Der Greif und ich, wir sehen uns immer wieder – Teil 1

Es war dieser Moment, in dem einer Horde Teenager die Gesichtszüge entglitten. So auch mir. Viele Jahre ist es her, genau genommen in den frühen 80ern des vorangegangenen Jahrhunderts, da offenbarte uns unser Deutsch-Leistungskurslehrer, dass er den Lektürekanon des vor uns liegenden Halbjahres einfach ignorieren würde und uns statt dessen die barocke Lyrik näherzubringen gedachte – so auch einige ausgewählte Sonette von Andreas Gryphius, Paul Fleming, Simon Dach und anderen.

Niemand – ausnahmslos niemand – hatte zuvor von Gryphius gehört, hatte Interesse an Barock oder an Lyrik. Wir alle hatten auf einen modernen Autor gehofft, zumindest einen Klassiker der Gegenwartsliteratur: Brecht, Dürrenmatt, Frisch, Böll.
Egal.
Hauptsache: Was Politisches, bitte möglichst gegen Krieg und Faschismus, für Frieden und Freiheit.
Statt dessen Gryphius. Und zack, da lagen sie: Die Kinnladen auf den Tischen ringsum. Wir alle hatten ja keine Ahnung…

Und kaum, dass sich der versammelte Kurs von der Fassungslosigkeit einigermaßen erholt und die rebellische Motzigkeit ein wenig verklungen war, wurden die Textblätter ausgeteilt. Damals noch auf Matritze getippt und mit dem Blaudrucker auf gelbliches Papier gedruckt.
Die ersten warfen Blicke auf die Verse, ablehnendes Gestöhne samt genervter Gesichtsausdrücke machten sich erneut breit. Nicht, dass irgendjemand von uns etwas mit diesem Text anfangen konnte, geschweige denn, die barocke Sprache goutierte.
Was soll das? Wen interessiert das?

Es ist alles eitel

Du sihst/ wohin du sihst nur Eitelkeit auff Erden.
Was dieser heute baut/ reist jener morgen ein:
Wo itzund Städte stehn/ wird eine Wiesen seyn/
Auff der ein Schäfers-Kind wird spielen mit den Herden.

Was itzund prächtig blüht/ sol bald zutretten werden.
Was itzt so pocht vnd trotzt ist morgen Asch vnd Bein/
Nichts ist/ das ewig sey/ kein Ertz/ kein Marmorstein.
Itzt lacht das Glück vns an/ bald donnern die Beschwerden.

Der hohen Thaten Ruhm muß wie ein Traum vergehn.
Soll denn das Spiel der Zeit/ der leichte Mensch bestehn?
Ach! was ist alles diß/ was wir vor köstlich achten/

Als schlechte Nichtigkeit/ als Schatten/ Staub vnd Wind;
Als eine Wiesen-Blum/ die man nicht wider find’t.
Noch wil was ewig ist/ kein einig Mensch betrachten!

Und wie meistens in solchen Fällen suchte der Lehrer Unterstützung bei den Kursbesten, den Einserkanditaten. Während sein Blick die Reihen streifte und wir alle betreten zu Boden schauten – bloß kein Augenkontakt – wanderten die übrig gebliebenen Textblätter zum Pult zurück. Und dann kam, was ich befürchtet hatte. Er rief mich auf mit den Worten: „Lesen Sie das mal laut vor, sie können das wenigstens!“
Das passierte regelmäßig. Und es war Lob und Fluch zugleich. Denn ich gehörte zu denen, die Texte, auch unbekannte, laut und gut modelliert lesen konnten. Darauf bildete ich mir sogar ein wenig was ein. Und wäre ich nicht stets so ein fauler Hund, was das Auswendiglernen betrifft, vielleicht wäre ich ein guter Rezitator klassischer Lyrik geworden. So blieb es beim Leser und gelegentlich Vorleser.
Aber es war auch ein Fluch, dass ich vorlesen musste. Denn damit war ich natürlich fein raus, noch irgendetwas zum Text sagen zu müssen. Keine Analyse, keine Frage beantworten. Nichts. Das wussten auch die anderen, die darin eine gewisse Bevorzugung sahen, und Schleimerei, war ich ein Günstling in diesem Moment? Ich denke schon.
Die anderen mühten sich ab, fanden den Schlüssel erst, als geklärt war, dass Eitelkeit überhaupt nichts mit der heutigen Bedeutung zu tun hatte sondern ein Synonym für Vergänglichkeit war. Das erhellte das Verständnis ein wenig, aber was bitte sollte eine Schulklasse 17- und 18jähriger Gymnasiasten bitte daran spannend finden?

So richtig fand auch ich keinen Zugang zu dem Text, auch nicht zu den anderen Sonetten  die folgen sollten. Oder: Es interessierte mich nicht. All das war viel zu weit weg von meiner Lebenswirklichkeit: Tod und Vergänglichkeit, die Wertlosigkeit alles Strebens, das doch zu nichts führt. Was ging mich das an? Was sollte ich mir darüber Gedanken machen?

Letztlich aber war das egal, ich hatte ja meinen Beitrag geleistet. Und als Vorleser war ich eines ums andere mal gesetzt. Nur selten bedurfte es da weiterer Wortmeldungen.
Wie konnte ich ahnen, wie oft mir Gryphius im Leben noch oft begegnen würde?

Wird fortgesetzt.

Die Schädel in der Asamkirche

Schädel in der Asamkirche

An einem freien Freitag Ende im März, nehme ich mir Zeit, in München den Touristen zu spielen. Was heißt: Ich schnappe meine Kamera und streune durch die Fußgängerzone der großen Stadt. So ganz genau weiß ich noch nicht, was ich eigentlich fotografieren will. Ist aber auch egal, ich lasse mich treiben. Der Blick schweift nach links, nach rechts, ich laufe über die Kaufinger Straße, den Viktualienmarkt, die Sendlinger Straße herunter.
Das ist dann der Punkt, an dem ich entscheide, in die Asamkirche zu gehen und dort wie ein Irrer zu fotografieren. Weiterlesen

Was wurde aus den Birken von Birkenau? abc-etüde (Sachtext)

Gestern entdeckte ich Gerdas Text, den ich hier rebloggen darf. Lies mal.

Vielleicht hast Du Lust in Berlin auf die Suche zu gehen und das Birkenwäldchen oder zumindest einige von den Birken zu finden in der Hauptstadt. Lass es uns wissen, wenn du sie findest.

Im Interview mit dem Künstler las ich, dass es wohl auch Birken in Hongkong zu entdecken gibt. Da freut mich.

Wir sollten sowieso ganz viele Bäume pflanzen!

Habt einen schönen Tag.

GERDA KAZAKOU

https://365tageasatzaday.wordpress.com/2022/03/20/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-12-13-22-wortspende-von-ich-lache-mich-gesund/

abc.etüden 2022 12+13 | 365tageasatzaday

An einem trüben Berliner Apriltag des Jahres 2012 pflanzten junge Menschen im Rahmen einer Kunstaktion junge Birken ein. Eigentlich wollte der polnische Künstler Lukasz Surowiec, der 320 Stecklinge „aus einem Boden, der die Spuren unzähliger Toter trägt“, ausgegraben hatte, in Berlin ein Erinnerungs-Birkenwäldchen pflanzen. Doch es fand sich kein Platz. Also pflanzte man hier und dort. Junge Birken aus Auschwitz-Birkenau. Aus der Aue mit den Birkenwäldchen.

Was wurde eigentlich inzwischen aus den Birken aus Birkenau? fragte ich mich und begann zu recherchieren.

Eine Pflanzung wurde gleich verwüstet, die Bäumchen ausgerissen, die Hinweistafel entfernt. Zwei Jahre später pflanzten junge Menschen dort erneut Birken aus Birkenau. An anderen Stellen wuchsen die kleinen Birken friedlich heran. Sie wurden, wie sich der Künstler erträumt hatte,  „zu einem lebendigen Archiv, das etwas Wachsendes und Atmendes in die Stadt trägt“.  Sie verströmen nun ihren blumigen Duft, entgiften die Berliner Atmosphäre und vielleicht…

Ursprünglichen Post anzeigen 143 weitere Wörter

Wolfgang Borchert: Dann gibt es nur eins!

Vielleicht passt er nicht hierher, vielleicht doch. Vor einigen Tagen stieß ich mal wieder auf Wolfgang Borcherts Text „Sag nein!“. Borchert, geboren 1921, Teilnehmer des Zweiten Weltkriegs, floh 1945, nachdem er in Kriegsgefangenschaft geraten war, bei der Überführung nach Frankreich, schlug sich 600 Kilometer zu Fuß nach Hamburg durch, wo er als kranker und gebrochener Mann ankam. Im Alter von 24 Jahren. Er starb 1947 an einer Lebererkrankung und hinterließ ein schmales, aber sehr bedeutungsvolles literarisches Werk. Darunter auch aus seinem Nachlass den Text: Dann gibt es nur eins, den ich noch aus meiner Schulzeit kenne. Er ist mir als einer der zentralen Texte der Friedensbewegung der 80er noch gut im Gedächtnis, noch heute klingt mir die Stimme von Hanns Dieter Hüsch im Ohr, der diesen Text eingelesen hatte, auch öffentlich vorgetragen hat und der in Auszügen in den Song Entrüstung der niederländischen Gruppe bots zu hören ist.
Ich möchte ihn heute hier in voller Länge zitieren. Weil er (wieder) brandaktuell ist .Auch wenn er thematisch vielleicht nicht ganz in diesen Blog passt. Oder vielleicht doch…

Weiterlesen

Was wäre, wenn ich zuerst sterbe

Bianca hatte viel zu tun und war eigentlich früher „dran“ mit ihrem Text … nun können wir uns an ihren Zeilen freuen.

SilbensammlerinBlog

Der heutige Text ist ein Beitrag zur November Blog-Aktion des Totenhemd-Blogs meiner Freundin und Blogkollegin Petra Schuseil

Wenn ich zuerst sterbe,
wer wird dafür sorgen,
dass mein Erbe überdauert,
besteht, vergeht.
Die virtuellen Seiten
pflegen oder löschen
Lichter dimmen,
allmählich verglimmen
lassen.

Wenn ich zuerst sterbe,
wer wird um mich trauern?
Dunkle Tage bedauern,
die Hellen feiern.
Weinen, Lachen.

Wenn ich zuerst sterbe,
wer wird nach mir kommen?
Den Platz bekommen
an seiner Seite, in seinem Herz.
Wird es leicht sein?
Ein winziger Schmerz,
ein leises Ziehen?

Wenn ich zuerst sterbe,
wer wird meine unerfüllten Träume
weiterspinnen?
In karg möblierten Räumen
Heimat finden,
nackte Wände in
helle Farben kleiden.
Fenster, Türen öffnen,
Weite spüren.

Wenn ich zuerst sterbe,
bleibt ein Hauch von mir
bei Dir.

Ursprünglichen Post anzeigen

Wenn ich zuerst sterbe

Heut ist Brigitt bei uns … in Schweizerdeutsch … kommt Ihr klar damit?
Wenn nicht, ist nicht schlimm: Brigitt hat ihren Text übersetzt.

gefällt mir gut:
und gohts e so wiiter, denn fürchte-n-i scho
bin ICH zerscht en Engel und ihr nodisno.“

übersetzt:
und wenn es so weitergeht, befürchte ich
bin ich zuerst ein Engel und Ihr nach und nach.

brigwords

Zwei Gedichte als Beitrag zur November Blogaktion von Petra Schuhseil
Ich hoffe, ihr verzeiht mir, wenn ich das Thema in der Sprache abhandle,
die mir am nächsten ist – in Schweizerdeutsch
und wenn ich trotz des heutigen Tages,
welcher den Menschen, die schon gestorben sind, gewidmet ist, humorvoll bin
😊

Wenn ich zerscht sterbe
wenn ich denn mues go
dörf jede erbe, was ich hinderlo
Es wüssets die Meischte – ich bin steiriich
und was mit de Stei würd – das s’wär mer nid gliich
drum freuts mi, wenn jede vo euch ein chönnt erbe
eifach im Fall, wenn ICH zerscht würd sterbe

zum Bischpil de Robert wär denn zha

deshalb kommt auch schon die nächste Frage:

Wär stirbt ächt zerscht?

Bim Zmittag im Gschprööch wo’s ums Stärbe goht
und drum, wär die Wält ächt als Erschte verloht
verschreckt euses Dorli grad zimlich fescht:
„I hoff, i bis nid –…

Ursprünglichen Post anzeigen 171 weitere Wörter

Was wäre, wenn ich zuerst sterbe…?

Heute ist Anja in unserer Blogaktion … alle Jahre wieder ein besonderer Tag der 17. November … und sie hat unseren Aufruf ernst genommen mit ihrem netten Humor und Schalk im Nacken. Unbedingt lesen!! 🙂
Ich freue mich, dass sie dabei ist. Danke, liebe Anja.

...ein Stück untröstlich

Piiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiieeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeep………

Ja, so macht es vielleicht, wenn ich sterbe… Vorausgesetzt, ich liege dabei in einem Krankenhaus und bin an eine Maschine angeschlossen… Na, vielleicht (hoffentlich!) macht es nicht so, wenn ich sterbe – denn eigentlich möchte ich das irgendwann irgendwo in Frieden tun.
Nundenn, aber irgendeinen Einstieg brauchte es ja für diesen Beitrag – denn ich schreibe erneut für eine November-Blog-Aktion des Totenhemd-Blogs und Petra rief auf zu Beiträgen zum Thema „Was wäre, wenn ich zuerst sterbe“ und dabei – ich zitiere: „Mit Humor und dem Schalk im Nacken“.

Alles, was mir zuerst in den Kopf kam, waren recht trübselige Gedanken… Gibt es doch Menschen in meinem Leben, von denen ich mich bald verabschieden muss – ob ich denn will oder nicht – und egal wie lustig ich es mir vorstelle, mich beim Sterben vorzudrängeln (haaalt!!! Ich zuerst!!! Schubs…), es kam doch immer wieder eine…

Ursprünglichen Post anzeigen 1.217 weitere Wörter

Wenn du zuerst stirbst … Wenn ich zuerst sterbe …

Die wunderbare Hiltrud ist wieder dabei in der November-Blogaktion. Ich freue mich über ihre Bilder und Gedanken.

ilseluise

Mein BEITRAG zur November-Blogaktion 2021 des totenhemd-blog:
„Erzählt uns eure Geschichten! In einem Interview erzählt Peter Handke im „Das Magazin“ auf sein Alter angesprochen diesen Witz: „Wenn du zuerst stirbst, besuche ich dich auf dem Friedhof“. Es folgten dann noch zwei weitere Scherze. … Schreibe, male, zeichne, dichte oder fotografiere. ….“

Habe gemalt, geschrieben, fotografiert.
Wenn du zuerst stirbst …


Wenn du zuerst stirbst, dann …
… winke ich Dir nach
… besuche ich Dich im Herzen
… wird meine Liebe bleiben
… tröstet mich das Vertrauen zu Gott, zur Lebendigen
… werde ich weiter tanzen
… schaue ich in den Himmel
… fließen meine Tränen
… schaue ich mir die alten Fotos an
… bin ich sehr allein
… trösten mich all die Erinnerungen
… hoffe ich auf ein Wiedersehen
… habe ich großen Kumnmmer
… werde ich sehr traurig sein

… ach, ach, ach …
… ich…

Ursprünglichen Post anzeigen 69 weitere Wörter

Weg vom Fenster

Heute schreibt Karolin mit in ihrem Blog „reingelesen“. Wunderbar hat sie das gemacht mit dem Titel „Weg vom Fenster“ für unsere November-Blogaktion. Lest selbst.

reingelesen

Zuerst oder als Letztes?
Kommt drauf an von wo aus du das betrachten willst.
Wer geht vor? Oder was?
Über den Jordan. Hoffentlich denkt jemand an die Münze.
Und kommt jemand nach? Auf die andere Seite.
Und ob ich das dann noch weiß?
Erster, Erster schreit das Kind und klatscht ab.
Wenn ich zuerst sterbe? Der Tod ist doch eh das Letzte.
Eine todernste Sache das Ganze, is klar.
Irgendwann geht das letzte Lichtlein aus.
In der Reihe von vielen mach ich mich vom Acker.
Also zuerst sterb ich schonmal nicht.
Wenn ich ins Gras beiße,
dann schau ich mir die Blümchen von unten an.
Vielleicht spring ich vorher dem Tod auch nochmal von der Schippe
bevor ich von dannen geh.
Über die Klinge, die Grätsche gemacht.
Irgendwann steig ich in die Kiste und hör die Englein singen
Oder geb ich auch den Löffel ab?
Nur welchen, von der langen…

Ursprünglichen Post anzeigen 66 weitere Wörter

Wenn ich zuerst sterbe … zurück an Aphrodites Hof

Wenn ich zuerst sterbe, dann … werde ich vieles nicht mehr tun. Ich werde unter anderem nicht mehr nach Zypern fliegen, um den Sommer zu verlängern. Ich sagte mal: Früher habe ich am Hof von Aphrodite gelebt und getanzt.

in Zypern geknipst … bin grad auf der Insel

Vielleicht wird man erzählen, dass ich viele Jahre regelmäßig nach Zypern geflogen bin. Zuhause wird man in mein blauen Buch schauen. Mein Mann und Annegret wissen, dass es ein blaues Buch gibt, in das ich Abschiedliches, Wünsche und Gedanken notiert habe. „Erzählt Humorvolles über mich, wenn ich gestorben bin. Erzählt, dass ich Zypern mochte im Herbst“. Meine Familie und Freunde sollen nicht traurig Kaffee trinken sondern ein kleines Fest feiern und sich an mich erinnern, vielleicht auf griechische Musik tanzen, etwas Leckeres essen, Wein trinken … und Erinnerungen erzählen über mich.

Mein Neffe, der in seiner Freizeit als DJ auflegt, auch in Clubhotels, wird vielleicht während des Abschiedsfestes erzählen: „Meine Tante war cool. Die hat, wenn es die Gelegenheit gab, auf Technobeats getanzt und hat es geliebt. Aus Zypern schrieb sie kürzlich: „hab die halbe Nacht abgetanzt“.

Weiterlesen