Über Annegret Zander

Theologin und Playing Artist

Nur für einen Moment alles

moment

Gott hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.  (Pred 3,11)

(Geschrieben für das Impulse – Heft der Frauenarbeit der EKKW 2017)

Nur für einen Moment
Geborenwerden und Sterben gleich
Für einen Moment alles verstehen
Alles lieben
Alles in seiner Ordnung wissen

Die Hand öffnet ihr Mandala
Ich folge jeder Linie
Falle in Liebe mit ihrer Weichheit Weiterlesen

nur noch

IMG_1306.JPGnur noch eine Seite  schreiben
nur noch eine Blume riechen
nur noch eine handvoll Erde berühren
nur noch einen See durchschwimmen
die
Kleider abstreifen ins Wasser steigen
die grauen Wellen tragen
unter mir die Tiefe
über mir der Himmel
neben mir
die Freundin
Schwan
Trauerweide

in den kleinen Kräuseln liegen
Totermann spielen
ohne Angst

***

Manchmal will ich noch das letzte Tröpfen  aus einem  Tag herauspressen.   Heute feiere ich mit Petra an einem wunderschönen Platz mit Musik und Sonne und Freundin … Und wir waren im Zürisee 🙂

„Die Decke nervt.“ Kleidung und Tod: Annegrets Antworten

IMG_1639Melina Grundmann hat uns geschrieben. Sie recherchiert zum Thema: Totenhemd im Kleiderschrank bzw. „Kleidung und Tod“. Für ein Uni-Seminar. Hier jetzt meine Antworten:

Was verbinden Sie persönlich mit dem Thema Kleidung und Tod? In welche Beziehung setzen Sie die beiden Bereiche zueinander?
Ich habe mir da früher überhaupt keine Gedanken gemacht. Schlicht weil ich es nie musste. So ganz akut wurde die Frage, als Petra und ich bei dem Fotoprojekt „Im letzten Hemd“ der Bestatter Pütz-Roth mitmachten. Aufgabe war: Wie wollen Sie sich bestatten lassen? Da habe ich es zum ersten Mal ganz konkret durchgespielt, bin durch meinen Kleiderschrank durch und es wurde klar: Es geht hier um Würde.  Ich möchte meine Würde auch im Tod gewahrt wissen. Also bitte kein Hemdchen. Schon gar keines, das man hinten nur zuschnürt, Hintern blank, die Länge mit der Schere gekürzt. Ziemlich schnell war mein bestes Kleid gewählt, eines von meiner Lieblingsschneiderin Katja Gastell, Hamburg (Alpenglühen in der Marktstraße ;-)) Es ist aus braunem Nadelstreifenanzugstoff, mit einem Grünbraun gemusterten Rand und Kapuze. Fast alle meine Klamotten haben eine Kapuze, aber dieses ist mein „feines“ Kleid. Bitte die braun-schwarzen Stiefel dazu (siehe Bild). Das Kleid trage ich zu besonderen Anlässen. Es zeigt denen, die mich kennen, meine Verbundenheit mit der Kunst. Es ist so – auch Weiterlesen

Totenhemd trifft Poetry: Zum Schluss

IMG_4116Einen Monat lang gab es Poesie im Totenhemd-Blog. Im Vorfeld und mittendrin wurde gereimt und gerungen, manches flog zu, manches musste erarbeitet werden. So ist das, wenn man versucht, übers Sterben zu reden, versucht, das Schweigen zu brechen, Worte zu finden, die Waage zu finden zwischen Leicht und Tief.

Danke Euch allen, die Ihr mitgemacht habt. Eure Texte haben uns und viele Leser*innen berührt und inspiriert.

Das Totenhemd im Schrank erinnert uns immer mal wieder an unsere Endlichkeit. Kommen wir also damit ins Spiel – und lassen uns ab und zu darauf ein. So wie am Tag der Poesie, an dem ein paar Leser*innen auf Facebook einen Haiku geschrieben haben. Die haben jetzt das letzte Wort in unserer Blogaktion:

Schon sind sie verwelkt
aber draußen die Knospen Weiterlesen

Totenhemd trifft Poetry: Sarah Bernhardt

Es geht…

Es geht, denk ich, übers Sterben zu reden.
Ist doch normal: Leben und Sterben. Sterben und Leben.
Gehört dazu – eins zum anderen. Aber nicht eines ohne das andere.
Und dann seh ich es: das Sterben. Spür es hautnah.
Dem Tod Geweihte, leidend, hadernd, leergeweint.
Das Leben geht über. Ergibt sich dem Sterben. Und mir keinen Sinn.

Es geht nicht, denk ich, übers Sterben zu reden.
Will nicht, kann nicht, darf nicht. Und während ich es aussitze und verschweige, seh ich, dass sie mit dem Sterben leben. Sehe sie trotzig dem Ende entgegen tanzen. Ja, sie tanzen, energiegeladen und federleicht im Augenblicksglück. Sie tanzen, als gäbe es kein Morgen. Als wär die Diagnose nur eine Entscheidung: Dafür oder Dagegen.
Und der Entschluss: Ich bin dagegen.

Es muss gehen, denk ich, übers Sterben zu reden.
Weiterlesen

Totenhemd meets Poetry: Sterbe-ABC

Heute beginnen wir mit unserer 4. Blogaktion! An jedem ungeraden Tag des Monats März lest ihr einen poetischen Text (hier geht´s zu den genauen Regeln – ich hab mich dran gehalten 😉 drei Wörter aus unserer gemeinsamen Sammlung sind drin!). 

Petra und ich wollen dazu anregen, über das Sterben zu reden. Je öfter wir das tun, desto leichter wird´s. Das heißt nicht, dass wir scharf sind auf´s Ableben. Mitnichten!

Sterbe-ABC
A-bdanken werde ich nicht
B-ruder Tod beiß ich in die Hand
C-haron spring ich aus dem Boot
D-raufgehen geb ich dran
E-rde (zu Erde) mische ich mit Blumensamen
F-rieden finde ich im Essen
G-ras spuck ich sofort wieder aus.
H-ein wird niemals mein Freund
I-n den letzten Zügen hole ich extra tief Luft
J-agdgründe umgehe ich
K-lingen umtanze ich
L-ebensbühnenabtritt vertausch ich gegen großes Kino
M-einen Geist geb ich nicht auf
N-ehme das Leben ganz
O-pfern kommt nicht in Frage
P-feife auf den Knochenmann
Q-ualen des Todes verdamme ich
R-adieschen schau ich vergnügt von oben an
S-anft entschlafen verhindere ich mit Koffein
T-hanatos nehme ich die Sense ab
U-nter die Erde kommt höchstens eine Blumenzwiebel
V-atter Gevatter kann mich mal
W-ege alles Irdischen koste ich aus
X-und-hopp nicht mit mir
Y-es zum hingebungsvollen Leben

Z- eitliches segne ich nur unter obigen Bedingungen

ZYXWVUTSRQPONMLKJIHGFEDCBA

sollte es irgendwann doch so weit sein

ergeb ich mich

ja

gut

Annegret Zander

Totenhemd meets Poetry – Phase 2: Mitschreiben!

16805484_1375189912554929_321110693_oLiebe Worttüftler*innen, Gottespoet*innen und Reimeschmieder*innen,

vielen Dank für all die wunderbaren Worte, die ihr entdeckt, durchbuchstabiert und eingeworfen habt, sogar Fotos gab es schon, z.B. herrlich unscharf von Stephanie. Nun beginnt Phase 2 von „Totenhemd meets Poetry“ – und auch DU kannst mitmachen:

Die Challenge
Da wir uns zur Aufgabe gemacht haben, die Leute dazu zu bringen, mehr, leichter und offenherziger über das Thema „Sterben“ zu reden, soll es genau darum gehen. Es soll explizit nicht ums Trauern gehen, sondern ihr kreiert Texte, die Leute dazu locken, über´s Sterben zu reden. Sich überhaupt erst mal zu trauen. Muss nicht tiefgehend sein, darf aber. Darf Lachen und Weinen, Schimpftiraden und Liebesschwüre hervorbringen.

Die Form diesmal: Poetisch!
Kurz oder episch,
gereimt oder als Haiku,
freestyle, slammig oder als Elfchen,
humorvoll, träumerisch, skurril,
ein Spiel mit Worten.

Alles, nur keinen klassischen Blogtext!

Die Spielregel: Suche dir 1 – 3 Worte aus der folgenden Wortwolke und baue sie in deinen Text ein.  („Schummeln ist die Metaphysik des Spiels“, pflegt Annegret´s Playing Arts Freund Christoph Riemer zu sagen…)

So geht´s: Ab sofort nehmen wir Eure „Ich mache mit – “ – Signale entgegen. Wir posten an den ungeraden Tagen im März. Wenn Weiterlesen

Aufruf zur 4. Blogaktion: Totenhemd meets Poetry – Phase 1: Wörter sammeln!

img_3977Liebe Worttüftler*innen, Gottespoet*innen und Reimeschmieder*innen,
wir laden Euch ein zu unserer 4. Blogaktion im März!

Die Challenge
Da wir uns zur Aufgabe gemacht haben, die Leute dazu zu bringen, mehr, leichter und offenherziger über das Thema „Sterben“ zu reden, soll es genau darum gehen. Es soll explizit nicht ums Trauern gehen, sondern ihr kreiert Texte, die Leute dazu locken, über´s Sterben zu reden. Sich überhaupt erst mal zu trauen. Muss nicht tiefgehend sein, darf aber. Darf Lachen und Weinen, Schimpftiraden und Liebesschwüre hervorbringen.

Die Form diesmal: Poetisch!
Kurz oder episch,
gereimt oder als Haiku,
freestyle, slammig oder als Elfchen,
humorvoll, träumerisch, skurril,
ein Spiel mit Worten.

Alles, nur keinen klassischen Blogtext, Ihr Lieben.

Damit das alles noch ein bisschen mehr aufgemischt wird, gibt es jetzt „Phase 1“
Wir sammeln Wörter, die später in den Texten auftauchen werden, denn eine weitere Spielregel lautet: verwende 1-3 Wörter aus unserer Sammlung!

Petra und ich haben schon mal beim Essen beim Inder angefangen zu sammeln, siehe Foto. Und Ihr schreibt jetzt bitte bunt durcheinander wahrscheinliche und unwahrscheinliche einzelne Wörter für unsere Sammlung in die Kommentare.

Phase 2 startet nächste Woche. Da geben wir dann die Termine raus. Gerne schicken wir – wer mag – auch Aufgaben an euch raus.

Also: jetzt erst mal her mit den Wörtern!

Mrs. B.: Mein erster toter Mensch

img_3907Es war gar nicht geplant. Nach dem Abi ´85 hatte mich eine englische Freundin in ein Deutsches Altenheim in London vermittelt. Ich wollte ein bisschen Auslandserfahrung sammeln. Das Altenheim hatte sie in den Kleinanzeigen gefunden. Die „Matron“ des Hauses sucht deutsche Mädels, die mit den alten Damen Deutsch sprechen und in der Pflege helfen.
Es war meine erste direkte Erfahrung mit alten Körpern. Meine Großmütter hatte ich ja nie gewaschen. Diese wunderbaren alten Damen, die ihr Englisch hier und da schon ein wenig vergessen hatten und sich über so ein junges Mädchen freuten, brauchten meine Hilfe bei der Morgentoilette, beim Essen – und ein wenig Unterhaltung irgendwo zwischen Deutsch- und Englischland.
Und so geriet ich mit gerade mal 18 Jahren in „mein erstes Sterben“. Es war einfach so weit für Mrs. B.. Ich blieb bei ihr. Der aufgeblähte Leib, die zerzausten Haare, die zerwühlten Laken. Das schwere Atmen. Das nicht mehr Atmen. Das Alleinsein.
Denn da war sonst niemand, der sie (oder uns) begleitete.
Es war irgendwie gut.
Später, als sie – recht bald – vom Bestatter abgeholt worden war, begann ich die Laken zu waschen. Mit großer Verve. Ein Ritual – was auch immer. Ich bekam die riesigen Schweißflecken nicht heraus. Das hat mich mehr als alles andere irritiert. Der Abdruck eines vergangenen Lebens.
Mrs. B. hatte keine Angehörigen. Ich durfte mir von ihrem Schmuck etwas heraussuchen. Eine goldene Gliederkette mit Türkisen.
Danke, Mrs.B.

Ich hab keine Angst vorm Sterben, ich hab Angst vorm Tod

Warnung: Mitfühlende Kommentare seelsorgerlicher Art mit zukunftsweisenden Gedanken der Hoffnung und ähnlichem Duktus werden nicht entgegen genommen und kommentarlos gelöscht. Ich mein´s ernst.

  1. Das ging los, kurz nachdem ich mein Kind bekommen hatte. Heulend fuhr ich über eine Landstraße mit dem verzweifelten Gedanken „Ich darf nicht Sterben!!!!“ Viele Jahre später und mit deutlich weniger Hormonen im Blut, begleitet mich dieser Gedanke bei fast jeder Autofahrt. Besonders, wenn so ein Arsch mit 200 Sachen an mir vorbei schiebt. Wenn du so ein Arsch bist, der/die gerne schnell und links fährt: Denk an mich: Ich hab ein Kind zu Hause, das auf mich wartet.
  2. Ich bin gespannt auf mein Sterben. Ich freu mich auch darauf. Auch wenn es schmerzhaft sein sollte. So wie Kinderkriegen. Ich hoffe sehr, dass mir ausreichend Zeit zum Laborieren gegönnt wird. Aber ich bin nicht bereit, tot zu sein. Nicht vor Mitte 80. Klar?
  3. Meine Eltern werden alt. Ich weiß seit Oktober, dass ich in der Lage wäre, meinem Vater eine Windel zu wechseln, wenn nötig. Das hätte ich mir vorher nicht vorstellen können. Aber wenn man das einmal bei jemand anders gemacht hat, der einem nicht so nahe steht und die Schamgrenze mit einem tiefen Atemzug und Ärmel hoch überwunden hat, dann geht´s. Ich habe genug Informationen gesammelt und angewendet, um ihn oder wen auch immer im Sterben zu begleiten. Ich habe mit Petra und hier im Blog und mit anderen so viel über´s Sterben geredet, dass ich für den Ernstfall erprobtermaßen vorbereitet bin. Ein Glück.
    Aber ich habe so richtig Schiss vor dem Loch in der Gegenwart. Vor dem Schmerz. Wenn sie tot sind. Ich will das nicht fühlen. Ich weiß nämlich, wie saumäßig weh das tut, wenn einem ein Mensch fehlt. (Und glaubt mir, ich bin auch in Sachen Trauerrituale etcpp mit vielen Wassern gewaschen. Darum verbitte ich mir auch hierzu Kommentare.)
  4. Ich will es einfach mal sagen: Ich hab Angst vor dem Tod. Meinem eigenen und dem meiner Lieben.