Der Exit Tag

Eine Kollegin kam vor ein paar Wochen ins Büro und erzählte von einem Gespräch mit einer ihrer Freundinnen. Der Inhalt dieses Gespräches: Die Stiefmutter dieser Freundin hatte ihre Stieftochter vor kurzem informiert, dass sie nun den Termin für ihren Exit-Tag bekommen habe. Kommende Woche Donnerstag, 14 Uhr.

So verstörend wie es die Kollegin empfand, so verstörend fand ich das auch. Mehr noch. Ich fand das, je mehr ich darüber nachdachte, hammerhart. Ein schwieriges Thema, je mehr ich darüber nachdenke.
Obwohl ich natürlich längst von dem Sterbehilfetourismus in die Schweiz weiß, vielleicht, war ich noch nie mit dem Thema ernsthaft konfrontiert. Auch dieses Mal nur mittelbar und über drei Ecken, aber es rückte plötzlich dicht auf.

Die Frau war schwer krank. Sie ließ sich also in die Schweiz fahren und wusste, dass sie am Donnerstag, dem x.ten, Punkt 14 Uhr ihren Termin in einem entsprechendem Institut hatte. Den definitiv letzten Termin ihres Lebens.
Bis dahin hat sie Zeit, alles zu richten und sich von allen zu verabschieden. Und dann ist es vorbei, das Leben. Wer sich dazu entschließt, hat sicherlich sehr gute Gründe, hat sich das lange überlegt und ganz sicher alle notwendigen Vorkehrungen getroffen und „seine Angelegenheiten in Ordnung gebracht“, wie es so schön heißt. Und wartet dann darauf, benachrichtigt zu werden, wann denn dieser Exit-Day stattfinden wird.

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13.3. Sarah: Carpe diem: pflücken, abreißen, necken

Ich bin etwas spät dran … ich habe den Tag fleißig genutzt :-). Heute schreibt Sarah Bernhardt für die Blog-Challenge. Ich freue mich drüber.

Carpe diem – nutze den Tag!
Wieder eine von diesen Aufforderungen. Wieder ein großes … Satzzeichen inmitten all der Ausrufezeichen, die mir dieser Tage und eigentlich doch auch immer sagen, was ich zu tun habe oder zu lassen. Was ich darf, nein soll. Und wovor ich mich eindeutig zu hüten habe. Deutliche Wünsche, Behauptungen, Regeln. Dazwischen Parolen, Wahlkampf und in die Unendlichkeit führende To-Do-Listen. Mittlerweile auch mit diesen großen, unumstößlichen Satzzeichen versehen. Und nun auch noch hier?

Carpe diem – nutze den Tag!
Mein Lateinunterricht ist nun schon einige Jahre her, aber wie es mit vielen Sprachen ist, haben Worte gerade auch in den alten Sprachen oft mehrere Bedeutungsnuancen. Mein Wörterbuch, den guten alten Stowasser habe ich nicht mehr. Aber das Internet kennt sich aus. „Frag-Casear.de“ wird die Seite meiner Wahl. „Cäsar muss es wissen“, finde ich. „Der war schließlich Muttersprachler und hat meines Wissens so manch einen Tag ausgiebig genutzt…“

Carpere = Infinitiv: pflücken, abreißen, necken.. Da steht nichts von „nutzen“ oder „genießen“. Auch wenn Langenscheidt und Pons dazu sehr wohl etwas schreiben, bleibe ich heute bei meinem Cäsar. Und denke einfach einmal ganz neu und anders: „Pflücke den Tag!“ Pflücke dir einen Strauß von Tagen. Die schönsten in einem hübschen Bund. Sonnenblumentage, Vergissmeinnichttage, Lilientage, Rosentage. Pflück sie und stell sie in eine Vase. Und dann find einen Ort, an dem du sie sehen kannst. Die Sonnenblumentage in Regengraumomenten. Die Vergissmeinnichttage in Zeiten, in denen ich mich selbst zu vergessen scheine. Lilientage für die Momente der Vergänglichkeit, das Vermissen, das Abschied-nehmen. Und Rosen? Für die Liebe: Die war, die kommen wird und die ist.

hab ich geknipst

„Reiße den Tag ab!“ Ein Blatt vom Abreißkalender als ein Zeichen dafür, dass auch dieser Tag geschafft ist und auch der schlimmste Tag vorbeigehen kann. Oder anders? „Reiß den Tag ab!“ auf einer Ar..backe absitzen, ihn „rocken“, ihm trotzig die Stirn bieten: „Du bist morgen nicht mehr da! Ich schon! Wahrscheinlich…“

„Necke den Tag!“ Diese Formulierung mag ich besonders. Ein wenig mit dem Tag scherzen, ihn etwas sticheln und ihn mit Humor begehen, alles aus ihm heraus kitzeln. Liebevoll umspielen und ihn nicht größer, aber auch nicht kleiner machen, als er ist. Hab ihn lieb – ihn und seine Leichtigkeit. Denn: „Was sich liebt, das neckt sich!“

Carpe diem! Für den „Tag“ schaue ich übrigens doch noch einmal bei Cäsars Kollegen „Herrn Langenscheidt und Herrn Pons“ nach. Und ich staune, welche Nuancen „dies“ auch noch haben kann: Tageslicht, Tagewerk, Todestag, Geburtstag, Schicksalstag. Sie alle zu pflücken, sie abzureißen, gar zu necken – mit einem Ausrufezeichen versehen – das macht mich neugierig.

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9.11. Stefanie Gänßlen: an einem Sonntagnachmittag …

4F0C31C1-F442-4EB2-A59C-F093831BDB25.jpegAn einem Sonntagnachmittag auf dem Heidelberger Bergfriedhof 20.10.19

Faszinierend,
was mich bewegt,
wenn ich mit Stift und Kamera
an einem sonnigen Sonntag Nachmittag
auf dem Heidelberger Bergfriedhof
unterwegs bin

Achtsamkeit
Denken
Fühlen
Danken
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Hallo Pa, zum vierten Todestag

Gestern war der 4. Todestag meines Vaters. Nach seinem Tod war alles anders für mich: ich habe eine Weiterbildung zur Sterbe- und Trauerbegleiterin absolviert. Ich habe mit Annegret diesen Blog ins Leben gerufen. Vier Jahre nach seinem Tod geht es mir anders = besser. Schon ziemlich entfernt von ihm und meiner Trauer. Dennoch tut es mir gut mich zu erinnern und mich einzulassen auf diese Zeilen, die ich gerne mit Euch teilen möchte, auch im Hinblick auf die kommende Blogaktion. Einen Brief an einen Toten schreiben?

Mein Pa. Gestern während der Chorprobe dachte ich oft an Dich, mein Lieber. Wir haben schöne Lieder gesungen und mir ging mein Herz auf, als wir ein Kirchenlied sangen, das im Gottesdienst bei uns in Frankfurt zur Liturgie gehörte. Ich hatte es ewig nicht gesungen und bekam Heimweh. Es hat nichts mit Dir zu tun, denn Kirche war für Dich ein rotes Tuch. Ich hab gestern auch ein bisschen für Dich gesungen.

Im letzten Jahr hab ich dich in meinem Blogartikel gefragt, ob du da oben im Himmel den anderen deine Arien vorsingst so wie uns. Und vielleicht organisierst Du Tanzveranstaltungen so wie früher in unserem Hotel-Restaurant? Es war immer Leben in der Bude bei uns.

Zur Zeit läuft eine Fernsehserie über die Zeit zwischen dem 1. Weltkrieg und 1939. In dieser Zeit bist Du aufgewachsen. 1939 warst du schon 12 und mit 16 hast Du „an der Flak“ gestanden. Das Thema „Kriegsenkel“ hat mich letztes Jahr eine Weile sehr beschäftigt. Von wegen transgenerationale Weitergabe von Traumata. Was habt Ihr für eine schreckliche Zeit gehabt. In welch einem Wirrwarr musstet Ihr überleben.

Ich habe deine Geschichte aufgeschrieben für deine Enkel. Ich werde es ihnen zu meinem 60. Geburtstag schenken. Stell Dir vor: ich werde 60. Was eine Zahl! Und ich lebe im Frieden in der Schweiz, ein sehr priveligiertes Leben.

Ja, mein Pa, ich stelle mir vor, wie Du das alles liest und hörst und beobachtest. Und ich sehe Dich nicken, mir zuzwinkern. Du bist einverstanden und hast auch deinen Frieden gefunden. Dabei rauchst du deine Reval.

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Hallo Pa, willste ne Reval zum 3. Todestag?

Hallo mein lieber Vater,

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14.9.2014 frühmorgens

heute vor drei Jahren bist du plötzlich gestorben. Von jetzt auf gleich innerhalb weniger Minuten in den Armen Deiner Frau gestorben. Was ein schöner schneller Tod!

Ich sag Dir, das hat mich echt umgehauen. Das weiß ich heute, 3 Jahre später. Ohne Abschied bist Du gegangen. Einfach so. Es gab keine letzten tröstenden Worte von Dir an uns. Was war ich wütend und verletzt: bist einfach „so“ gegangen. Es hat mich ganz schön umgehauen, mein Lieber.

„Schillers Glocke“ habe ich immer noch nicht auswendig gelernt und an Deinem Grab aufgesagt, zumindest die letzte Strophe wollte ich ja lernen.

Die Trauer um Dich verblasst (darüber bin ich froh), es bleibt die Freude über das, was Du mir mitgegeben hast: die Liebe zur Musik und zum Singen. Ich träller wirklich mein Leben gern und denke dann oft im Stillen an Dich.

Stell Dir vor, was das Größte ist für mich: Mittwochs gehe ich jetzt immer mit Winston dem Labrador spazieren. Der schwimmt sogar mit mir im See! Zum Piepen sag ich Dir! Damals als ich unseren Riesenschnauzer Aki hatte hätte ich mal wissen sollen, dass die Hunde es lieben, einem Ball hinterher zu laufen. Dann hätte er sich nicht mit den Steinen abgeben müssen, die er immer im Maul hatte und sich deshalb die Zähne ruinierte. Ja Mist, das tut mir jetzt manchmal in der Seele weh. Aber Winston den liebe ich, der macht mich so was von häppy. Eines Tages werde ich einen eigenen Labrador haben. Jetzt aber noch nicht.

Eine Kerze anzuzünden ist einfach, das habe ich gerade gemacht. Es ist eine Friedenskerze, deren Flamme jetzt lodert. Eine Reval für Dich anzuzünden ist schon schlimmer, weil ich dann den Zigarettengeschmack eine Weile im Mund haben werde. Hust!

170527_p_und_v_78Ich war beim Jodelkurs, als Du gestorben bist. Ich musste das Wochenende abbrechen. Ich konnte da nicht mehr Jodeln ;-). Und war seitdem noch nicht wieder dort im Toggenburg bei einem nächsten Jodelkurs. Ich hab aber mit Annegret österreichisch gejodelt während meiner Geburtstagsfeier. Du hättest uns mal hören sollen! „I krogel di o“ (ich dreh dir den Hals um (liebes Hähnchen).

Geht es Dir gut da oben? Singst Du den Engeln deine Arien vor so wie uns früher? Singen sie dann mit und stimmen ein im Chor? Das wünsche ich Dir.

See u nächstes Jahr wieder hier! 🙂

Das erste Trauerjahr ist vorbei.

 

17.11. Petra Ulbrich: Aufräumen oder Steine am Todestag

fullsizerender-2Nur eine weiteres Jahr,
in der nichts in Ordnung ist.
Nichts mehr ist wie es war.
Nachts stehen Sterne am Himmel
leuchten strahlend und hell.

Schwarze Löcher tun sich auf
fressen, fressen, fressen das Licht.

Wann gebierst du den Stern, wann?

Zum vierten Mal jährt sich der Todestag meines Mannes – am 17. November 2012 bröckelte meine Welt. Heute möchte ich mit ihm und euch Steine aufräumen!

Ein Stern ist noch nicht geboren worden und aus den kleinen Erschütterungen wurde ein Erdbeben, das auf der Richterskala einen Wert von 6,9 erreicht hat. Genau, wie jetzt gerade in Mittelitalien immer und immer die Erde bebt und nicht zur Ruhe kommt, genauso fühle ich mich. Ständig in Habachtstellung, dauernd darauf bedacht, dass gleich wieder etwas zusammenstürzt – und ich nichts machen kann.

Wir freuen uns, dass Petra wieder dabei ist … hier geht es zu ihrem Blog. Lest ihren schönen Beitrag.