Ein Ort der Kraft, und einer der Erinnerungen – der alte Hohensyburger Friedhof

St. Peter Kirche auf der Hohensyburg

Ein wenig abseits der Hohensyburg im Süden Dortmunds steht die uralte Kirche St. Peter.
Es ist „ein Ort der Kraft,“ wie eine Frau, die zwischen den Gräbern umherstreift, erzählt. Man könne sie spüren, das könne man lernen. Sie fragt, ob wir diese Kraft nicht auch spüren und blickt sich etwas fahrig um.
Das Ganze hat etwas Unwirkliches, fast könnte es eine Szene aus der britischen Krimiserie Midsomer Murders sein, bei uns bekannt als Inspector Barnaby. Es würde so gut passen. Denn nicht wenige Fälle dieser Serie beginnen mit Szenen auf alten Friedhöfen und herumstreunenden Menschen mit leicht sonderlichen Gedanken. Die Frau trägt einen Strauß vertrockneter Wildblumen im Arm, liebevoll eingebettet in die Armbeuge wie ein Baby und damit mit Sicherheit nicht für den baldigen Wurf auf den Kompost gedacht.
Sonderbar, sehr sonderbar.Gräberfeld

Schon sehe ich in meinem Kopfkino einen der berühmt-skurrilen Morde, wie sie für die Serie so typisch sind. Danach das Flatterband, Dr. George Bullard über der kunstvoll drapierten Leiche und DCI Barnaby und DS Jones die Ermittlungen übernehmen.
Das Setting wäre perfekt.

Aber das Leben ist kein Kopfkino, zumindest meines nicht. Die fremde Frau erzählt, dass ihre Großeltern hier geheiratet hätten, sie käme oft hierher, um die Kraft zu spüren, die von dem Ort ausgeht. Das kann ich sogar in gewisser Weise nachvollziehen, wobei ich es weniger als Ort der Kraft als einen Ort der Stille bezeichnen würde, in der die Kraft allein aus der Ruhe, zu der man kommt, erwächst. Aber das ist wohl Ansichtssache.

Als die Frau aber davon anfängt, man könne diese Lebensenergie nicht nur spüren, sie sei auch messbar und werde in Bovis-Einheiten eingeteilt, zögere ich, ob ich jemals googeln werde, was das eigentlich sein soll – aus lauter Angst, dass mir anschließend jede Menge esoterische Angebote in Anzeigen in den sozialen Medien ausgespielt werden. Wer weiß: Wünschelroutengänger, Handyentstörungsaufkleber, Schlafplatzharmonisierungsmatten… vielleicht sogar Aluhüte?
Ich habe es – das gebe ich ehrlich zu – nicht so sehr mit diesen Dingen.

Was nicht heißt, dass mich solche Orte nicht auch begeistern können. Auch spirituell. Nur eben anders. Aber – um es mit einem Wort aus der Dramaturgie zu beschreiben: Es ist das Setting.
Auch mir geben alte Friedhöfe etwas. Ich finde auf ihnen Muße, Ruhe vor allem aber Inspirationen für Bilder und Blogbeiträge. Es ist allerdings mehr die Entschleunigung und der Abstand vom Alltag. Und das war’s dann schon. Das diskutiere ich aber nicht, die Frau würde mich nicht verstehen und ich sie nicht. Dazu sind unsere Welten vielleicht doch zu weit auseinander.
Gräberfeld und Kirche HohensyburgFür mich wird Energie in Joule und Kraft in Newton gemessen und zwar nach der Formel Gewicht x Meter durch Sekunde zum Quadrat (tröstet Euch, wenn Ihr das nicht mehr wusstet. Ich habe das auch gegoogelt).
Ich entferne mich, verschanze mich hinter der Kamera mit weit ausgefahrenem Objektiv, eines der besten Mittel, um sich Menschen vom Leib zu halten. Und wieder funktioniert es: Sie wolle bei meinem kreativen Prozess der Fotografie nun nicht weiter stören murmelt sie und schwebt von dannen.

Meinem Bruder schicke ich später per WhatsApp ein Bild, sofort erinnert er sich an die vielen Familienfahrten zur Hohensyburg, mein Opa war Dortmunder, wieder und wieder fuhren wir mit den Großeltern in den Westfalenpark oder zur Hohensyburg.
Vor allem aber bleibt eine Fahrt auf den „Berg“ in Erinnerung, die als wir Besuch aus Amerika hatten. Lange ist das her – rund 50 Jahre.
Der Bruder meines Vaters war mit seiner zweiten Frau und seiner ältesten Tochter in Deutschland. Natürlich wurde ihnen die Burg, das Denkmal, die Kirche und der uralte Friedhof gezeigt.St. PeterIrgendwer fand es sei wohl eine lustige Idee, wenn wir uns alle hinter die Grabsteine hockten und dahinter hervor linsten. So entstanden ein paar Bilder, die nicht nur furchtbar gestellt wirken sondern eigentlich auch ein wenig peinlich. Es zeugt nicht gerade von respektvollem Umgang mit Grabsteinen, selbst wenn die auf geschlossener Rasenfläche stehen, die Gräber als solche also nicht erkennbar sind. Ob wir uns wieder hinter die Steine gehockt hätten, fragte mein Bruder und ich hatte das dazugehörige Bild sofort wieder in Erinnerung.

Solche Fotos wurden (und werden vermutlich heute immer noch) eben überall gemacht. Kinder werden auf Burgkanonen gesetzt, in Schilderhäuschen gestellt oder eben hinter Grabsteinen versteckt. Das soll wohl witzig sein. Meist ist es nur peinlich und zeugt nicht selten auch von einer kolossalen Ignoranz gegenüber dem Ort, an dem man sich befindet. So, als sei der nur eine Kulisse, z.B. die einer englischen Krimiserie.
Mein Vater war allerdings ein großer Fan davon – ich fand es immer furchtbar. Wie überhaupt, inszeniert fotografiert zu werden.

Nein, wir haben solche Bilder nicht wiederholt.

 

4 Gedanken zu „Ein Ort der Kraft, und einer der Erinnerungen – der alte Hohensyburger Friedhof

  1. Ein faszinierender Ort. Wie alte – neue nicht und neue Kirchen auch nicht – Friedhöfe oft. Sie künden zwar auch von Vergänglichkeit, aber eben genau so von Geschichte, von Gewesenem, von dem, was die dort Verwesenden einmal angenommen, geglaubt, gelebt haben.
    Nach Gesprächen ist einem dort wohl weniger, eher nach Besinnlichkeit.
    Und ja, hinter einem Teleobjektiv ist sich gut verstecken. Das übe ich auch manchmal. Bei Kindern klappt das nicht, die werden dann erst neugierig!
    Doch man lernt nie aus. Und durch Gespräche dazu.
    Bovis, das klingt für mich nach Boviden, also Hornträgern, vielleicht auch nach den Suchern alter, komplex versteckter Wahrheiten – wenn Viehhalter eben von der Urkuh Audhumla schwärmen oder dergleichen. Was immerhin nachvollziehbar ist. Allerdings sollte der Schluck von altem Glauben und Aberglauben nicht zu groß sein, sonst könnte die Reaktion ähnlich wie bei sehr Laktoseintoleranten ausfallen. Ob der Lebensenergie Suchend Wiedergänger bedenkt: Ouod licet Jovi, non licet Bovi? Oder war es nur ein harmloser Pilzsammler, der nach Bovisten Ausschau hielt?

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  2. Friedhöfe sind für mich auch ganz besondere Orte. Oft gehe ich mit meiner Tochter zusammen, um die Familiengräber zu pflegen. Aber ich sehne mich auch manchmal danach, allein zu gehen, weil ich mit meinen Gedanken diesen besonderen Ort unmittelbarer erleben kann. Der Formel von Energie und Kraft setze ich folgendes Zitat von Werner Heisenberg entgegen:
    „Der erste Schluck aus dem Becher der Naturwissenschaft macht atheistisch, aber auf dem Grunde des Bechers wartet Gott!“
    Gerade deshalb ist ein Friedhof für mich auch eine Kraftquelle.
    LG Bettina

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