So denkt Fräulein Bork über´s Sterben nach

Hanna BorkMein erstes Mal: ich sitze im Kino in der allerersten Reihe neben der Regisseurin und Protagonistin eines Films, neben Hanna Bork. Als „Fräulein Bork denkt (sie) über´s Sterben nach“. Sie ist total aufgeregt, weil ihre Abschlussarbeit auf der Filmhochschule heute auf einer riesigen Filmleinwand vor 160 Leuten gezeigt wird. Ich bin angesteckt von ihrer Vorfreude und knallvergnügt (Ringelnatz!).

Asche - Hanna BorkDas hättet ihr jetzt  auch nicht gedacht, dass ein Film übers Sterben vergnüglich sein könnte. Von Trauergeklimper und Betroffenheitsgedöns keine Spur. Mit einem Feuerwerk-der-Gedanken geht es los; der Schlussknaller: „Ich glaube, Sterben ist das Silvester des Lebens!“ Äh, Moment mal, Hanna, habe ich das eben richtig gehört? Sie nickt heftig. Ich möchte sofort zurückspulen und all die anderen Antworten auf „Wie stellst du dir das Sterben vor?“ auch noch mitschreiben. So geht mir das eigentlich 40 min lang. Unfassbar, was die Frau da an Weisheit und Quergedachtem eingefangen hat!

Hanna Bork hat nach einer eigenen lebensbedrohlichen Situation die Philosophin und die Filmemacherin in sich zusammengetan und will mit uns dieser – sie gibt es zu – etwas unangenehmen Sache namens „Sterben“ auf den Grund gehen: wir gehen da gemeinsam durch. Und so fühle ich mich auch, gut an der Hand genommen – in tröstlich gelben Gummistiefeln. Manchmal bekomme ich die Augenbinde vom Gesicht gezogen und finde mich an erstaunlichen Plätzen und bei besonderen Menschen wieder.

Das Grab im Garten – oder im Wohnzimmer?
Bei dem bärtigen Typ von postmortal.de zum Beispiel, der gegen die deutschen Friedhofsregeln kämpft. Er hat sich für seine Asche schon mal mit dem Brunnenbohrer ein 2 m tiefes Grab im Garten gegraben. Eine schöne ovale Grabplatte liegt obenauf und es wäre auch noch Platz für ein paar Freunde, wenn die dazu kommen möchten. Das geht noch nicht in Deutschland. Aber hey…
… Menschen finden Wege, wenn sie trauern – so betont es der späte Fritz Roth, den Fräulein Bork an einem verregneten Tag in Bergisch-Gladbach in seinen „Gärten der Bestattung“ besucht. Dort gibt es nur eine Regel: niemand wird ohne Namen begraben. Der unfassbar kreative Bestatter hat es zu seinem Lebenswerk gemacht, dem Sterben und der Trauer wieder den not-wendigen Raum in unserer Kultur zurückgegeben.

Dann ist da die junge Frau, die die Asche ihres Vaters in ihrem Wohnzimmer aufbewahrt – in Deutschland. Wie gesagt, wo ein Wille ist… Sie muss anonym bleiben, weil wir das hierzulande noch nicht dürfen. Eigentlich ist ihr Handeln ein Beispiel, dass jeder Mensch seine eigene Form und seine eigene Zeit braucht, um Abschied zu nehmen.

Orte der Trauer
Immerhin, es tut sich etwas: wir gehen mit Fräulein Bork in den Friedwald, streifen durch das Kasseler Museum für Sepulkralkultur, fahren in die Schweiz und nach Berlin. Überall haben Menschen den Tod ins Leben geholt, ihm eine Selbstverständlichkeit geschenkt und einen besonderen Raum. Der Silvester – Mann hat ein Café für Eltern von stillgeborenen Babys eröffnet – eine Oase in der Stadt, in der trauernde Eltern etwas betrauern dürfen, das nie wirklich beginnen konnte.

Hanna Bork Friedhof OffbFräulein Bork lässt sich eine Totenmaske aus Silikon abnehmen, damit die Angehörigen später neben der Erinnerung auch etwas zum Anfassen haben. Sie besucht mit der Leiterin des Offenbacher Friedhofs  ein Mausoleum und es überrascht mich nicht: innen glitzert es golden.

Drei Bilder sind mir besonders nachgegangen: mitten im Film plötzlich Stille. Zusammen sitzen wir an einem friedlichen See und die Frage hallt nach: „Wie würdest du deine Urne gestalten?“ Und die Leiterin des Friedhofs, die so froh aus den Treppen sitzt und davon spricht, dass sie nie wieder etwas anderes arbeiten will.

Es leben das Leben!
Und schließlich das Schlusspanorama: Fräulein Bork genießt grinsend einen großen Teller Gnocchi und den Ausblick auf eine sich langsam drehende Landschaft. Darüber verpasse ich völlig ihr Fazit :-), aber hier ist meines: Es gibt tausende von Möglichkeiten über das Sterben nachzudenken. Jede/r tut es auf seine/ihre Weise. Diejenigen, die es wirklich tun, sich vom Sterben und der Trauer berühren lassen, versprühen Leben aus jeder Pore.

Bei Fräulein Bork so ansteckend, dass man hinterher unbedingt das Leben feiern will.

So, bleibt die Frage: Hanna, wann kriegen wir das als DVD, damit ich in aller Ruhe zurückspulen kann und wir deinen Film noch möglichst vielen Leuten zeigen können?

Die Bildrechte liegen hoffentlich bei Hanna Bork.

Und hier – auch wenn ich es hier sicher schon 5x gepostet habe, wenigstens noch der Trailer…

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