Der Tod wartet im Forst

Der nachfolgende Beitrag gehört zu den am häufigsten gelesenen Texten in meinem Blog. Vielleicht kennen Sie in bereits. Falls nicht, wiederhole ich ihn hier sehr gern, allerdings in textlich leicht gekürzter und geänderter Fassung:

Die Staatsstraße ST 2080 verbindet östlich von München die beiden oberbayerischen Gemeinden Ebersberg und Markt Schwaben. Eine merkwürdige Strecke. Dabei scheint an einem frühen Sommermorgen alles so idyllisch, so friedlich.

Doch der Schein trügt. Düsteres weiß man im Landkreis Ebersberg über den Ort zu berichten. Und nicht nur dort geht eine gruselige Geschichte um, die sich dort ereignet hat.

Denn einst hat es hier einen schweren Unfall gegeben und damit fing alles an. Nun ist der Totenhemdblog nicht unbedingt ein True-Crime-Blog, auch kein sensationsheischendes und -lüsternes Medium, Unglücksfälle und Geschichten von Mord und Totschlag zu kolportieren. Aber dieser spezielle Fall spukt noch immer in den Köpfen der Menschen in der Region umher. Und Halloween, Allerheiligen und Allerseelen steht vor der Tür, da darf es heute ruhig etwas creepy sein. Denn das  „spukt“ ist in diesem Fall wörtlich zu nehmen.

Ort des Geschehens ist die kleine Hubertuskapelle mitten im Wald, mehrere Kilometer liegen zur nächsten Ortschaft, ob nun nach Nordwestern oder nach Südosten.

Die Kapelle ist unspektakulär, 1859 entstanden, „durch fromme Beiträge und die Bemühungen des Forstwarts Kühner“. Damals wusste man noch nichts von einer weißen Frau, die im Ebersberger Forst umhergeistert, heute weiß jeder davon, der in der Nähe des Waldes wohnt. Und jeder zieht seine ganz persönlichen Konsequenzen.

Männlich, allein im Auto

Hier, in der langgezogenen Linkskurve spukt es. Hier lauert die weiße Frau.
Tagsüber ist das alles kein Problem, also fahre ich (männlich, allein im Auto) besser tagsüber (!) zu besagter Kapelle, stelle mein Fahrzeug auf einen Wanderparkplatz und schaue mich um. Nachts bringen mich keine zehn Pferde hierher und ich kenne einige, die lieber einige Kilometer Umweg in Kauf nehmen, als nachts durch den Forst zu fahren.

Warum?

Schnurgerade gehen in die Wege durch den Wald, der nur ein Forst ist, überwiegend aus Fichten besteht und alles andere als schön ist. Ein Wirtschaftsgebiet, ein „Industriewald“, der es aber in sich hat.

Männlich, allein im Auto

Spazierengehen ist hier offenbar unerwünscht. Die Zeichen sind eindeutig. Vielleicht hat das nur etwas mit Waldarbeiten zu tun, vielleicht aber auch nicht. 

Möglicherweise will ich in diesem Moment keine profane Erklärung, aber weitergehen will ich auch nicht. Keine Warnung ohne Grund. Also widme ich mich dem kleinen Gebäude.

Männlich, allein im Auto

Das Gittertor der Kapelle ist nicht verschlossen, was mich etwas überrascht. Vorsichtig öffne ich die Tür und betrete den winzigen Kapellenraum. Das Gitter behalte ich im Auge, nicht dass es hinter mir plötzlich ins Schloss fällt und sich dann nicht wieder öffnen lässt. Dann säße ich in der Falle. Man weiß ja nie, was an solchen Orten alles passieren kann. Genug passiert ist hier ja schon:

Einst nämlich, so erzählt man sich, fuhr eine Frau nachts durch den Forst auf einem Fahrrad. Ein Autofahrer (männlich, allein im Auto), übersah sie. Es kam zu einem tödlichen Unfall, in anderer Lesart zu einem Unfall, bei dem die Frau schwer verletzt wurde. Der Erzählstrang weist nun mehrere leicht abweichende Varianten auf. Entweder fuhr der Mann einfach weiter und ließ die Frau dort sterben, oder die Frau war schon tot. Oder der Mann hielt an und verbarg die Leiche oder schwer verletzte Frau im dunklen Wald und überließ sie ihrem Schicksal.

Letztlich sind die Varianten beliebig. Entscheidend ist, dass die Frau im Wald ihr Leben aushauchte und seitdem als Wiedergängerin diesen einen Fahrer des Autos sucht: Ihren Mörder. Dazu hält sie nachts an der Kapelle Autofahrer (männlich, allein im Auto) an, möchte ein Stück mitgenommen werden und versucht, auf diesem Streckenabschnitt zu erfahren, ob der Fahrer ihr Mörder ist. Wer sich weigert oder gar nicht erst anhält, dem erscheint sie umgehend im fahrenden Wagen auf dem Beifahrersitz und greift ihm ins Lenkrad.
Viele schwere, aber nicht wirklich erklärbare Verkehrsunfälle hatte das in den Jahrzehnten seit die weiße Frau im Forst spukt zur Folge. Manche haben den Fahrern das Leben gekostet.
Nur ein törichter Schelm würde all diese schweren Unfälle mit unkontrolliertem Rasen nachts im Wald in Verbindung bringen, mit nasser Fahrbahn, Laub oder Ablenkung am Steuer. Wo doch jeder weiß, dass die weiße Frau ihre Hände buchstäblich mit im Spiel hatte.

Viele andere berichten auch von merkwürdigen, nicht erklärlichen Lichtphänomenen bei der Hubertuskapelle – nachts wohlgemerkt und immer nur gesehen von Autofahrern, männlich und allein im Fahrzeug.

Männlich, allein im Auto

Während all die Verkehrsunfälle dokumentiert sind, gibt es über den eigentlichen Tathergang, den Unfall mit Todesfolge und Fahrerflucht, rein gar nichts. Zahlreiche Journalisten haben recherchiert, Polizei- und Vermisstenakten gewälzt: Keine Spur. So, als hätte diesen Unfall, auf den die Erscheinungen der weißen Frau zurückgehen, nie gegeben. Selbst Pro7 hat sich bemüht, der Geschichte auf die Spur zu kommen. Vergebens.
Es ist nichts dokumentiert, was der Forschung helfen könnte. So, als gäbe es die Weiße Frau in Wirklichkeit gar nicht. Wären da nicht die vielen Augenzeugen.

Die Geschichte der weißen Frau gehört ähnlich wie die Geschichte einer anderen weißen Frau, die im Bayerischen Wald spuken soll, zu den urban legends oder urban myths – jenen Geschichten, die jeder schon mal gehört hat, die unbedingten Wahrheitsanspruch reklamieren, aber so phantastisch, abstrus oder eben unwirklich sind, dass sie einfach nicht stimmen können. Aber Geistergeschichten, die durchaus auch dazu gehören, halten sich nun mal seit Jahrhunderten – und manchmal kommen eben zu den weißen Frauen längst vergangener Tage neue hinzu: Radfahrend, von einem Pkw-Fahrer getötet. Sehr modern.

Als ich tagsüber zur Hubertuskapelle zum Fotografieren fahre, werde ich, als ich ein Bild an meine Familie schicke und erwähne, wo ich mich gerade befinde, schnell belehrt: Die weiße Frau erscheint doch nur nachts. Tagsüber brauche ich ja wohl nicht zu suchen.

Männlich, allein im Auto

Ja, das weiß ich. Ich suche allerdings nicht, ich will mich nur mal an diesem Ort ein wenig umschauen. Einfach mal anhalten und aussteigen.
Denn nachts durch den Forst und zur Kapelle zu fahren (männlich, allein im Auto), anzuhalten, womöglich Fotos machen zu wollen, wäre ja Idiotie auf Ansage.
Im Leben nicht. So blöd kann doch keiner sein.

Männlich, allein im Auto

Ein Gedanke zu „Der Tod wartet im Forst

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