An einem Montag in der Adria

Ein Traumtag…
Die morgendliche Sonne steht noch tief, wird vom Meer reflektiert, der Morgendunst steht über dem Wasser. Ein einsames Boot, ein erstes, fährt vom Hafen von Tisno hinaus.
So geht Urlaub.
Es ist der erste „richtige Urlaubstag“, das Wochenende zählt ja irgendwie nicht mit – der erste Tag, an dem all die anderen ganz normal arbeiten und wir nicht.

Die Erwartungen sind hoch, es ist der erste Urlaub im Ausland seit 2019, der erste seit 2018, in dem ich im Meer werde schwimmen können. Die Erwartungen sind hoch, ich weiß vom ersten Moment, da ich wieder am Mittelmeer bin, dass es ganz einfach wunderbar werden wird.
Ich werde all das tun, was ich so lange nicht machen konnte: In der Adria planschen, in der Macchia nach einheimischen Reptilien suchen, viel frisch gefangenen Fisch essen. Etwa drölfzigtausend Fotos kommen noch on top.
Den Sommer nach hinten heraus verlängern…
La dolce vita! Oder auf kroatisch: život je lijep.

Den Montagnachmittag verbringen wir an einem etwas abgelegeneren Strand in einer kleinen Bucht zu Füßen der alten, römischer Siedlung Colontum, von der nur noch ein paar Steinmauern zu erkennen sind.
Sonnen, schwimmen, lesen, fotografieren.
Als ich aus dem Wasser komme, schaue ich auf meinem Handy nach der Uhrzeit – ich habe das Gefühl, es wird langsam Zeit, nach Murter zu fahren, dort erst in einer Bar einen Aperitif zu nehmen und anschließend irgendwo eine Fischplatte zu genießen.
Eine Pushnachricht aber zieht mir kurz den Boden unter den Füßen weg, so, als stünde ich in der Brandung des Atlantiks.
Unser Branchendienst meldet den Tod von Kurt S.. Plötzlich und unerwartet.
Kurt kannte ich seit rund 20 Jahren, es gab eine Zeit, da haben wir sehr viel miteinander zu tun gehabt, gemeinsam Projekte realisiert. Und wir sind uns oft auf Branchenveranstaltungen und -feiern über den Weg gelaufen.
Verstört blase ich ein „Oh nein!“ in die sich schnell füllende Kommentarspalte des Beitrags. Ich bin nicht der Einzige, der so reagiert. In Windeseile folgen Reaktionen der Trauer, der Bestürzung, des Beileids. Viele Absender kenne ich persönlich.
Ich sitze am Strand, schreibe einem Kollegen eine WhatsApp Nachricht, so als bräuchte ich seine Bestätigung, dass die Meldung nicht nur ein enorm schlechter Scherz sondern wahr ist; oder hoffe ich, von ihm mehr zu erfahren?
Ein Unfall? Ein Herzinfarkt? Ein Schlaganfall? – Plötzlich und unerwartet kann eigentlich nur so etwas bedeuten.
Kurt war 55, ein Alter, in dem der Tod auf rücksichtslos „Beute“ geht. Es ist ihm egal, wann, wer, wo und wie.
Der Kollege antwortet nicht bzw. sehr viel später. Ebenfalls sehr bestürzt und nur mit zwei Zeilen. Was soll man sich auch groß sagen?
Die Gedanken kreisen, vermischen sich mit Erinnerungen.
Wir packen die Badesachen ins Auto und entscheiden, statt einen Aperitif trinken zu gehen, einen eher schweigsamen Spaziergang um den Hügel zu machen.
Zufällig landen wir hinter dem Friedhof der Crkva Gospa od Gradine. Eine ausgewaschene Stelle am Hang erlaubt den Zutritt und damit eine Abkürzung zum Auto. Die Sonne steht tief, bricht sich im Kreuz auf dem Torbogen.

Abends im Restaurant trinke ich ein Bier auf Kurt; und eines auf den Urlaub – život je lijep.

True Crime in Oberschleißheim

Der Mörder hört nicht der Eltern Klage
Sah der Schwester Tränen nicht
Groß ist der Schmerz an jenem Tage
Bis auch unser Auge bricht.

Wo anfangen? Am besten von vorne und dann der Reihe nach:

Der Berglwald

Der Berglwald ist ein kleines Waldstück, geprägt von Kiefern, Eichen, Buchen und Birken auf der Kiesschotterfläche Münchens in unmittelbarer Nähe des Schlosses in Oberschleißheim.

Der Berglwald

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ARTE TV-Serie: Wenn die Stille einkehrt

Darf ich über eine TV-Serie schreiben, die mich emotional zutiefst mitgenommen hat? Lutz hab ich gefragt und er meinte: „Hau raus!“

Brutal gemordet. Überlebt und gestorben. In Liebe erinnert …
NIX FÜR ZARTE SEELEN!!!!!
Ab hier kannst du weiterlesen oder es bitte lassen.

Also. Ich bin ja keine Serien-Guckerin. Wir haben kein Netflix. Ich hab kein Apple-TV oder Premium-Abo bei Ihr wisst schon. Ich gucke gerne gute Filme, sonntags Tatort und täglich Nachrichten. Eine Serie, die muss mich sofort antriggern, dass ich dran bleibe. Und die ARTE-Serie: „Wenn die Stille einkehrt“ hat das bei mir ausgelöst. Es wird gewarnt vor Bildern und Szenen, die nicht für Kinder und Jugendliche geeignet sind. Meistens beziehe ich mich da mit ein. Ich kann mir vieles, was gezeigt wird nicht anschauen.

„Wenn die Stille einkehrt“ also. Eine Produktion aus Dänemark erzählt aus dem Leben von acht Menschen vor und nach einem Attentat. Ich bin eingetaucht in diesen Film wie in einen Roman. Habe acht verschiedene Leben in den Filmabschnitten kennengelernt … es gab einen Terroranschlag. Es wurde psychologisch sehr spannend erzählt und dargestellt.
5 Serien lang etwa in dem Zeitmodus: 6 Tage vorher, 3 Tage vorher, einen halben Tag vor dem Attentat … immer mit kurzen Flashes zum Attentat … und dann die Zeit, die nach dem Morden und Überleben folgt.

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Welttag der Fotografie – Eine kleine Bildmeditation zum Thema „Tod und Vergänglichkeit“

Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt…

Mein ursprünglicher Plan war es, jeweils zum ersten und zum 15. eines Monats einen Beitrag als Autor dieser Seite zu veröffentlichen. Er wackelt schon im ersten Monat. Denn dieser Beitrag erscheint unplanmäßig völlig außer der Reihe.

Heute ist nunmal der 19. August. Aber es ist der Welttag der Fotografie, ein guter Aufhänger für einen Beitrag, den ich in ungefähr dieser Form ohnehin hätte irgendwann veröffentlichen wollen. Warum also nicht heute?

Der Weltfototag ist ein Tag, an dem auf zahlreichen Internetseiten Galerien mit atemberaubenden Bildern erscheinen.
Ehrfürchtig schaut man sie sich als Amateur an, vielleicht ein wenig neidisch, weil einem das Equipment, der besondere Blick und vor allem die Geduld fehlen, solche grandioseen Bilder anzufertigen. Und auch die jahrelange Erfahrung. Es wäre vermessen, sich nur annähernd in dieser Liga zu wähnen.

Warum erwähne ich das überhaupt? Weiterlesen

Hochbetagte Frauen sind gestorben

Wenn die Zeit
einen Moment
stehen bleibt

dann … wird es ganz leise.

Sie waren fast hundert Jahre alt.
90plus.
Hochbetagt.
Die eine Mutter.
Die andere Schwiegermutter.
Tante oder Schwester.
Die eine im Sterben liegend einige Tage.
Die andere eingeschlafen.
Einfach so.

Langes erfülltes Leben ist ausgehaucht.
Lebenskreise schlossen sich.

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In Memoriam: Sabine Dinkel und der Totenhemd-Blog

Sabine Dinkel ist letztes Jahr im Juli gestorben. Wir haben alle gewusst, dass sie sich auf ihre letzte Reise vorbereitet. Ich saß kurz drauf im September auf einer Bank auf dem Friedhof Sihlfeld in Zürich und hielt Zwiesprache mit ihr.

Liebe Sabine, erinnerst Du dich? 2014 unterhielten wir uns über den Tod unserer Eltern. Weißt Du noch? Mein Vater ist plötzlich gestorben im September. Da war ich grad beim Jodeln im Toggenburg. Du erzähltest mir, dass deine Eltern kurz hintereinander gestorben sind. Wir waren beide sehr traurig. Du erzähltest mir von Claudia Cardinal und der Ausbildung zur „Sterbeamme“. Außerdem hast Du das Buch erwähnt: Wir sehen uns, geschrieben von Claudia Cardinal. In diesem Buch empfiehlt uns die Heilpraktikerin und Sterbeamme ein Totenhemd im Schrank aufzuhängen, damit wir an unsere Endlichkeit erinnert werden.

So entstand im Gespräch mit Annegret unser Totenhemd-Blog.

Liebe Sabine, ich bin dir unendlich dankbar für dieses Gespräch. Ich habe dich dann eng in den sozialen Medien begleitet und den Verlauf deiner Krankheit und Dein Sterben mitverfolgt. Dein Mann und Du Ihr habt Großartiges geleistet: Ihr habt das Leben ausgekostet und du hast mich und deine LeserInnen inspiriert mit deinem Mut und Dran-bleiben und Weiter-machen. Durch dich ist klar geworden: Jede und Jeder lebt bis zur letzten Minute. Jede Minute ist kostbar. So hast du in den letzten Monaten deines Lebens zurückgezogen in Norddeutschland dein letztes Buch geschrieben. Gute Tage trotz Krebs!

Liebe Sabine, Du hast uns unendlich viel geschenkt.

Danke dafür ❤️.

Hier veröffentlichte Texte über/von Sabine:

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Stolze Witwe Steffi mit der Urne im Arm

Steffi ist einverstanden, dass ich über Joschis Trauerfeier schreibe. „Ich wollte das steife übliche Rituell nicht. Ich wollte es anders. Und ja wir müssen drüber sprechen, damit es anders wird“, antwortete sie mir. Ich freue mich über eine Trauerfeier schreiben zu können, die im September auf dem Münchner Waldfriedhof stattfand.

Steffi mit der Urne und die Kids

Allein wie Steffi mit der selbstbemalten Urne souverän und stolz am „Meeting-Point“ stand und auf ihre Gäste wartete, berührte mich sehr. Ich verstand es als ein Signal. Es geht anders: Die Urne von den Kindern und ihr selbst bemalt, sie im luftigen Sommerkleid und Highheels, die Urne mit Joschis Asche im Arm, die sie zum Grab trug.

Das war schön! Berührend! Anders!

„Please come colourful“, stand auf der Einladung. Eine bunte Gästeschar war angereist. Wir spazierten einen langen Weg über den Friedhof. Das Grab war wunderschön hergerichtet mit vielen bunten Blumen. Ein Mikrofon war installiert für die Trauerrednerin und die Musikerinnen. Es regnete nicht. Wir hatten wunderschönes Wetter. Wir weinten, wir lachten, wir hörten zu, wir lauschten den Geräuschen aus dem Wald.

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Sarah: Ich hab das große Glück …

… ich darf Rituale finden. Immer wieder neu. Mit den Familien. Den Angehörigen. Mit Kindern, die ihre Eltern vermissen. Die noch einmal mit ihnen auf eine letzte Flasche Cola anstoßen. Mit Söhnen, die lachen, weil sie sich an das letzte Grillfest erinnern und sagen: „Und dieses Jahr erst recht – auch wenn Papa nicht mehr dabei ist.“ Ich darf mit Enkeln Steine und Blumen rund um die Urne legen, darf um Omas beste Nusseckenrezepte feilschen und ihr dann auf den Sargdeckel bunte Bilder kleben. Ich darf Lieder singen, obwohl alle anderen nicht dürfen – und ich sing sie für sie. Mit manchen darf ich mitweinen, weil ihre Geschichte ein Stück weit meine geworden ist. Oder längst schon war. Ich darf mit ihnen reden, schreiben, an Gräbern stehen und hinterher gemeinsam Kuchen essen. Auch wenn ich immer die Käsebrote bekomme – das ist der Deal. Streuselkuchen mag ich nicht so gern – das wissen mittlerweile viele schon. „Ach, Sie essen ja kein Wurschtenbrot und Kuchen mögen Sie auch nicht. Sie machen ja Sport.“ 

Dieses Jahr aber, da durfte ich noch so viel mehr als all dies. Und auch wenn ich es für kein großes Glück halte – ich bin dennoch dankbar. Weil sie mich wachsen ließen. Mir Grenzen zeigten. Mich verändert haben. Mich neben all den Sprachlosigkeiten in diesem Jahr um Worte ringen ließen. Und mich im Nachhinein als gesegnet zurückgelassen haben.

Das eine: Ich durfte die erste Beisetzung auf einem Friedhof gestalten, der nun auch noch zu meinem Seelsorgegebiet gehört. Auf demselben Friedhof, direkt das Grab neben jener ersten Beisetzung, da steht eine Figur eines Motorrads. Das Model habe ich dort hingestellt – vor Jahren schon. Es ist eine Erinnerung an die gemeinsamen Ausflüge, die mein Papa und ich vor wenigen Jahren noch mit seinem echten „Mopped“ gemeinsam gemacht haben. Er ist gefahren – ich hinten drauf. Eigentlich ist sein Grab bisher für mich nie ein Ort des Trostes gewesen. Kein Ort, an dem ich ihn finden konnte. Aber seit diesem Jahr ist es anders. Seit diesem Moment schon. Und ich freue mich bereits, wenn auch ich ihm am 22.11. neben all den anderen, die an diesem Tag ein Kerzchen um uns herum auf das Grab ihrer Angehörigen stellen, ebenfalls eines bringen kann. Dann bin ich eine von ihnen. Eine, die erinnert, lacht, vermisst, weint und versöhnt(er) ist.

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Trauer im Internet

Ich möchte euch heute einen Link zum Lesen geben. Am 25. Oktober hab ich ihn in der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung entdeckt. Die Headline im Papier: Gedenkstätte Timeline.

„Längst nutzen Menschen die sozialen Medien auch, um Trauer zu teilen. Das macht den Tod sichtbarer – die Angehörigen allerdings auch verletzlicher“ – von Matthias Kreienbrink.

auf einem Zürcher Friedhof fotografiert

Ich denke, gerade jetzt seitdem wir mit Corona veränderte Bestattungsbedingungen vorfinden und nicht mehr alle frei reisen können, oder nur eine Mindestanzahl Trauergäste gestattet ist, ist die „Gedenkstätte Timeline“ jetzt wichtiger denn je. Mit anderen im Netz trauern, damit die Trauer um einen lieben Menschen oder die Einsamkeit geteilt werden kann, ist sicher nur ein Grund und sehr tröstlich.

Wie denkst Du? Wie denkt Ihr? Ist das eine mögliche Form, die dir gefällt? Würdest du es gleich tun? Ich habe darüber nachgedacht, was wäre, wenn beispielsweise meine Mutter sterben würde. Ich tendiere zu einem JA, weil ich mir verspreche, damit mehr Menschen zu erreichen, die zum Beispiel nicht zur Trauerfeier reisen konnten. Ich müsste es aber auch kommunizieren, damit die Internet-Gedenkstätte gefunden wird.

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