Sarah Connor: Das Leben ist schön (2015)

Ein heißer Sommertag im August 2022. Einige Menschen in dunkler, so ganz und gar dem Wetter unangepasster Kleidung steigen aus der U-Bahn Implerstraße in München-Sendling. Allein oder zu zweit folgen sie der Straße, biegen ab, auf dem Vorplatz der Sendlinger Himmelfahrtskirche gesellen sie sich zu anderen, die dort bereits warten. Einer davon ich. Wir begrüßen einander: Ehemalige Kollegen, Bekannte, Fremde. Es gilt Abschied zu nehmen von einem Kollegen mit dem ich zwanzig Jahre zusammengearbeitet habe. Zeitweilig haben wir Tür an Tür gesessen, viele Mittagspausen miteinander verbracht, auch Geschäftsreisen. 2019 ging er in Rente, 2022, nur drei Jahre danach, erreichte uns die Todesnachricht. Während der sehr emotionalen und sehr schön gestalteten Trauerfeier greift die Tochter ihre Gitarre und stimmt ein Lied von Sarah Connor an.

Mit ruhiger Stimme singt die junge Frau ein Lied, gefasst, zumindest in diesem Augenblick, für viele Trauergäste ist das der wohl ergreifendste, emotionalste Moment des Gottesdienstes.
Während die Tochter Zeile um Zeile von ihrem Vater Abschied nimmt und ihn auf ganz wunderbare Weise würdigt, schnürt es vielen von uns (noch einmal) das Herz zusammen. Weiterlesen

Krieg im Kopf

Deine Katze läuft die Treppe hinauf. Seit Tagen hat sie neben Dir gesessen. Jetzt ist es ganz ruhig draußen und sie will hinaus. Du gehst ihr nach. Sie sitzt jetzt im Garten und der Hund des Nachbarn bellt unter dem Zaun hindurch, seine Kiefer öffnen sich regelmäßig. Ganz still. Du schaust Dich um. Der Ton ist abgeschaltet. Wie den Hund hörst Du die Flugzeuge nur in Deinem Kopf. Dort hinten ist eine Explosion-in Deinem Kopf. Am Horizont steigt eine Rauchwolke auf. Du siehst Menschen, die auf dem Bürgersteig liegen. Kein Laut. Du riechst Angst. Riechst Dich selbst, weil Du Dich in Deinem Keller nicht waschen kannst, keine Kleider zum Wechseln mitgenommen hast. Ein Mann der vorbei läuft winkt und ruft etwas. Du verstehst ihn nicht, doch er riecht wie Du, nach Keller und Agonie.

Du folgst ihm langsam, gehst an den Leuten vorbei, die dort liegen. Riechst ihre Wunden, Blut und das Treibladungsmittel, das die Geschosse in sie getrieben hat, verbrannte Kleidung und Haut. Und Du witterst den Rauch der Explosionen, die in der Ferne noch zu sehen sind und die, die vor einigen Stunden Häuser, Bäume, Fahrzeuge zerstört haben. Den Staub, der sich nur langsam setzt. Benzin und Holzfeuer, die jemand angemacht hat, damit Du und die anderen sich aufwärmen können. Und löslichen Kaffee. Du trinkst ihn, als Du ihn angeboten bekommst, um kurz nichts anderes riechen zu müssen. Um so tun zu können, als wäre es nur irgendein Morgen und nicht einer, an dem es vielleicht kein Morgen mehr gibt. Du siehst viele schweigen und manche reden. Riechst ihre Wut, wenn sie in Rage kommen, Schweiß, den Atem der vergangenen Nächte, sauer, abgestanden und immer wieder aufgewärmt. Kein Laut, doch unzählige Gerüche und Gestank, unerträglich wie die verstummten Schreie, der Krieg in Deinem Kopf. 

Zwischen den Jahren ein Buchtipp: Das Lebensende und ich

Ich hätte fast geschrieben: Das Jahresende und ich. Geht es Dir wie mir? Dann reflektierst Du über das vergangene Jahr, beantwortest dir ein paar Fragen, hältst inne …

… bevor das Neue Jahr beginnt.

Ist das Jahresende wie ein Lebensende? Die Fragen, die wir uns am Jahresende stellen, sind sie ähnlich wie am Lebensende? Mal sehen was ich im Buch entdecke.

Es hat jedenfalls keine Seitenzahlen und auch kein Inhaltsverzeichnis. Es ist kreativ gestaltet, schöne Fotos sind drin, es hat eine schöne Haptik durch das dickere Papier. Wir finden leere Seiten für eigene Notizen. Ich habe mir schwer getan etwas zum Buch zu schreiben und heute erscheint mir der passende ZEITPUNKT.

Ich erkenne folgende Fragen und Abschnitte beim Blättern:

Vorwort: Das Lebensende ist so viel mehr, als zu sterben
Frage: Warum haben wir solche Angst vor dem Sterben?
Die Angst vor dem Leiden
Die Angst vor der Lebensbilanz
Die Angst vor dem endgültigen Aus

Die Frage: Was kommt am Lebensende auf mich zu?
Die Zeit vor dem Sterben
Die Zeit während des Sterbens
Und was kommt nach dem Sterben?

Die Frage: Was kann ich selbst gegen die Angst tun?

Nachfolgend ein paar Fragen und Sätze, die ich während des Blätterns „aufschnappte“.
Es gibt eine Vielzahl an Tipps und Anregungen, manchmal nur in einem Satz geschrieben, maximal eine Seite lang. Für jeden ist etwas dabei, man bleibt an dem hängen, was einem gerade wichtig ist. Das ist heute mein Fokus :

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Stephan Sulke: Heut‘ seid ihr alle eingeladen… (1979)

Stephan Sulke war immer so etwas wie ein Außenseiter und gleichzeitig einer, der sich nur schwer in irgendeine Kategorie stecken ließ. War er Liedermacher? Chansonnier, Schlagersänger?
Und überhaupt: Gibt es den überhaupt noch?
Ja, es gibt ihn noch, oder wieder. Zumindest gibt es eine offizielle Webseite von ihm, die – auch wenn ohne aktuelle Termine – ziemlich aktuell ist. Gelegentlich erscheint ein Tonträger von ihm, mittlerweile steht er kurz vor seinem 80ten Geburtstag. Den Höhepunkt seiner Karriere hatte er in den frühen 80ern, als die Liedermacher eine besonders gewichtige Rolle in der deutschen Populärmusik einnahmen. Aber so richtig gehörte er nie dazu – dazu war er nicht politisch genug, vielleicht ein wenig zu melancholisch, zu sentimental, zu nah am Schlager, zu oft auch in der Playlist der großen Radiosender, die Sulke spielten, aber nicht Wader oder Wecker. Vielleicht auch hatten die größten Erfolge Der Mann aus Russland und vor alle Uschi zu wenig Tiefgang, vor allem zweitgenannter Titel rückte ihn fast in die Ecke der klamaukigen Interpreten.
Der Mann aus Russland – soweit noch als Randbemerkung – hört sich über 40 Jahre nach seiner Entstehung befremdlich und kolossal naiv an. Und falsch noch dazu, weil Kiew und Minsk, von denen der besungene Mann als Stätten seiner Heimat so schwärmt, gar nicht zu Russland gehören.
Schlagersänger war Sukle aber auch nicht – zu düster teilweise die Texte, zu wenig Frohsinn.
„Meine Musik war immer eine Mischung aus Sarkasmus, Melancholie und etwas Blödelei“ charakterisierte er sein Schaffen einst in einem Interview.
Und so pendelte der Mann mit der überaus weichen, sanften Stimme zwischen den Genres, gewann das Herz vor allem weiblicher Fans wegen dieser Sanftheit und Einfühlsamkeit – und nicht zuletzt wegen eines sehr eigentümlichen Gesangstils, zwischen einzelnen Wörtern ganz kurze Pausen zu machen. Die waren nie so lang, dass sie den Takt gestört hätten, aber nie so kurz, dass man sie nicht bemerkt hätte – vor allem aber waren sie immer dort platziert, wo man sie nicht erwartet hätte; zumeist mitten in der Zeile. Das verschaffte der Musik einen Anstrich von Nachdenklichkeit, so als sinniere der Sänger darüber, ob er wohl die richtigen Worte gewählt habe, die er gleich ins Mikro singen würde.

1979 veröffentlichte Sulke seine vierte LP, die einfach nur seinen Namen Stephan Sulke 4. Darauf enthalten ist das Lied Heut seid ihr alle eingeladen.

Gibt es ein besseres Beispiel, um zu zeigen: Das ist nicht Schlager?
Wenn sich einer von seinen Feinden wie den Kameraden verabschiedet, sagt, er wäre gern noch geblieben, verlasse aber nun das Jammertal, dann ist – auch wenn es nicht explizit so gesagt wird – von einem Abschied auf Immer die Rede. Und damit ist mitnichten ein Ortsteil Solingens gemeint, der tatsächlich Jammertal heißt, sondern ganz der christlichen Tradition folgend das irdische Leben allgemein.
Wie Reinhard Meys Wie ein Baum, den man fällt war auch Sulke in den Dreißigern, als er das Lied schrieb und sang. Es erschien fünf Jahre nach Meys Gedanken zum Sterben. Das Thema lag wohl in der Luft.

Hier der Text:

Heut seid ihr alle eingeladen,
Wo seid ihr nur so lang geblieben?
Die Feinde und die Kameraden,
Mein Leben habt doch ihr geschrieben.

Heut seid ihr alle eingeladen,
Mir scheint ihr wollt schon von mir eilen.
Ihr zieht davon so wie Nomaden,
Wollt ihr nicht noch etwas verweilen.

Und ihr sollt froh sein,
Ich verlass das Jammertal.
Nur die Straßen und die Felder
Und die Städte und die Wälder
Und euch alle seh ich gern noch tausend Mal.

Heut seid ihr alle eingeladen,
Heut weckt der Frühling seinen Flieder.
Erzählt mir nochmals die Balladen,
Und singt mir nochmals meine Lieder.

Und ihr sollt froh sein,
Drüben sei ein besseres Land,
Nur die Schläge und die Kriege
Und die Zweifel und die Siege
Und die Hoffnung hab ich alle gern gekannt.

Heut seid ihr alle eingeladen,
Ich hab euch lang bei mir getragen,
Doch langsam reißt der letzte Faden,
Und ich hätt noch so viel zu fragen.

Heut seid ihr alle eingeladen …

Karl

AUGUST

Jakob hatte am Abend mit dem Arzt gesprochen, der ihm mitgeteilt hatte, dass sein Vater wohl nicht mehr lange überhaupt laufen werden könne. Dass sich Karl an immer weniger erinnerte, wusste Jakob selbst. Karl hatte begonnen sein Leben zu vergessen, bevor er es abschließen konnte. Jakob erinnerte sich für ihn daran, dass Karl immer den Anspruch hatte, sein Lebensende so zu gestalten, dass er keine Belastung für Jakob war. Seine letzte eigene Chance dazu hatte Karl nicht mehr nutzen können. Doch sich daran zu erinnern half Jakob bei der Entscheidung für Karls Umzug. Und Jakob erinnerte sich daran, dass Karl noch einmal an die Ostsee wollte. Nach Ansicht des Arztes blieb dazu nicht mehr viel Zeit. Deshalb hatte sich Jakob letzte Woche frei genommen, ein Doppelzimmer in einem behindertengerechten Hotel in Timmendorfer Strand gebucht, Karl, seinen Rollstuhl und einen Koffer voller Windeln, die Karl inzwischen brauchte, in seinen Wagen gepackt und war mit ihm an die Küste gefahren. In der Nacht schrie Karl und schlief tagsüber meistens in seinem Rollstuhl. Der Hoteldirektor sprach Jakob schon nach der ersten Nacht auf die Ruhestörung an, empfahl nachmittags eine kleine Pension in der Nähe, die allerdings nur über Treppenstufen zu erreichen war und Jakob und Karl reisten nach der zweiten Nacht wieder ab.

Einmal, als Jakob Karl in seinem Rollstuhl auf die Seebrücke geschoben hatte und sie eine Weile in der Sonne den Möwen zugehört und dabei zugesehen hatten, wie sie immer wieder in die Dünung herab gesaust waren, um etwas Futter zu fangen, hatte Karl gesagt:

„Jakob, es ist so schön hier. Danke, dass Du Dich erinnert hast“, und war dann wieder eingeschlafen. Als der Wind Jakobs Tränen getrocknet hatte und Karl immer noch schlief, hatte Jakob ihn zurück ins Hotel geschoben. Karl wurde an dem Tag nur noch einmal kurz zum Abendessen wach und auch auf der Rückfahrt hatte er kaum mit Jakob gesprochen, der nach der Hälfte der Heimfahrt seine Versuche einstellte, ein Gespräch mit ihm zu führen.

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Lesetipp: Vom Leben getragen

Ich freue mich, dass mich der Mabuse-Verlag auf dieses Buch aufmerksam gemacht hat. Im Vorwort „Mit unserer Liebe für die Toten“ steht: In kaum einem anderen Land Europas ist der Tod so ein Tabuthema, so angstbesetzt und so ins schwermütige Dunkel verdrängt wie hier. Das Glück, eine große Gemeinschaft um sich zu haben, die unterstützt und mitträgt, einander den Rücken freihält für das Wesentliche und tatkräftig mit begleitet, ist bis heute für die meisten Menschen, nicht nur in schweren Situationen, die Ausnahme.

Der Bestatterin ist der liebevolle Schutz für verstorbene Frauen und Kinder ein besonderes Herzensanliegen.

Das Buch wird hier auf der Seite des Verlags vorgestellt.

Die Autorin Ajana Holz ist Bestatterin mit Leib und Seele. Mit ihrem bundesweit mobilen Bestattungsunternehmen DIE BARKE begleitet sie seit über 20 Jahren die Toten in ihrem Übergang und die Lebenden beim Abschied und in ihrer Trauer. In diesem Buch widmet sie sich den vielen tabuisierten Themen rund um Tod und Bestattung.

Wie gehen wir als Gesellschaft mit unseren Toten um oder: Welchen Umgang lassen wir zu? Ist unser Körper „nur eine Hülle“? Und welche Folgen hat diese Annahme? Was ist alles bei einer Bestattung zu bedenken, was ist erlaubt und was nicht? Und was sollte sich daran ändern? Wie war unsere Bestattungskultur früher? Wie ist der professionelle Umgang heute?

Das Buch ist in folgende Kapitel aufgeteilt:

Mit unserer Liebe für die Toten …

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Besuch bei einer alten Dame

Sie parkte ihren Wagen in einer engen Parklücke. Es würde schwer werden aus dem Wagen zu kommen. Sie blieb sitzen, schaute auf die weiße Villa, die so gar nicht nach einem Sanatorium aussah, eher wie eine großzügige Party-Location: das letzte Zuhause ihrer Großmutter. Zuhause, was für ein seltsames Wort. Es sollte mehr sein als ein Haus. Dieses Haus war zu. Alle Türen abgeschlossen, der Garten hoch umzäunt. Selbst Wünsche, die vermutlich die wenigsten Bewohner noch hatten, konnten nicht herausfliegen. Die Fenster abgeschlossen und die eigenen Ideen durch den geregelten Tagesablauf gelenkt.

Sie hing ihren Gedanken nach. Die Präsentation musste fertig, Fenster geputzt und eingekauft werden. Und sie musste endlich aussteigen. Sie zwängte sich durch den schmalen Spalt der ihr dazu blieb und atmete noch einmal tief durch, ehe sie auf die Eingangstür an der Rückseite des Hauses ging. Auch hinein kam man nicht ohne weiteres. Klingeln, warten, lange warten und sich dann erklären. Sie wollte ihre Großmutter sehen. Ja, sie war die Enkelin von Frau Müller oder das was noch von ihr übrig war.

Alle Selbstsicherheit war dahin als sie auf die alte Frau im Rollstuhl zuging, der einfach mitten in dem großen Raum stand. Ihre Großmutter hatte ihr den Rücken zugewandt, war inzwischen nicht mehr zu erkennen. Jemand entschied für sie welche Bluse sie trug, wie ihre Haare geschnitten und dass sie nicht mehr gefärbt wurden. Sie sah anders aus, als die Frau die sie so liebte und brauchte. An guten Tagen erkannte ihre Großmutter sie. „Hallo mein Schätzchen“ war zumindest so zu interpretieren.

Sie schob den Rollstuhl mit Ihrer Großmutter näher zu einem Sofa und setzte sich.

„Wie geht es Dir?“, war alles was ihr einfiel. Wie sollte ein Mensch der nicht wusste, was er gerade gegessen hat, das beantworten?

„Alles gelb!“ Alles gelb? „Gefällt Dir der Vorhang?“
„Ja. Das Hotel ist ganz Tomate. Wann fahren wir nach Hause?“
„Nach dem Abendessen“, sagte sie. „Was habt ihr denn heute gemacht?“
Ihre Großmutter antwortete nicht sondern schaute zu einer Mitbewohnerin, starrte sie an und es brach aus ihr heraus: „Die hat ja einen Arsch wie ein Brauereigaul!“ Anarchie im Gedankenknast – gut beobachtet und treffend formuliert.

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Letzte Vorstellung

Gegenüber von meinem Hotel wurde gestern ein Kran aufgestellt. Ein sehr hoher Kran. Ganz oben hängt eine Kabine, in der der Kranführer sitzen wird. Der Kran ist so hoch, dass an seiner Spitze eine Warnleuchte blinkt. Heute wurde der Ausleger an dem Kran angebracht, fast so lang, wie der Kran hoch ist. Ein zweiter Kran hat Betonquader am Ende des Auslegers eingehängt, als Gegengewichte. Dabei liefen Arbeiter über den Ausleger. Einfach so. Und der Wind könnte sie herunter wehen. Einfach so.

Ist es wahr, dass, wenn man stirbt, das eigene Leben noch einmal in Gedanken an einem vorbei zieht? Wenn das so ist, ist der Kran hoch genug, damit der Arbeiter noch einmal alles sehen kann? Oder gibt es dann nur ein best of oder ein worst of, wenn der Sturz nicht lang genug wäre? Kann die vielleicht fehlende Höhe durch ein niedriges Alter kompensiert werden, damit er doch alles sieht? Oder wird die Wiedergabegeschwindigkeit einfach höher, damit jeder auf jeden Fall alles sehen kann? Kann man sich vielleicht selbst aussuchen, was man sehen will oder sieht man zumindest immer das, was wichtig gewesen ist. Und wenn ja, für wen muss es wichtig gewesen sein, für einen selbst oder Menschen, die in seinem Leben vorgekommen sind? Zeit für Erkenntnis wird so oder so nicht bleiben. Doch wenn er gar nicht stirbt bei dem Sturz, sondern aufgrund einer glücklichen Fügung in einen mit Wasser gefüllten Schacht stürzt, Prellungen und Knochenbrüche hat, aber nicht tot ist, kann er sich dann daran erinnern was er gesehen hat? Wüsste er dann was wichtig gewesen ist, auch wenn er es vielleicht beim ersten Durchlauf nicht gemerkt hat?

Wenn er nicht von dem Kran fiele, sondern mit Covid auf einer Intensivstation läge, ab wann würde er dann sein Leben noch einmal sehen? Wenn er intubiert wird oder muss sein Körper, wie auch immer, erst feststellen und verstehen, dass keine Rettung mehr möglich ist, ehe die letzte Vorstellung gestartet wird?

Warum passiert das überhaupt, wenn es denn stimmt? Um es leichter zu machen oder schwerer, kompletter?

Und jetzt wird in den Straßen geschossen und fallen Bomben. Ich bleibe in meinem Hotelzimmer, sehe den Kran und zwischendurch die Nachrichten, die non-stop auf jedem Kanal berichten. Eine Frau ist bei einem Bombenangriff auf ihren Fahrrad getroffen worden. Sie hat gestrampelt und ist dann einfach tot umgefallen. Das Geschütz hat sie nicht kommen sehen können. Hat auch sie ihr Leben noch einmal gezeigt bekommen, zusammen gedampft auf ein Bild, eine Einstellung, eine Collage, auch wenn der Tod aus dem Nichts, ungeahnt gekommen ist? Ist ihr Tod deshalb grausamer? Oder gnädiger? Wie oft soll ‚es ging ganz schnell‘ trösten. Doch wie kann es, wenn der Tod so ungerecht und unnötig scheint?

Ich kann nicht hinaus gehen, weil es zu gefährlich ist. Eine Kugel im Körper, Gebäudeteile auf dem Kopf und die letzte, kurze Vorstellung würde beginnen. Solange ich drinnen bin ist die Möglichkeit geringer und ich habe mehr Zeit. Ich fange an, an mein Leben zu denken. Familienurlaube in Rimini, das Pony und der Dalmatiner, der erste Kuss, der Rauswurf aus der Uni, Lakritzschnecken, ein Schlitten, die Geburt meines Sohns, die Beerdigung meines Opas, ein Strauß Ranunkeln, Sonnenaufgänge, Starts und Landungen, Tortenspitzen, Gewitter, ein Gerichtstermin, ein Brief, der Weihnachtsbaum, eine Theatervorstellung, Tränen, lautes Lachen, ein Müllwagen und ein Segelboot, Raketen… Ich habe noch Zeit. Draußen wird es lauter.

Buchtipp: Tante Tillys Tod. Ein Kinderfachbuch …

… übers Abschiednehmen und Zu-Hause-Sterben-Dürfen. Wir freuen uns, dass uns der Mabuse-Verlag das Buch zur Verfügung gestellt hat, um es hier im Totenhemd-Blog vorstellen zu können. Ich habe gern darin gelesen und geblättert.

Die Illustrationen sind bunt und froh. Die Wörter, die die Krankheit Krebs und den nahen Tod beschreiben, sind kindgerecht freundlich: Da wird vom „krebsroten Blumenkohl“ erzählt oder der „verkrebsblumenkohlten Lunge“. Das Buch liest sich ohne Gefühlsduselei, mitten im Leben ganz praktisch, „ohne Kuscheln ist das Leben nix wert“, findet Tante Tilly. Ein „Seelenschmetterling“ wird mal ihre Ideen, Träume, ihr Lachen mitnehmen und davon fliegen. Für Kinder ist es tröstlich, wenn sie mit etwas Greifbarem weiterleben können: Tante Tilly wird mal im Seelenschmetterlingsparadies ankommen, da kann man ihr auch zuwinken.

ein Rezensionsexemplar vom Mabuse-Verlag
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Was bleibt?

Wenn du jetzt sterben würdest, was würde in 10 Jahren von dir geblieben sein? – Eine spannende Frage, die auf dem Twitter-Account des Bestattungsunternehmens Thanatos vom Geschäftsführer Julian Heigel vor ein paar Wochen aufgeworfen und für sich selbst beantwortet hat: Erinnerungen bei denen, die er ausgebildet hat, Erinnerungen bei Familienangehörigen und engen Freunden und ein Berliner Erd-Grab, das – so seine Vermutung – nicht besonders gepflegt sein wird.

10 Jahre sind eine lange Zeit, aber nun auch wieder nicht so lang, dass man sie nicht überschauen kann. Und auch nicht so lang, dass man nicht einen spekulativen Blick in die Zukunft wagen darf. Das ist das Reizvolle an dieser Fragestellung. Zugleich ist es die Frage nach einer Zwischenbilanz und einer Rückschau auf das eigene Leben. Was habe ich erreicht? Und vor allem: Was davon wird bleiben?
Ich nehme die Frage gern mal auf:

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