Über LP

Mal böse, mal artig, mal bösartig. Satirisch, unabhängig, kritisch, motzig, ironisch - ganz wie es die Situation erfordert. Beobachtend, lauernd, zubeißend. Der will eben nur spielen.

Reinhard Mey: Wie ein Baum, den man fällt

Was bringt einen 32jährigen dazu, Lieder über das eigene Sterben zu schreiben und zu singen? Was, sich zu wünschen, wie es denn sein soll, wenn man gehen muss?
Ja, die Gedanken sind verständlich, auch der Wunsch, sich die Art und Weise des eigenen Todes aussuchen zu können und sich im Hier und Jetzt vielleicht ein wenig romantisch verklärt auszumalen, was dann passieren könnte und wie man das empfindet.
Wie gehen, wenn man gehen muss – das beschäftigt viele Menschen, mich eingenommen. Aber ich denke, als ich 32 war, stellte sich mir die Frage nicht.
Das Lied aber, um dass es hier geht, das kannte ich. So wie viele deutschsprachigen Lieder, die in den 70ern und frühen 80ern entstanden. Denn es war die ganz große Zeit der Liedermacher. Die Szene speiste sich aus Polit- und Protestsängern, aus Bänkel- und Blödelbarden, aus Poeten und Literaten, Kabarettisten, Deutschrockern und Chansonniers. Singer Songwriter würde man heute wohl zu den meisten sagen.
Schlagersänger versuchten sich mit Ernsthaftigkeit, mit echten Gefühlen weit jenseits der Herz-/Schmerz Romantik und Lyrik der ZDF Hitparade.

Ihre Namen: Georg Danzer, Wolf Biermann, Konstantin Wecker, Franz-Josef Degenhardt, Erika Pluhar, Dieter Süverküp, Hans Scheibner, Hannes Wader, Bettina Wegner, Ina Deter, Hermann van Veen, Klaus Hoffmann, Andre Heller, Stephan Sulke und eben Reinhard Mey.

Weiterlesen

One year ago – Ein Jahr wie eine Ewigkeit?

One year ago – Ein Jahr wie eine Ewigkeit?
Mitnichten.
Ja, ein Jahr ist um, aber kein Jahr wie eine Ewigkeit. Und wer in den Tiefen seiner Erinnerung kramt und im vorgerücktem Alter ist, wird zu der Überschrift vielleicht den markanten Sprechgesang von Falco heraushören, es sind die ersten beiden Zeilen aus Coming Home (veröffentlicht 1986). Hier aber geht es nicht um Falco, hier geht es um mein erstes Jahr als Autor in diesem und für diesen Blog.
Das erste Jahr, in dem ich hier mitarbeitete, ist um. 34 Beiträge sind es geworden, seit ich meinen ersten am 26.07. 2021 unter dem Titel Ich bin der Neue veröffentlicht habe.

Das Jahr ist wie im Flug vergangen, was jetzt nicht nur etwas mit der Mitarbeit in diesem Blog zu tun hat, aber darauf möchte ich mich an dieser Stelle begrenzen. 2021 dachte ich an ein bis zwei Beiträge pro Monat, es sind mehr geworden. Mittlerweile ist das Team, das hier schreibt, ein Vierergespann; da heißt es, Absprachen zu treffen, idealerweise feste Tage (ich hocke i.d.R. jetzt auf dem Freitag) und ein wenig Themenplanung, um die Mischung der Beiträge und damit die Abwechslung sicherzustellen. So langsam kristallisiert sich für mich ein fester Rhythmus heraus. Alle 14 Tage freitags morgens, könnt Ihr mit etwas Neuem von mir rechnen. Vielleicht wird es auch hin und wieder außer der Reihe weitere Beiträge geben, dann aber auch freitags morgens.
Wohin die Reise gehen wird, das konnte ich vor einem Jahr nur spekulieren. Ich schrieb: „Themen und Ideen gibt es reichlich, von vielen Friedhofsspaziergängen angefangen über so „neumodischen Kram“ vom Umgang mit dem Tod in digitalen, sozialen Netzwerken bis hin zu sehr individuellen Gedankenflüssen, die einfach so in die Tastatur fließen.“ Weiterlesen

World Drowning Prevention Day – ein paar Gedanken

Am 25. Juli 2022 ist wieder der World Drowning Prevention Day, der Tag, an dem nicht nur der der vielen Ertrunkenen gedacht wird sondern an dem auch umfangreiche Maßnahmen gefordert werden, Menschen vor dem Tod durch Ertrinken zu bewahren. Wohlgemerkt: Es geht dabei nicht um die Tausende Toten, die bei ihrer Flucht in den Meeren der Welt umgekommen sind, auch nicht um die Toten in Folge von Flutkatastrophen. Es geht um Menschen, die bei Schwimm- und Badeunfällen ertrunken sind. Hier fordert die Weltgesundheitsorganisation WHO gezielte Maßnahmen, allem voran natürlich, dass es ein funktionierendes System des Angebots von Schwimmunterricht gibt, dazu die Absicherung von Gewässern.

Um das einzuordnen: 2021 sind lt. DLRG Statistik in Deutschland mindestens 299 Menschen bei Badeunfällen zu Tode gekommen, so wenig wie seit Jahren nicht, was allerdings dem eher schlechten Sommer geschuldet ist, 85 Prozent davon in Seen und Teichen, überwiegend Männer Ü50 – eine Mischung aus Selbstüberschätzung, nicht selten in Kombination mit Alkohol, aber eben auch in Folge von Herzinfarkten, Krämpfen etc.
Dieses Jahr dürfte die Statistik etwas anders ausfallen, allein, was ich in den vergangenen Wochen an Meldungen über Badeunfälle gelesen habe, ist enorm.

Warum erwähne ich das Thema hier?

Weiterlesen

Der alte Friedhof im einstigen Mallertshofen

Ist es Zufall?
Es scheint, als habe ich ein ganz besonderes Talent, einen Ort nach dem anderen anzusteuern, in denen Ortschaften verschwunden, die Kirche und der Friedhof drum herum aber erhalten geblieben sind.
St. Martin, die alte Kirche von Mallertshofen gehört ebenso dazu wie St. Clemens in Oberberghausen oder Heiligkreuz in Fröttmaning. Während die letztgenannten Orte jedoch wirtschaftlichen Interessen weichen mussten, ist Mallertshofen „einfach so“ von der Landkarte verschwunden – der verheerende Dreißigjährige Krieg war der Auslöser einer nicht endenden Abwanderung bis im 19. Jahrhundert die letzten Bauern ihre Höfe verließen. Zurück bliebt eine Wüstung. Und die Kirche.

Nun steht die Kirche da inmitten eines Naturschutzgebiets, dem Mallertshofer Holz und der Heiden, ganz in der Nähe des kleinen Mallertshofer Sees auf dem Gebiet der heutigen Gemeinde Oberschleißheim. Weiterlesen

Der Greif und ich, wir sehen uns immer wieder – Teil 2

Teil 1 hier
Teil 2 hier

Das Leiden und die Qual hatten einen Namen: Latein. Und wenn ich ehrlich bin noch einen weiteren dazu: Altgriechisch. Dem Erlernen dieser Sprachen konnte ich nie viel abgewinnen, der Nutzen, den ich daraus gezogen habe, hält sich in Grenzen, allen Befürwortern humanistischer Bildung zum Trotz. Denn was immer ich von Platon, Flavius Josephus, Augustin oder sonstwem zu lesen hatte: Ich gebe es unumwunden zu – ich habe mich immer auch der deutschen Übersetzungen bedient.
Man kann auch Albert Camus‘ Mythos von Sisyphos zum Examensthema angeben, ohne einen Satz Französisch zu sprechen. Ich bin der Beweis: Es geht. Mögen auch alle, die unentwegt predigen, jede Übersetzung sei zugleich Interpretation sich jetzt die Haare raufen. Die Camus-Prüfung lief bestens – auf Deutsch. Denn es ging nicht um die Philologie sondern um die Philosophie. Was ein bedeutender Unterschied ist, wie man schon am Wort erkennen kann.
Und das ist dann auch das Einzige, weshalb sich die alten Sprachen doch gelohnt haben: Fremdwörter entschlüsseln, von denen man noch nie gehört hat, weil man sie einfach übersetzen kann. Und Namen, denn die Leidenschaft des Humanismus, seine Namen zu latinisieren oder graezisieren, um sich einen entsprechend hohen Bildungsanstrich zu geben, trug ganz zauberhafte Blüten. So wurden aus der Familie Fuchs die Vulpius, aus dem Schwarzbauch der Melanchthon und der schnöde Neumann nannte sich Neander und das Tal entsprechend gleich mit. Das ist irgendwie ganz schön entlarvend. Weiterlesen

Memento Mori: Die vierte Runde

Petra: Hallo Lutz, aber klar werde ich aus Cornwall bzw. Dessau berichten: ich werde nach Friedhöfen suchen … auch bei Rosamunde Pilcher wurde gestorben, nehme ich an. Bin schon sehr gespannt. Ich war weder in Cornwall noch in Dessau bisher. Neben der Bauhauskunst in Dessau werde ich sicher einen Friedhof entdecken. Ich schaue mal – auch wo mich das Schreiben hinbringt.
Heute am 3. Mai starte ich bereits die Fortsetzung unseres Gesprächs. Mein Vater hätte heut Geburtstag gehabt und wäre 95 geworden. Er wurde stattliche 87 Ich hab ihn heut um Rat gefragt: „Na, was würdest du tun? Wie würdest du entscheiden?“ Und dann spüre ich in frühere Gespräche mit ihm und erahne eine Antwort. „Du machst das schon“, höre ich aus der Ferne.

Sprichst Du mit „deinen“ Toten?

Weiterlesen

Im Süden – Ein wenig Werbung für mein Buch kann nicht schaden…

Zugegeben – es fällt mir ein wenig schwer, Werbung in eigener Sache zu machen, ist diese doch zumeist gekoppelt mit viel Lob über sich selbst und Eigenlob hat bekanntlich einen etwas herben Geruch. Andererseits gehört Trommeln nun mal zum Geschäft, und wer viel Geld in ein (semi)professionelles und kommerzielles Projekt steckt, möchte natürlich am Ende des Tages nicht auf allen Kosten sitzen bleiben. Darum erlaube ich mir mit Petras Zustimmung ein wenig Werbung in eigener Sache.
Nicht für mich, aber für mein jüngstes Projekt: Das Buch Im Süden – Bilder eines guten Jahres.

Weiterlesen

Who wants to live forever?

Wein steht auf dem Tisch; und Bier.
Erinnerungen wabern durch den Raum, das Gespräch kreist um die Musik der späten 70er und frühen 80er. Es wird immer wieder unterbrochen, wenn ein neuer Song ausgewählt wird, aus der JBL Bluetooth Box dröhnt es, der Algorithmus von Youtube schlägt Unsägliches vor – und Geniales.
Angefangen hat alles mit Iggy Pops neuem Song Love Missing.

Da hätte es noch anders laufen können. Tat es aber nicht, zu sehr erinnerte mich dieser Song an Joy Division, damit an eine wilde Zeit und das brach die Dämme. Wir sprachen von Ian Curtis, der sich 1980 im Alter von nur 26 Jahren erhängte. Und von da war es kein weiter Bogen mehr sich zu erinnern, welche genialen Sängerinnen und Sänger dieser Zeit schon tot sind:

Weiterlesen

Der Tote von Essing

Essing ist eine kleine Gemeinde in Niederbayern, irgendwo auf der halben Strecke zwischen Regensburg und Ingolstadt, kaum 1.200 Menschen leben dort an der Altmühl. Essing ist ein Ort, der vor allem wegen eines spektakulären Leichenfundes bekannt ist – das aber vornehmlich in Fachkreisen.
Man weiß wenig über den Toten und doch hat die Wissenschaft in den letzten Jahrzehnten erstaunliche Fortschritte gemacht, so dass man heute mit Sicherheit sagen kann:
Es handelt sich um eine Männerleiche, ein Mensch, der mit hoher Wahrscheinlichkeit eines natürlichen Todes gestorben ist, der 1,63 cm groß war, braune Augen und einen braunen Teint hatte und vermutlich schwarze Haare. Das alles hat die DNA-Analyse ergeben. Strontium- und C14-Methodik verraten noch mehr: Der Mann hat sein ganzes Leben in der Region des Altmühltals verbracht, die Strontium-Einlagerungen in seinen Kieferknochen lasswn darauf schließen, dass er die Gegend nie verlassen hat. Gestorben ist er im Alter von etwa dreißig oder vierzig Jahren.
Es ist erstaunlich und höchst beeindruckend, was alles über diesen Mann in Erfahrung gebracht wurde, von dem nichts weiter erhalten ist als ein nahezu vollständiges Skelett.

Weiterlesen

Der Greif und ich, wir sehen uns immer wieder – Teil 1

Es war dieser Moment, in dem einer Horde Teenager die Gesichtszüge entglitten. So auch mir. Viele Jahre ist es her, genau genommen in den frühen 80ern des vorangegangenen Jahrhunderts, da offenbarte uns unser Deutsch-Leistungskurslehrer, dass er den Lektürekanon des vor uns liegenden Halbjahres einfach ignorieren würde und uns statt dessen die barocke Lyrik näherzubringen gedachte – so auch einige ausgewählte Sonette von Andreas Gryphius, Paul Fleming, Simon Dach und anderen.

Niemand – ausnahmslos niemand – hatte zuvor von Gryphius gehört, hatte Interesse an Barock oder an Lyrik. Wir alle hatten auf einen modernen Autor gehofft, zumindest einen Klassiker der Gegenwartsliteratur: Brecht, Dürrenmatt, Frisch, Böll.
Egal.
Hauptsache: Was Politisches, bitte möglichst gegen Krieg und Faschismus, für Frieden und Freiheit.
Statt dessen Gryphius. Und zack, da lagen sie: Die Kinnladen auf den Tischen ringsum. Wir alle hatten ja keine Ahnung…

Weiterlesen