Dänische Friedhöfe im Winter

Im Winter an die Nordsee – ich liebe das. Und wenn ich da bin und meine langen Spaziergänge mache, besuche ich auch den ein oder anderen Friedhof. Im Winter ist da nie jemand und die Friedhöfe verströmen eine absolute Ruhe.  

Ich habe mich nicht detailliert in die dänische Bestattungskultur eingearbeitet, meine aber sagen zu können, dass man dort Kies, Immergrün und geordnete Verhältnisse sehr mag 🙂

Was die Natur und die Verwitterung aus stehengebliebenen Stauden macht, hat für mich einen besonderen Reiz.

Im Mittelpunkt steht jeweils eine kleine Kirche. Sie ist oft schon von weitem zu sehen und ein gutes Ziel für den täglichen Spaziergang.

Memento Mori – Die vierte Runde


Zur guten Tradition des Totenhemdblogs gehört es, dass das Team der Autorinnen miteinander redet: Übers Sterben, über den Tod, Bestattungsformen und -riten. Was uns eben gerade einfällt und bewegt.
Das Team hat sich in diesem Jahr erweitert, Sigrid und Juliane sind neu dazu gekommen. Es wird Zeit, diese Tradition wieder aufleben zu lassen, nicht an den alten Gesprächsfaden anzuknüpfen, sondern einen neuen zu spinnen.

Lutz: Ich wage mal einen Einstieg. Was mich im Moment sehr beschäftigt und was ich  in einem eigenen Beitrag hier im Blog zum Thema gemacht habe, ist ein aufgelassener Friedhof. Entdeckt habe ich ihn im Urlaub, ganz profan, indem ich auf Google Maps die als Sehenswürdigkeiten und Foto Hot Spots markierten Orte in erreichbarer Nähe unseres Ferienziels durchgestöbert habe. Old Cemetary stand dort. Das hat mich neugierig gemacht: Ein Friedhof, der keiner mehr ist, auf dem aber noch immer ein paar Grabsteine herumliegen, auch Reste steinerner, geöffneter Gruften, alles dem Verfall preis gegeben. Auch die Orte der Toten können also sterben, vor allem, wenn die Lebenden von dort vertrieben werden. Und 50 Jahre später kommen wir Touristen und fotografieren diesen Ein Lost Place der Lost Souls wie ein Schiffswrack, eine leere Fabrik oder eine Ruine eines Hauses. Eine sehr eigenartige Erfahrung.


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Bad Salzuflen

Herrmann blickte in den Garten, neben seinem stand Ingrids Sessel. Er dachte daran, wie sie sich zum ersten Mal begegneten und sich das erste Mal trennten ehe sie entschieden, ihr Leben miteinander zu verbringen.

Er war für seine erste Arbeitsstelle gerade erst in die Stadt gekommen. Seine Buchhaltungskenntnisse und eine Begegnung seines Vaters mit einem Steuerberater im Zug nach Bielefeld hatten dazu geführt, dass er eine Bewerbung als Bilanzbuchhalter zu Herrn Höckendorf nach Bad Salzuflen geschickt hatte. Und die Tatsache, dass sein Vater Herrn Höckendorf davor bewahrt hatte, in Bielefeld in den falschen Anschlusszug zu steigen, führte dazu, dass er bereits zwei Wochen später eine Zusage inklusive eines unterschriftsreifen Arbeitsvertrages erhielt. Ohne zu zögern oder noch einmal mit seinen Eltern darüber zu sprechen, unterzeichnete er und schickte den Vertrag an Herrn Höckendorf zurück. Er würde am ersten Juni bei Herrn Höckendorf für ein monatliches Gehalt von 460 Deutschen Mark als Bilanzbuchhalter anfangen – in Bad Salzuflen. Herrmann war noch nie dort gewesen, kannte, außer Herrn Höckendorf – und den auch nicht persönlich – niemanden, wusste nicht, wie er dort hinkommen sollte und schon gar nicht, wo er wohnen würde. Das Büro von Herrn Höckendorf lag in der Altstadt. Er musste Herrn Höckendorf, lange vor Google und seinen Maps, anrufen um herauszufinden, wie er dort hinkommen würde. Bei der Gelegenheit fragte er auch gleich, ob er eventuell irgendwo ein Zimmer anmieten könne. Herr Höckendorf beschrieb ihm den Weg vom Bahnhof, der zu Fuß etwa 10 Minuten dauerte und gab ihm die Telefonnummer seiner Schwiegermutter Frau Schleich, die ihm eventuell ein Zimmer in ihrem Souterrain vermieten könne, das Haus liege auf halben Weg zwischen Bahnhof und Büro. Nach einem Anruf bei Frau Schleich, die ihm das Zimmer für 60 Mark vermietete, informierte er seine Eltern und ging zum Bahnhof um eine Fahrkarte nach Bad Salzuflen zu kaufen.

Er hatte am ersten Juni seinen guten Anzug und die guten Schuhe angezogen und noch zwei Hemden eingepackt, die seine Mutter ihm vor seiner Abreise gekauft, gewaschen und gebügelt hatte. Neben seiner Nacht- und Unterwäsche, weiteren Hosen und Strickhemden, Rasierzeug und Zahnbürste hatte er auch seine Fußballschuhe ganz unten in die große Tasche gestellt und das Trikot seines bisherigen Vereins danebengelegt. Er war sehr früh losgefahren und stand pünktlich 15 Minuten vor Dienstantritt am Bahnhof in Bad Salzuflen. Mit Hilfe des Zettels mit der fernmündlichen Wegbeschreibung von Herrn Höckendorf ging er los und hatte nach etwa 13 Minuten das Gefühl möglicherweise doch einmal zu früh links abgebogen zu sein. Auf der anderen Straßenseite sah er Ingrid, deren Namen er damals selbstverständlich noch nicht kannte. Sie war offensichtlich auch auf dem Weg zur Arbeit, trug einen Rock und eine Bluse unter dem beigefarbenen Mantel und eine Brille, die ihr wenig schmeichelte, sie aber gebildet und zielstrebig aussehen ließ. Herrmann schaute lieber auf ihre Beine und hätte fast den Wagen übersehen, der durch die enge Straße fuhr. Nach dem vermiedenen Zusammenstoß sprang er auf den Bürgersteig vor Ingrid und wünschte ihr einen guten Morgen. Er stellte sich vor und entschuldigte sich für die Störung. Dann erzählte er, vielleicht etwas zu aufgeregt und stolz, von seinem anstehenden ersten Arbeitstag bei Herrn Höckendorf, nur um dann einräumen zu müssen, dass er den Weg dorthin nicht finde. Ingrid, die, wie sie sagte, Ingrid Oelmüller hieß, beschrieb ihm, dass er nur noch zwei Mal rechts abbiegen müsse und dann schon am Büro von Herrn Höckendorf, der übrigens ihr Patenonkel sei, wäre.

Er kam pünktlich bei Herrn Höckendorf an und zu seiner Überraschung besuchte Ingrid in der Mittagspause ihren Patenonkel. Das tat sie von da an jeden Dienstag und Donnerstag. Manchmal ging sie mit Herrn Höckendorf in einem nahe gelegenen Gasthof etwas essen, meist aber schlenderte sie, nach einer kurzen Unterhaltung mit Herrmanns Chef, mit dessen Sekretärin, Fräulein Siepe, in den Kurpark und sie aßen Brote, die sie morgens zu Hause vorbereitet hatten. Herrmann konnte in dem Haus von Frau Schleich eine kleine separate Küche im Souterrain mitbenutzen, die er sich mit einem weiteren Mieter eines Zimmers im Keller von Frau Schleich teilte. Dort machte er sich am Vorabend Pausenbrote, die er morgens nur noch einpacken musste und dann an seinem Schreibtisch aß, während er die Tageszeitung, die morgens zunächst Herr Höckendorf durchsah, las und anschließend Fräulein Siepe brachte. Bei einer dieser Gelegenheiten erzählte Fräulein Siepe von Ingrid. Sie arbeitete nicht weit von Herrn Höckendorfs Büro bei einem Rechtsanwalt, Herrn Dr. Schleich, dem Schwager von Herrn Höckendorf und dem Sohn von Herrmanns Vermieterin. Herrmann fragte, ob er denn Fräulein Siepe und Ingrid einmal in der Mittagspause begleiten dürfe, sie könnten doch gemeinsam ihre Brote essen. Fräulein Siepe würde Ingrid fragen und bereits am nächsten Donnerstag gingen die drei gemeinsam in der Mittagspause mit den Pausenbroten in der Hand in Richtung Kurpark. Herrmann erzählte von seinen ersten Wochen in Bad Salzuflen, seinen Aufgaben im Büro von Herrn Höckendorf und noch ausführlicher von seinen Einsätzen als Mittelstürmer bei seinem bisherigen Fußball-Verein, dem Gewinn der Meisterschaft im letzten Jahr und seiner Auszeichnung als Torschützenkönig. Fräulein Siepe erklärte nach wenigen Minuten, dass sie für Herrn Höckendorf noch etwas aus der Apotheke holen müsse und verabschiedete sich. Herrmann wunderte sich damals nicht, wie sie das in der Mittagspause erledigen konnte, wo doch auch die Apotheke, wie alle anderen Läden in der Stadt, erst um 14:00 wieder öffnete. Stattdessen erzählte er weiter von zu Hause und betrachtete Ingrids Beine. Auf dem Weg in den Kurpark gesehen hatte er gesehen, dass sonntagsnachmittags im Kurhaus ein Tanztee stattfand. Er hatte noch keine neue Mannschaft in Bad Salzuflen gefunden für die er spielen konnte, zudem war Sommerpause, so dass er Ingrid zum Tanztee einlud, was sie sichtlich erfreut und umgehend annahm.

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Krieg im Kopf

Deine Katze läuft die Treppe hinauf. Seit Tagen hat sie neben Dir gesessen. Jetzt ist es ganz ruhig draußen und sie will hinaus. Du gehst ihr nach. Sie sitzt jetzt im Garten und der Hund des Nachbarn bellt unter dem Zaun hindurch, seine Kiefer öffnen sich regelmäßig. Ganz still. Du schaust Dich um. Der Ton ist abgeschaltet. Wie den Hund hörst Du die Flugzeuge nur in Deinem Kopf. Dort hinten ist eine Explosion-in Deinem Kopf. Am Horizont steigt eine Rauchwolke auf. Du siehst Menschen, die auf dem Bürgersteig liegen. Kein Laut. Du riechst Angst. Riechst Dich selbst, weil Du Dich in Deinem Keller nicht waschen kannst, keine Kleider zum Wechseln mitgenommen hast. Ein Mann der vorbei läuft winkt und ruft etwas. Du verstehst ihn nicht, doch er riecht wie Du, nach Keller und Agonie.

Du folgst ihm langsam, gehst an den Leuten vorbei, die dort liegen. Riechst ihre Wunden, Blut und das Treibladungsmittel, das die Geschosse in sie getrieben hat, verbrannte Kleidung und Haut. Und Du witterst den Rauch der Explosionen, die in der Ferne noch zu sehen sind und die, die vor einigen Stunden Häuser, Bäume, Fahrzeuge zerstört haben. Den Staub, der sich nur langsam setzt. Benzin und Holzfeuer, die jemand angemacht hat, damit Du und die anderen sich aufwärmen können. Und löslichen Kaffee. Du trinkst ihn, als Du ihn angeboten bekommst, um kurz nichts anderes riechen zu müssen. Um so tun zu können, als wäre es nur irgendein Morgen und nicht einer, an dem es vielleicht kein Morgen mehr gibt. Du siehst viele schweigen und manche reden. Riechst ihre Wut, wenn sie in Rage kommen, Schweiß, den Atem der vergangenen Nächte, sauer, abgestanden und immer wieder aufgewärmt. Kein Laut, doch unzählige Gerüche und Gestank, unerträglich wie die verstummten Schreie, der Krieg in Deinem Kopf. 

Friedhöfe: Ein Wintermärchen

Friedhofsspaziergänge sind für mich Ausflüge in die Natur. Auch im Winter. Viele Tiere sind dann zwar in ihren Höhlen und Verstecken und verschlafen die kalte Jahreszeit, dementsprechend weniger ist los.

Aber: das Friedhofsgefühl“ erlebe ich jetzt im Winter besonders: Tritt man durchs Tor, vom Parkplatz oder der Straße, aus der Geschäftigkeit des Alltags, betritt man eine andere Welt. Die Stimmen werden leiser, die Schritte ruhiger. Schwere Gedanken werden angesichts der Ewigkeit klein und im guten Sinne unwichtig.


Und wenn es schneit, dann werden Friedhöfe zu Märchenlandschaften, auch mit Raureif und Nebel sehen sie wie verzaubert aus.

dann noch die Wintersonne scheint, ist das ein Anblick wie im Märchenland. Nicht nur für Naturfreunde  ein Fest, sondern auch für alle, die gerne Fotografieren. Jetzt ist die beste Jahreszeit dafür.

08.12. – Das letzte Mal | Adventüden

Heute öffnet sich das achte Adventüden-Türchen bei Christiane mit meiner Geschichte. Ich freue mich, dass ich dabei bin und schicke herzliche Grüße an die Hüterin der Etüden. Da steckt so viel Arbeit, Energie und Herzblut drin.

Irgendwas ist immer

Die schweren Holzläden waren vor dem Fenster zugeklappt. Der Lärm von der Straße und die ungewöhnlich heiße Dezembersonne prallten dagegen. Das weiße Laken lag frisch gebügelt auf dem breiten Bett. Die Konturen des Kissens und der flauschigen Bettdecke wölbten sich unter dem weißen Betttuch. Die roten Vorhänge und Lampenschirme tauchten den Raum in ein gemütliches Dunkelrot. Schön waren die roten Rosen in der modernen Glasvase. Der Hausherr ist wohl auf Reisen, konnte man annehmen.

Sie betrat sachte diesen Raum und ließ die Stimmung auf sich wirken, setzte sich auf die Couch neben das Tischchen mit den Rosen. In der Wohnung daneben dudelte ein Radio, sie hörte leise Töne.

»Wie gut es ist, hier bei dir zu sein«, dachte sie. Es roch nach winterlichem Gemüseeintopf. Auf dem Tisch war für zwei gedeckt. Besteck, Gläser und weiße Stoffservietten lagen akkurat. Sie hielt noch den kühlen Haustürschlüssel in der Hand, mit dem sie…

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Heute oder morgen

Es ist der Tag nach ihrem achtzigsten Geburtstag. Der Sohn eines Nachbarn hat für sie mit ein paar Freunden in dem bereits verkauften und fast leeren Haus einen Flohmarkt organisiert um Werkzeuge ihres verstorbenen Mannes und Spielzeug ihrer längst erwachsenen, im Ausland lebenden Kinder zu verkaufen. Er und seine Freunde sind längst weg. Sie geht noch einmal allein durchs Haus und nimmt aus einem Schrank im Keller eine pralle Kleiderhülle heraus. Wie für vieles andere hat sich niemand dafür interessiert. Was jetzt noch im Haus ist, wird entsorgt werden. Sie legt sich den Kleidersack über den Arm, schließt die Haustür ab und geht zur Bushaltestelle, um zu ihrer neuen Wohnung zu fahren, die vielleicht ein neues Zuhause werden wird. Zwei Zimmer, Bad und Küchenzeile in einer Seniorenwohnanlage mit einem romantischen Namen, funktioneller Einrichtung, medizinisch geschultem Personal und überwiegend gleichaltrigen Mitbewohnerinnen. Alles etwas schicker als sie es bislang gewohnt gewesen ist. Gut, dass ihr der Kleidersack noch eingefallen ist.

„Ist der Bus schon weg?“, fragt sie eine junge Frau, die an der Bushaltestelle sitzt und das verneint.

Sie setzt sich ebenfalls und legt die Kleiderhülle über ihre Knie.

„Der soll aber doch um fünf vor kommen, oder?“, fragt sie weiter und die junge Frau nickt.

„Naja, wenigstens wird es mir nicht kalt werden“, ergänzt sie. „Wir haben noch ein Gläschen auf meinen Geburtstag getrunken, da ist mir warm geworden und ich habe meinen Pelzmantel dabei, meinen Nerz.“

„Der ist in der Hülle?“, will die junge Frau wissen.

„Ja, ich weiß, das macht man nicht, Pelz kaufen. Aber jetzt besprüht einen ja niemand mehr, wenn man einen Pelz trägt und ich habe gedacht, ich sterbe. Damals, als ich ihn gekauft habe.“

„Und jetzt glauben Sie nicht mehr, dass Sie sterben?“

„Na doch, aber nach der Mitteilung des Arztes damals hab’ ich geglaubt, dass ich ganz schnell stürbe. Da bin ich nach Hause und habe Anna, unsere Putzfrau gefragt, ob sie sich um meinen Mann kümmern würde, wenn ich tot bin. Sie ist schon ganz lange bei uns gewesen. Und als sie gesagt hat, dass sie das machte, habe ich mir einen Nerz gekauft. Dreitausendfünfhundert Mark hat der gekostet.“

„Wieso?“

„Ich habe immer einen Nerz haben wollen. Und ich habe mir keinen besseren Zeitpunkt vorstellen können, weil später vielleicht zu spät gewesen wäre.“

„Sterben Sie jetzt lieber? Oder fröhlicher?“

Sie schweigt, um Zeit zum Nachdenken zu haben.

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24.11. Juliane: Tic

Er sitzt in der letzten Reihe zwischen seine Kollegen. Herbert ist eingenickt. Walter und Ronny schauen auf ihre Knie, wo in ihren Händen ihre Telefone liegen und Zeichtrickfilme für Walter abspielen und Ronny versucht ein Sudoku zu vervollständigen.

Ganz vorne sieht ihnen die Pastorin entgegen und redet über ein finsteres Tal.

„Pssst!“

Sie unterbricht sich nicht und lässt die Anwesenden wissen, dass sie kein Unglück fürchtet und auch niemand anderer.

In den Reihen vor ihm drehen sich zwei junge Frauen um und sehen dann wieder zur Pastorin, die durch Stecken und Stab getröstet wird.

„Pssst!“

Wieder drehen sich die beiden Frauen um und auch eine älteres Paar einige Reihen noch weiter vorne. Die jungen Frauen stoßen sich an und flüstern sich etwas zu. Das Paar schüttelt die Köpfe.

„Pssst!“

Die jungen Frauen und das Paar schauen wieder nach hinten. Herbert erschreckt, steht eilig auf und stößt dabei gegen seinen Stuhl. Walter, Ronny und er erheben sich ebenfalls.

„Pssst!“

„Amen“, sagt die Pastorin und der Organist beginnt mit dem letzten Stück.

Er, Walter, Herbert und Ronny gehen langsam den Weg zwischen den Trauergästen nach vorne auf den Sarg zu. Ganz vorne sitzen Frauen mit großen schwarzen Hüten und Sonnenbrillen, je dichter sie kommen um so deutlicher hört er sie schluchzen.

„Pssst!“

Und das Schluchzen wird lauter.

Herbert und er gehen an die hinteren Ecken des Sarges, Ronny und Walther an die vorderen. Die Orgel verstummt.

„Pssst!“

Wie auf sein Kommando greifen er und seine Kollegen an die Griffe. Die Pastorin macht den ersten Schritt in Richtung Ausgang und die folgen ihr und schieben den Sarg zwischen den Trauergästen hindurch. Vor der Aussegnungshalle warten weitere Trauernde. Die Gäste aus der Kirche folgen dem Sarg und als die Wartenden draußen, die ersten sehen und erkennen können, beginnen sie in Taschen nach Telefonen und Kameras zu kramen.

„Pssst!“

Als der Sarg vorbei rollt, wird es still, ehe weiter gekramt wird und die ersten beginnen zu tuscheln. Ein Zipfel des Totenhemds.

„Pssst!“

Wie eine Welle rollt das Tuscheln und Wühlen in Beuteln und Rucksäcken durch die Reihen von Trauernden, die den Sarg und die Gäste nach und nach zum ersten Mal sehen.

„Pssst!“

Nach und nach verstummt die Menge, während die engsten Angehörigen sich an der Grabstelle versammeln. Die Frauen mit den Hüten schluchzen noch mehrfach laut auf, als der Sarg in das Grab hinabgelassen wird.

„Pssst!“

Eine der Frauen mit Hut schnäuzt sich laut die Nase und setzt ihre Sonnenbrille ab und beginnt zu singen.

„Pssst!“

„Pssst!Pssst!“

Er sieht sich um und fühlt sich zum ersten mal an diesem Tag nicht alleine.

22.11. Sigrid: Grün bestattet

Wie groß unser ökologischer Fußabdruck ist, den wir auf dieser Erde hinterlassen, dafür ist der letzte Gang nicht entscheidend. Da gibt es zu Lebzeiten deutlich mehr zu lassen und zu tun. Dennoch ist es vielen Menschen heutzutage wichtig, auch den Tod im Einklang mit der Natur und sozial nachhaltig zu gestalten. Und durchaus gibt es einiges, worauf sich achten lässt.

Die Ökobilanz für einen Trauerfall zu erstellen, ist nicht ganz einfach. Nicht nur, weil es ein so sensibles Thema ist, sondern auch weil es ist wie immer:  Einerseits ist es ganz leicht – wenn es das Andererseits nicht gäbe. Das fängt schon damit an, ob man sich für eine Erdbestattung entscheidet oder für eine Einäscherung. Eine Einäscherung verbraucht viel Energie. Ungefähr so viel wie ein Mensch durchschnittlich im Monat benötigt hat. Jede Verbrennung produziert C02 und weitere Emissionen; außerdem wird ja auch der Sarg mit verbrannt.

Wer sich für eine Erdbestattung entscheidet, spart all das ein – und überlässt die Arbeit der Natur. Genauer gesagt, den zahlreichen Mikroorganismen in der Luft und in der Erde, die sich mit organischer Substanz auskennen, weil sie ihr täglich Brot ist. So verschwinden nach und nach das Holz vom Sarg, die fleischliche Hülle; am längsten brauchen die Knochen.

Dafür gibt es die sogenannten Ruhefristen, die Zeitspanne, für die man ein Grab erwirbt, in der es gepflegt werden darf – oder muss. Diese Fristen haben wenig mit Pietät zu tun, sondern ganz handfest damit, wie lange es dauert, bis alles zersetzt ist. Das hängt hauptsächlich von der Art des Bodens ab und liegt zwischen zehn und vierzig Jahren. Sind die Verhältnisse sandig, geht es schneller. In schweren Lehmböden sehr viel langsamer und manchmal auch gar nicht. Fachleute sprechen dann von Verwesungsstörungen.

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