in der Playlist der großen Radiosender, die Sulke spielten, aber nicht Wader oder Wecker. Vielleicht auch hatten die größten Erfolge Der Mann aus Russland und vor alle Uschi zu wenig Tiefgang, vor allem zweitgenannter Titel rückte ihn fast in die Ecke der klamaukigen Interpreten.
Der Mann aus Russland – soweit noch als Randbemerkung – hört sich über 40 Jahre nach seiner Entstehung befremdlich und kolossal naiv an. Und falsch noch dazu, weil Kiew und Minsk, von denen der besungene Mann als Stätten seiner Heimat so schwärmt, gar nicht zu Russland gehören.
Schlagersänger war Sukle aber auch nicht – zu düster teilweise die Texte, zu wenig Frohsinn.
„Meine Musik war immer eine Mischung aus Sarkasmus, Melancholie und etwas Blödelei“ charakterisierte er sein Schaffen einst in einem Interview.
Und so pendelte der Mann mit der überaus weichen, sanften Stimme zwischen den Genres, gewann das Herz vor allem weiblicher Fans wegen dieser Sanftheit und Einfühlsamkeit – und nicht zuletzt wegen eines sehr eigentümlichen Gesangstils, zwischen einzelnen Wörtern ganz kurze Pausen zu machen. Die waren nie so lang, dass sie den Takt gestört hätten, aber nie so kurz, dass man sie nicht bemerkt hätte – vor allem aber waren sie immer dort platziert, wo man sie nicht erwartet hätte; zumeist mitten in der Zeile. Das verschaffte der Musik einen Anstrich von Nachdenklichkeit, so als sinniere der Sänger darüber, ob er wohl die richtigen Worte gewählt habe, die er gleich ins Mikro singen würde.

1979 veröffentlichte Sulke seine vierte LP, die einfach nur seinen Namen Stephan Sulke 4. Darauf enthalten ist das Lied Heut seid ihr alle eingeladen.

Gibt es ein besseres Beispiel, um zu zeigen: Das ist nicht Schlager?
Wenn sich einer von seinen Feinden wie den Kameraden verabschiedet, sagt, er wäre gern noch geblieben, verlasse aber nun das Jammertal, dann ist – auch wenn es nicht explizit so gesagt wird – von einem Abschied auf Immer die Rede. Und damit ist mitnichten ein Ortsteil Solingens gemeint, der tatsächlich Jammertal heißt, sondern ganz der christlichen Tradition folgend das irdische Leben allgemein.
Wie Reinhard Meys Wie ein Baum, den man fällt war auch Sulke in den Dreißigern, als er das Lied schrieb und sang. Es erschien fünf Jahre nach Meys Gedanken zum Sterben. Das Thema lag wohl in der Luft.

Hier der Text:

Heut seid ihr alle eingeladen,
Wo seid ihr nur so lang geblieben?
Die Feinde und die Kameraden,
Mein Leben habt doch ihr geschrieben.

Heut seid ihr alle eingeladen,
Mir scheint ihr wollt schon von mir eilen.
Ihr zieht davon so wie Nomaden,
Wollt ihr nicht noch etwas verweilen.

Und ihr sollt froh sein,
Ich verlass das Jammertal.
Nur die Straßen und die Felder
Und die Städte und die Wälder
Und euch alle seh ich gern noch tausend Mal.

Heut seid ihr alle eingeladen,
Heut weckt der Frühling seinen Flieder.
Erzählt mir nochmals die Balladen,
Und singt mir nochmals meine Lieder.

Und ihr sollt froh sein,
Drüben sei ein besseres Land,
Nur die Schläge und die Kriege
Und die Zweifel und die Siege
Und die Hoffnung hab ich alle gern gekannt.

Heut seid ihr alle eingeladen,
Ich hab euch lang bei mir getragen,
Doch langsam reißt der letzte Faden,
Und ich hätt noch so viel zu fragen.

Heut seid ihr alle eingeladen …

Es ist ein Schnitter, der heißt Tod…

Passend zum heutigen Erntedank haben wir heute ein Gedicht von Clemens von Brentano (1778-1842) für Euch. Es zeigt allerdings eine ganz andere Perspektive auf das Erntedank-Fest, als man sie sonst zumeist einnimmt. Und wieder treffen wir auf den Schnitter, den Tod, der die Verbindung zwischen Erntedank und diesem Blog aufs Vortrefflichste herstellt.

Eventuell kennt Ihr das Gedicht auch aus dem Kluftinger Krimi Erntedank.

Es ist ein Schnitter, der heißt Tod…

Es ist ein Schnitter, der heißt Tod,
Er mäht das Korn, wenn′s Gott gebot;
Schon wetzt er die Sense,
Daß schneidend sie glänze,
Bald wird er dich schneiden,
Du mußt es nur leiden;
Mußt in den Erntekranz hinein,
Hüte dich schöns Blümelein!

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Wie man sich bettet…

Es ist mehrere Jahre her. Im Dezember 2013 schrieb ich für einen Blog einen Beitrag unter dem Titel Wie man sich bettet…

Es ging damals um eine sehr merkwürdige Marketingaktion eines polnischen Sargherstellers, der seine Produkte mit Pi-Up-Kalendern bewarb.

Der Zufall wollte, dass ich an diesen alten Beitrag erinnert wurde – und ich wiederhole ihn daher in aktualisierter Form an dieser Stelle:

Wie man sich bettet, so liegt man!
Sicher kennen Sie diesen Spruch.

Wie man gebettet wird, so liegt man!
Damit ist auf die letzte Ruhestätte angespielt, vor allem aber auf die Kiste, in die man gelegt wird: Den Sarg.

Nun ist Sarg nicht gleich Sarg, die Konkurrenz ist groß. Da müssen sich die Hersteller schon einiges einfallen lassen, damit ihr Modell von Bestattern bevorzugt ver- und von Hinterbliebenen ge-gauft wird; nur damit die Kiste umgehend gut gefüllt verbuddelt oder verheizt wird.
Der polnische Sarghersteller Lindner, einer der größten seiner Zunft, nimmt seit Jahren zur Befeuerung seines Geschäfts unverkennbar Anleihe am italienischen Reifenhersteller Pirelli: Er kalendert.
Während sich bei Pirelli fast nackte weibliche Wesen zur Bewerbung der Produkte in lasziver Weise auf den Hauben ps-starker Boliden räkelten, finden sich vollbusige Schönheiten (oder solche, die sich dafür halten) in ähnlichen Posen an oder auf…
Na?
Richtig: Auf Särgen.

kalender

 

 

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Auf Felsen errichtet: Der kleine Friedhof von Andratx

Wehrhaft steht sie da, die alte Kirche Stanta Maria d’Antradtx, fast ein wenig Abseits vom Zentrum des kleinen Ortes, der kaum 12.000 Einwohner hat. Über der Stadt thront sie und zeugt von der Geschichte dieses Städtchens, das sich zahlreicher Anstürme nordafrikanischer Piraten erwehren musste, denn Antradtx liegt am westlichen Ende der Ferieninsel Mallorca. Ein gutes Stück muss man hinein von der Küste und hinter Andratx türmen sich die Berge auf.

Zwischen der Kirche und den Bergen liegt der kleine Cementeri Municipal d’Andratx, der städtische Friedhof, etwa 8.500 qm groß bzw. klein, Weiterlesen

Darf man einem Menschen den Tod wünschen? — Pilgerin Belana Hermine

Ein spannendes Thema und eine brisante Frage, Dem wollen wir uns hier im Blog sicher auch noch widmen.

Grundsätzlich darf man sich vielleicht erstmal alles wünschen, solange man nicht direkt zur Umsetzungstat schreitet. Wenn man sich den Tod eines Menschen wünscht, dann fällt er ja dadurch nicht gleich tot um. Aber was sagt das über einen selbst aus? Möglicherweise muss man hier auch wieder ein bisschen differenzieren. Warum wünscht man sich das? Wenn […]

Darf man einem Menschen den Tod wünschen? — Pilgerin Belana Hermine

Der Tod z‘ Äding

Sssssssssssssssssssst.
Scharf saust die Sense durch das hohe Gras, sie schneidet die Halme, legt sie um. Der Schnitter verrichtet ganze Arbeit. Als Erntehelfer verdingten sich Schnitter vor der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert bei der Feldarbeit. Was heute die Mähdrescher verrichten, war einst schwere Handarbeit: Sensen, Garben binden, dreschen.

Vagabunden und Tagelöhner zogen über die Lande, boten ihre Dienste an, blieben zur Ernte und zogen dann weiter.
Seit dem Mittelalter steht der Schnitter aber auch als Bild für einen ganz anderen Gesellen: Den Sensenmann, den Gevatter Tod. Das kommt nicht von ungefähr, greift es doch auf das biblische Bild aus Jeremia 9,19ff zurück. Dort heißt es: „Ja, höret, ihr Frauen, des HERRN Wort, und nehmt zu Ohren die Rede seines Mundes! Lehrt eure Töchter klagen, und eine lehre die andere dies Klagelied: 20 »Der Tod ist zu unsern Fenstern hereingestiegen und in unsere Paläste gekommen. Er würgt die Kinder auf der Gasse und die jungen Männer auf den Plätzen.« 21 So spricht der HERR: Die Leichen der Menschen sollen liegen wie Dung auf dem Felde und wie Garben hinter dem Schnitter, die niemand sammelt.“
Unzählige Bilder und Skulpturen stellen den Tod als fahlen Mann dar, der mit der Sense über das Land zieht – seit dem Mittelalter quer durch alle Stilrichtungen bis hinein in die Gegenwart und Popkultur. Das Motiv fand Eingang auch in die Musik, Literatur, Comics, Computerspiele  und Filme. Der Sensenmann oder sein englischer Kollege, der Reaper, ist ein ikonographisches, allgemein verständliches Bild. Weiterlesen

Der Greif und ich, wir sehen uns immer wieder – Teil 3

Teil 1 hier
Teil 2 hier
Teil 3 hier

Ein fauler Hund war ich ja – oder ein effizient planender. Denn als es in den guten alten 80ern darum ging, in einem Seminar an der Uni ein Referat zu halten, erinnerte ich mich an den guten alten Gryphius.

Denn in der Lehrveranstaltung Das geistig Lied von der Reformation bis in die Zeit des Pietismus hieß es schnell und unaufgeregt ein Scheinchen abzugreifen, eines, das mir noch zum Examen fehlte.
Nicht aber mit dem Wust an Liedern Luthers oder dem frommen Gesang der pietistischen Schwaben wollte ich das erreichen. Gryphius musste her – denn der war der einzige, der im damals im Gebrauch befindlichen Gesangbuchs nur ein einziges Text zu einem Lied beigesteuert hatte. Das fand ich enorm spannend. Zudem nichts Lateinisches oder Griechisches. Wollte ich also Gryphius analysieren und historisch einordnen, konnte ich auf eine überschaubare Anstrengung hoffen. Seinen Lebenslauf betrachten, Ereignisse daraus zur Textinterpretation heranziehen und vor allem Gryphius mit sich selbst, also den mir bekannten Sonetten vergleichen. Ein wenig auf die anderen Barockdichter schielen – fertig.
Um der Fülle der potentiellen Referent*innen Herr zu werden, fra Weiterlesen

Welttag der Fotografie 2022 – Eine kleine Bildmeditation zum Thema „Tod und Vergänglichkeit“

Heute, am 19. August 2022 ist wieder Welttag der Fotografie, wie bereits 2021 möchte ich diesen Tag nutzen und eine kleine Galerie an Fotos zu präsentieren. Es ist wieder eine Art Bildmeditation, dieses Mal aber keine kleine Reise durch die Tiefen meines Archivs sondern eine Wanderung ganz dicht an der Oberfläche, kein Bild ist älter als aus diesem Jahr. Einen Teil der Fotos habe ich hier schon gezeigt, dann als Illustration zu diversen Blogbeiträgen, einige Bilder werden in späteren Beiträgen erst in ihren Zusammenhang gerückt. Zu diesen Fotos gibt es Geschichten, Gedanken, Erlebtes davon werde ich in den kommenden Monaten hier erzählen.

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